2586384

Macwelt-Interview mit Phil Schiller im Januar 2002

12.05.2021 | 16:40 Uhr |

Wir sprachen auf der Macworld Expo 2002 mit den Apple-Vertretern über iMacs und iBooks, iPhoto und iPod. iPhone kommt auch vor, wenngleich recht versteckt.

Eigentlich ganz zufällig bei der Recherche über die iMacs der allerersten Generation sind wir über einen Link gestolpert, der  auf ein Macwelt-Interview mit Phil Schiller, dem langjährigen Marketing-Chef von Apple und Pascal Gagni , dem Vizepräsidenten Apple Europa, führte. Der Link führte zwar ins digitale Nichts, doch mit dem Wunder von Internet Archive konnten wir den kompletten Text wiederherstellen. Aus Gründen der Archivierung publizieren wir nun das Interview neu an dieser Stelle. Das Interview hat  unser Korrespondent am 10. Januar 2002 in San Francisco geführt – ein historisches Dokument, das auch heute noch eine freudige Lektüre bereitet!

Macwelt:

Gratulation zum neuen iMac ( G4, Anm. d. Red. ), ein tolles Design, wie wir finden. Mit einem Einstiegspreis von 1300 Dollar gibt Apple jedoch das Einsteiger-Segement unterhalb von 1000 Dollar auf. Befürchten Sie nicht, dass Sie dadurch viele Neukunden verlieren?

Phil Schiller:

Einen Computer wie den neuen iMac, mit all seinen technischen Innovationen, wie TFT-Monitor, G4-Prozessor und Superdrive kann man derzeit nicht für unter 1000 Dollar anbieten. Dennoch geben wir das Einsteiger-Segment nicht auf. Zwei Modelle der alten iMac-Linie bleiben weiterhin im Programm. Sie liegen unterhalb von 1000 Dollar, was in den USA eine kritische Schwelle ist.

Macwelt:

Das iMac-Top-Modell mit Superdrive, und 800 MHz G4-Prozessor kommt sowohl von der Leistung als auch vom Preis sehr nahe an die G4-Desktop-Macs heran. Macht Apple sich da nicht Konkurrenz im eigenen Hause?

Phil Schiller:

Ich liebe diese Frage, denn sie sagt uns, dass wir wirklich viel Leistung in den neuen iMac gepackt haben, aber die Kunden der G4-Power Macs wollen etwas anderes. Sie wollen Dinge wie das Cinema-Display, Multiprozessing, PCI-Steckplätze und die Möglichkeit mehrere interne Festplatten einzusetzen. Sie wollen schlicht das Beste an High-End-Technologie, das wir machen.

Macwelt:

Eine sehr interessante Sache ist die Ankündigung, dass Apple mit iPhoto nicht nur eine neue kostenlose Consumer-Software anbietet, sondern zeitgleich einen Internet-Service bereitstellt, der, wenn man ihn richtig nutzen will, auch Geld kostet, denn 20 MB kostenloser Speicherplatz für iPhotos sind schnell voll.

Phil Schiller:

Da ist etwas Wahres dran, aber ganz so sehen wir das nicht. Wir wollen Lösungen für unsere Kunden bereitstellen. Wir sind die letzte Firma im IT-Bereich, die die volle Verantwortung für unsere Kunden übernehmen. Das geht von der einfachen Bedienung unserer Computer bis zu der Möglichkeit die schönen Fotoalben zu fertigen. Ein weiteres Beispiel dafür ist iDVD. Was nützt diese Software, wenn unsere Kunden keine DVD-R-Medien zu einem vernünftigen Preis bekommen können. Deswegen bieten wir selbst diese Medien an. Aus diesem Grund machen wir das, nicht, weil wir unbedingt im Internet-Geschäft mitmischen wollen, wir wollen eine komplette Lösung für unsere Kunden liefern.

Pascal Cagni:

Um die Antwort zu ergänzen: wir sind derzeit noch nicht in der Lage, den Foto-Service in Europa anzubieten, aber wir arbeiten bereits daran. Da gibt es natürlich Unterschiede in den Prioritäten, Europa ist wesentlich mehr fragmentiert als die USA, aber wir schauen uns das sehr genau an.

Macwelt:

Das dürfte in anderen Ländern wohl auch so sein.

Pascal Cagni:

Ja, das ist derzeit bei allen Ländern außerhalb der USA so. Ich denke, obwohl wir diesen Service noch nicht global anbieten können, leistet iPhoto auch ohne diesen schon so viel, dass es sich für alle Mac-Kunden weltweit bereits jetzt auszahlt. Die Art, wie es Fotos organisiert und dem Benutzer zugänglich macht, ist einzigartig, außerdem nutzt es alle Vorteile von Mac-OS X aus. iPhoto kommt drei Jahre nach unserer ersten Consumer-Applikation iMovie und aufgrund der Erfahrung, die wir damit gemacht haben, ist iPhoto schon jetzt erwachsen.

Macwelt:

Wie bewerten Sie die bisherige Anzahl an Software-Portierungen für Mac-OS X. Inzwischen sollen ja 2500 Programme nativ unter Mac-OS X laufen. Ist das besser, als Apple erwartet hat?

Phil Schiller:

Das ist die Zahl, die wir erhofft hatten. Wir haben unsere Erwartungen mit der Zeit etwas höher geschraubt, weil wir merkten, dass es immer besser läuft. Von einem Jahr noch hatten wir nicht mit 2500 Programmen gerechnet, doch im Oktober vergangenen Jahres gab es einen kräftigen Knick nach oben in der Kurve der Portierungen. Das lag an Mac-OS X 10.1, was viele Verbesserungen besonders in puncto Performance gebracht hat, was viele Entwickler brauchten. In den letzten drei Monaten kamen über 1000 Mac-OS-X-Programme heraus, das sind etwa 10 Programme pro Tag. Und das sind "nur" Mac-OS-Programme. Was wir noch sehen ist, dass immer mehr Unix-Entwickler auf die Mac-Plattform wechseln, weil sie sehr leicht ihre Unix-Programme auf den BSD-Kern von Mac-OS X anpassen können. Ebenso die Java-Entwickler, denn die können nun auch die Java-2-Implementierung in Mac-OS X aufsetzen. Im letzten Quartal allein wuchs unsere Entwickler-Basis um 25 Prozent. Über das ganze Jahr gesehen waren es 75 Prozent.

Macwelt:

Lassen Sie uns kurz über das neue iBook reden. Das bisherige Modell mit 12-Zoll-Display ist der wahrscheinlich erfolgreichste portable Computer bislang. Was hat Apple dazu bewogen, eine Version mit 14-Zoll-Bildschirm zu entwickeln?

Phil Schiller (lacht):

Ja, das ist ganz einfach: Wir befragen ständig unsere Kunden "Was können wir an unseren Produkten verbessern?". Beim iBook war das sehr, sehr lustig, denn die mit Abstand häufigste Antwort, die wir von unseren Kunden auf diese Frage bekommen haben war: "nichts". Sie wollten das iBook genau so, wie es war, es gäbe nichts zu verbessern. Das ist großartig, denn so etwas bekommt man nicht oft von seinen Kunden zu hören. Die mit weitem Abstand zweithäufigste Antwort war: "ein größerer Bildschirm". Daher haben wir uns entschlossen, beides zu berücksichtigen. Wie behalten das 12-Zoll-Modell im Programm und bieten zusätzlich eine 14-Zoll-Version an, damit die Kunden wählen können. Die Zeit wird uns sagen, was die Kunden wirklich wollen.

Pascal Cagni:

Es gibt noch einen weiteren Grund für das 14-Zoll-Modell. Das Display ist nicht nur größer, es ist qualitativ auch besser. Sie werden kaum ein Produkt auf dem Markt finden, das bei einer Bildschirmgröße von über 12 Zoll ein solche scharfes und klares Bild liefert. Zudem: wenn Sie DVDs anschauen wollen, dann ist der 14-Zoll-Bildschirm einfach besser. Aber noch etwas ist ganz wichtig, durch das 14-Zoll-Modell konnten wir das bisherige Top-Modell mit dem Combo-Laufwerk im Preis auf 1400 Dollar senken, was ein unglaublich niedriger Preis ist, durch den wir mit Sicherheit Marktanteile gewinnen werden. Das passiert auch schon, weltweit wächst unser Marktanteil Stück für Stück. Ein weiterer interessanter Punkt ist das Einstiegsmodell mit CD-Laufwerk, das in das Konzept des mobilen Klassenzimmers in den Schulen hervorragend reinpasst. Wir denken, dass wir unseren Marktanteil durch dieses Konzept von derzeit 25 Prozent auf 30 bis 40 Prozent im gesamten mobilen Markt steigern können.

Phil Schiller:

Genau, jemand fragte mich einmal: "Machen 100 Dollar Preisdifferenz wirklich etwas aus?" Denkt man an ein einzelnes Gerät, lautet die Antwort: "vielleicht ja, vielleicht nein", aber im Vergleich zum Bildungsmarkt, wo wir sehen, dass der Staat Maine 36.000 iBooks bestellt, da machen 100 Dollar pro Einheit einen gewaltigen Unterschied.

Macwelt:

Thema iPod. Steve sagte in der Keynote, dass der iPod einen phänomenalen Start hatte und sich sehr gut verkauft. Ohne über neue Produkte zu spekulieren: ist der iPod der Beginn einer ganz neuen Produkt-Strategie oder einfach ein einzelnes "Außenseiter-Produkt"? Der iPod passt prima in den Vergleich mit Sony, die sich selbst ebenfalls als Firma für den "digital lifestyle" sehen. Will Apple auf dieser Linie bleiben, hieße das jedoch mehr, als nur einen MP3-Player zu produzieren.

Phil Schiller:

Ich kann nichts darüber sagen, was wir vielleicht später einmal machen werden. Wir versuchen die Dinge einfach zu halten und uns zu fokussieren, damit wir eine Sache wirklich gut machen können. Als wir uns den Markt rund um den "Digital Hub" angesehen haben, entschieden wir, dass es bereits jede Menge gute digitale Fotokameras, prima DV-Camcorder und exzellente DVD-Player gibt. Aber es gab keinen wirklich guten MP3-Player, den jeder von uns benutzen würde. Genau deswegen wollten wir einen bauen. Wir dachten darüber nach und fanden heraus, dass wir wirklich einen Durchbruch in diesem Bereich schaffen könnten. Es war ein sehr kurzfristiges Projekt. Es dauerte nur 18 Monate von der Entscheidung bis zum fertigen, lieferbaren Produkt. Und wir nutzen die gesamte Zeit, um einen wirklich guten digitalen Musik-Player zu schaffen. Nun arbeiten wir daran, das Gerät noch erfolgreicher zu machen, noch mehr zu verkaufen. Wir haben noch nicht darüber nachgedacht, was danach noch kommen könnte. Wir haben lediglich den Bedarf nach einem solchen Gerät gespürt und ihn gedeckt. Wer weiß, vielleicht machen wir solche Dinge in der Zukunft noch mal, aber dazu gibt es jetzt noch keine Pläne.

Pascal Cagni:

Ergänzend dazu sollte man sagen, dass der iPod uns die Gelegenheit gegeben hat, ein Produkt zu entwickeln, dass unseren Vorteil, nämlich die Software und die Hardware aus einer Hand zu entwickeln und zu produzieren, voll ausspielt. Dadurch erreichen wir eine ganz andere Akzeptanz im Markt. Anders als bei vergleichbaren Produkten, die am Anfang hohe Verkaufszahlen erreichten und dann einen starken Einbruch erlebten, wird der iPod sich mit der Zeit immer besser verkaufen. Wir merken das, wenn wir den iPod präsentieren. Sobald die Kunden sehen, wie einfach das Gerät arbeitet und wie harmonisch die Integration in das Mac-OS und iTunes ist, gehen sie los und kaufen einen iPod. Unsere Aufgabe ist es nun, die iPod bekannter zu machen. Wir sind sicher, dass er sich dann immer weiter verbreitet.

Macwelt:

Letzte Frage: Wird es die Apple Stores in Europa geben?

Pascal Cagni:

Zunächst einmal: wir sagen niemals "nie", aber es ist klar, dass wir bislang keinerlei Pläne für ein Apple-Store-Konzept in Europa haben. Vor drei Jahren haben wir das "Store-in-a-Store"-Konzept in Europa eingeführt. Wir haben das von 250 auf 350 Geschäfte erweitert, aber wir haben noch mehr in dieser Richtung zu tun. Auch muss man sagen, dass erst sechs Monate vergangen sind, seit wir den ersten Apple-Store eröffnet haben. Wir hatten in den letzten drei Monaten 20 Neueröffnungen in den USA, das ist für uns ein Geschäft, das wir erst erlernen müssen, aber das braucht mehr Zeit. Also ganz klar: die Apple-Stores sind derzeit nicht auf unserer To-Do-Liste in Europa.

Macwelt:

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mit Phil Schiller und Pascal Cagni sprach Macwelt-Redakteur Christian Möller

Macwelt Marktplatz

2586384