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Kritik: Missbraucht Apple iOS als Werbeplattform?

21.02.2020 | 14:38 Uhr | Stephan Wiesend

Für Apple sind Abo-Dienste wie Apple TV+ und Apple Music so wichtig geworden, dass die Werbung immer aufdringlicher wird.

Die Kritik des Entwicklers Steve Streza ist hart . Apple mache aus iOS immer mehr einen „Paywalled Garden“ und als Nutzer wäre es kaum noch möglich Werbeanzeigen für TV+, News+, Arcace, Card und Music zu entkommen. Sein Vorwurf: Seitdem Dienste wie Music und TV+ für Apple so wichtig geworden sind, seien Apples vorinstallierte Programme immer mehr zur Werbeplattform für die firmeneigenen Abos mutiert. Hat er recht?

Bei diesem Thema sollte die Macwelt.de zwar vorsichtig sein, ist unsere Seite doch eine werbefinanzierte Plattform und bei diesem Thema befangen. Der Entwickler hat aber nicht ganz unrecht: An penetrante Werbung für Apple Music hat man sich gewöhnt, mit iOS 13 und den neuen Diensten ist die Werbeflut aber deutlich stärker geworden. Öffnet man etwa nacheinander die Apps TV, App Store und Musik, sieht man bei jeder App beim Programmstart Werbung für Apple-Abos – fast wie bei einer werbefinanzierten App, könnte man meinen. Wieder mal ein „First-World-Problem“, mag jetzt mancher meinen, Werbung ist schließlich allgegenwärtig. Viele Anwender wird die Werbung wohl wirklich kaum stören.

Es ist aber eine Art Tabubruch und keine positive Entwicklung für iOS, da bei Apples Apps anscheinend immer stärker die Rolle als Abo-App und immer weniger die Funktionalität als Programm im Vordergrund stehen. Es gibt noch einen zweiten Aspekt: Die intensive Werbung durch Apple mag für einen Anwender vielleicht nur etwas lästig sein, für App-Entwickler und Anbieter konkurrierender Dienste ist sie ein Schlag ins Gesicht. App-Entwickler wie Streza aber auch Netflix und Spotify müssen sich mit einem Konkurrenten auseinandersetzen, für den bei der Produktwerbung völlig eigene Regeln gelten.

Hat Apple das nötig? Schließlich ist der iPhone-Konzern finanziell so gut abgesichert wie kein zweites Unternehmen. iPad oder iPhone sind nicht gerade billig und immer noch der wichtigste Umsatzbringer für Apple: Nach dem Kauf eines iPhone Pro für 1149 Euro, wird man aber schon im Apple Store das Abschließen eines Apple-Care-Vertrages empfohlen. Beim ersten Start von iOS 13 geht es dann weiter: Empfohlen wird die Einrichtung von Apple Pay, ein Probe-Abo von Apple TV+ wird angeboten und das kostenlose 5-GB-iCloud Abo sollte man ebenfalls baldmöglichst erweitern. Das ist so üblich, heute aber nur noch das Vorspiel und setzt sich nun beim ersten Einschalten mit der Werbung für Apple-Abos weiter. 

Zu viele Dienste

Wir müssen dem eingangs erwähnten Streza zustimmen, dass Apples Werbung für Apple Music richtig lästig werden kann. Der Abo-Dienst ist erstklassig, will man aber auf ihn verzichten, gibt es trotzdem kein Entkommen. Um unter iOS Musik zu hören, kommt man nur schwerlich am vorinstallierten Player Musik herum. Dieser ist aber immer mehr zur Verkaufsplattform für Apple Music geworden und fordert schon beim Programmstart zum Abschluss eines Abos auf – statt beispielsweise zum Import eigener Musiksammlungen aufzufordern. Als erfahrener Anwender kann man die Apple-Music-Werbung unter den Einstellungen der App deaktivieren, es fällt aber schnell auf, wie viele Funktionen ein kostenpflichtiges Abo voraussetzen, beispielsweise die Anzeige von Liedtexten oder das Hören von anderen Radiostationen als Beats 1.

Neben Music empfehlen ab iOS 13 dann noch weitere Apps ein „Upgrade“: Aus der App Videos ist die App TV geworden, die den Apple-Anwender schon beim ersten Programmstart zum Abschluss eines Apple-TV-Probeabos animiert – und durch Werbebanner immer wieder an dieses Angebot erinnert. Beim Installieren von Apps – was nur über den App Store möglich ist – sieht man dann Werbung für Apples Spiele-Abo Arcade.

Vor allem bei der Bewerbung von Apple Music übertreibt Apple ein wenig.
Vergrößern Vor allem bei der Bewerbung von Apple Music übertreibt Apple ein wenig.

Unfair gegenüber Entwicklern: Für Apple selbst gibt es weniger Einschränkungen bei Werbungsmethoden. Während die Nutzung von Systemnachrichten für Dritthersteller stark reglementiert werden, wird man von Apple regelmäßig über Probe-Music-Abos oder andere Angebote informiert. Bei der Bewerbung von Arcade nimmt sich Apple gegenüber anderen Anbietern ebenfalls Sonderrechte heraus und bewirbt den Dienst mit bildschirmfüllenden Anzeigen und zahlreichen Videos – was für Dritthersteller unseres Wissens so gar nicht möglich wäre.

Eine weitere Ursache könnte der Apple-interne Konkurrenzkampf sein: Die neuen Dienste wie Apple +, Arcade und Apple Music sind bekanntlich für Apple sehr wichtig: Die Hardware-Umsätze stagnieren, mit Diensten wie Apple TV+ oder Music kann Apple seine Umsatzzahlen steigern und hohe Wachstumszahlen erreichen – existenziell für ein Aktienunternehmen. Jeder Dienst hat aber eigene Abteilungen hinter sich, die persönlich für dessen Erfolg verantwortlich sind. Hier will vermutlich keiner zurückstehen und fordert intensive Werbekampagnen für seinen Dienst.

Zu viele Dienste konkurrieren um Aufmerksamkeit

In früheren Jahren hat sich Apple seinen guten Ruf durch eine hervorragende Nutzererfahrung und erstklassige Software erworben. Bei Apps wie Musik und Apple TV steht aber immer stärker der Verkauf von Abos im Vordergrund – was langfristig keine positive Entwicklung für die iOS-Plattform ist. Als es nur Apple Music gab, störte die Werbung nur begrenzt – nun kämpfen aber auch Apple TV+, Arcade und bald Apple News um die Aufmerksamkeit des Nutzers. Dabei sieht der Nutzer zusätzlich zur Apple-Music-Werbung im Musikplayer vielleicht kurz darauf noch Apple-Music-Werbung in Twitter und Werbung für iPhones im Fernseher. Hier sollte Apple nachbessern – und vielleicht einfach akzeptieren, dass manche Apple-Anwender lieber Spotify benutzen.

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