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Machphisto (15): Fahrt in der Hölle

13.01.2021 | 09:00 Uhr |

Im Autoradio spielen sie wieder ein recht seltsames Programm, meint unser teuflischer Kolumnist.

Neulich hat Macphisto im Autoradio gehört, dass George Harrison davon sprach, Gerüchte wären das Radio des Teufels. Gleich mal bei den Kollegen in der Hölle nachgefragt, von einem Harrison hätten sie nie etwas gehört. Das mit Radio stimme so auch nicht, man höre ja Streams via Spotify, Apple und Amazon. Kein Wunder: Der einstige Pilzkopf weilt seit bald zwanzig Jahren ein paar Stockwerke höher, auf Cloud Nine. Und genau auf dem Harrison-Album gleichen Namens aus dem Jahr 1987 fand Macphisto auch die Quelle für die Behauptung aus dem Autoradio: Der Song "Devil's Radio" klagt an, dass "gossip" das Radio des Teufels sei. Nicht die Band von Beth Ditto, sondern das Getratsche, Geschwätz und Geschwurbel, dass in normalen Zeiten vor allem lästig ist, im digitalen Zeitalter mit seinen Echokammern aus Empörung aber verdammt gefährlich. Das Radio des Teufels ist des Pudels Kern, keine Frage. Hat der Herr Harrison gut erkannt, leider ist es Macphisto nicht möglich, seine Zustimmung persönlich zu überbringen.

Gerüchte aber sind etwas anderes, hier irrt der Rundfunk bei der Übersetzung des Harrison-Textes. Gerüchte können zwar auch frei erfunden sein oder zumindest missverstanden, bevor sie weiter getragen werden wie elendes Geschwätz. Doch sind sie mehr als Gossip, manche Gerüchte sind einfach nur Nachrichten, für die es noch keine Bestätigung gibt. Den Stehsatz von den sich verdichteten Gerüchten hat man zwar zu oft gelesen, als dass man ihn noch weiter verwenden wollte, doch visualisiert er einen Prozess der Erkenntnis. Dort, wo früher nur Nebel war, ohne Zentrum, ohne Struktur, zeichnen sich mit der Zeit immer mehr Formen ab – und wenn der Nebel verweht, mag es manchmal ganz anders sein, als man sich zunächst dachte, hat mit der einstigen Vorstellung aber immer noch etwas gemein. Gossip funktioniert anders herum: Aus einer objektiven Tatsache werden verschwommene, verschwurbelte Formen, von Unwissenheit und teuflischer Boshaftigkeit überlagert.

Das "Verdichten" von Gerüchten kann man sich auch ein wenig wie die Sternentstehung aus Gaswolken vorstellen. Aus einer Inhomogenität entstehen Gravitationszentren, die immer mehr Gas anziehen, bis die Fusion zündet und ein neuer Stern erstrahlt. Das dauert schier ewig, wer außer Macphisto und seinen höllischen Kollegen hat aber schon Ewigkeiten an Zeit zur Verfügung? Bleiben wir lieber beim lebensnäheren Bild des Nebels.

Gerüchte sind also nicht unbedingt des Teufels, manchmal steckt der Teufel aber im Detail des Gerüchts. So kursieren seit dem Jahreswechsel wieder unbestätigte Nachrichten über ein von Apple-Technologie getriebenes oder wenigstens unterstütztes Kraftfahrzeug.

Das Apple Car kommt also. Oder auch nicht. Kaum vor 2024 oder sogar noch später. Über Apples "Project Titan" hat Macphisto schon etwa 2015 gehört, als noch Gene Munster sein unbestätigtes Wissen über einen Fernsehapparat mit Apple Logo so oft posaunte, bis das einige Leute bereits für bare Münze hielten. Wenigstens war der stets wiederholte Inhalt nicht bösartig, so wie das Gezeter der nun  abgewählten Orangenhaut, die von einigen Kollegen auf den unteren Stockwerken schon sehnsüchtig erwartet wird.

Aber an den Gerüchten über das Auto mit Apfel-Logo auf der Kühlerhaube hat sich bislang wenig verdichtet, kein neuer und guter Stern auf allen Straßen hat zu leuchten begonnen. Schon im Jahr 2020 werde das iCar ins Rollen kommen, hofften vor einem halben Dutzend Jahren die längst Lügen gestraften größten Optimisten. Im Jahr 2020 hat man stattdessen erstmals seit langer Zeit insgesamt wieder weniger Autos auf den Straßen der Welt gesehen, das hatte aber andere Gründe. Immerhin: Eine Technologie, die für das autonome Fahrzeug entscheidend sein könnte, brachte Apple im vergangenen Jahr zur Marktreife: Das Lidar, gewissermaßen eines der Augen der autonomen Fahrzeuge.

Für die Kommunikation – weder Gossip noch Gerücht, bitte! –  mit anderen Verkehrsteilnehmern dürfte ein lückenloses Ultrabreitband-5G-Netz vonnöten sein, ob ein weitgehend autonomes Fahrzeug Akzeptanz bei den Kunden findet, wenn man außerhalb der Ballungszentren wieder selbst die Hand ans Steuer nehmen muss? Macphisto kann beruhigen: Zumindest der 'Highway To Hell' ist gut ausgebaut, vor allem dann, wenn der 'Stairway To Heaven' zu beschwerlich ist.

Und dann ist da die Sache mit der Batterie: Wenn die Leute es gewohnt sind, mit einer Tankfüllung 700 Kilometer weit zu kommen oder im Stadtverkehr nur einmal die Woche an die Zapfsäule zu müssen, geben sie sich mit weniger nicht so schnell zufrieden. Doch am Lithium hängt, zum Lithium drängt doch alles, in einer teuflisch berechnenden Art und Weise, dass einem der Höllenschlund der Deepwater Horizon schon beinahe harmlos vorkommt.

Wie man hört, arbeitet Apple aber auch an bahnbrechenden Akkutechnologien, eventuell mit Materialien wie Graphen, die enorme Reichweiten und kurze Ladezeiten ermöglichen. Vielleicht braucht es das aber nicht, denn E-Mobilisten "tanken" eben dann, wenn sie das Auto mal für eine halbe Stunde irgendwo stehen haben und dabei etwa den Einkauf erledigen, und nicht erst dann, wenn die Nadel der Benzinuhr den roten Bereich erreicht. Warum die Farbe von Macphistos Wohnzimmerwänden den meisten Menschen immer noch zur Warnung dient, darüber will er gar nicht lange nachdenken.

Apple, das so großen Wert auf Umweltfreundlichkeit legt, wird sich damit befassen müssen, dass die Produktion von E-Fahrzeugen – vor allem wegen der Batterie – aktuell noch so viel mehr CO 2 -Ausstoß bedeutet, dass sich der Stromer gegenüber dem Benziner erst in der Größenordnung von 50.000 Kilometern amortisieren wird. Eine hehre Aufgabe, denn der Mensch irrt, solange er strebt.

Macphisto freut sich also darauf, Apples Ingenieure sich diesbezüglich quälen zu sehen. Schon heute wissen sie viel, wollen alles wissen und sehen, dass sie doch nichts wissen können! Beim Herze verbrennen ist Macphisto dann wieder ganz bei sich.

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