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Musikindustrie sträubt sich lange

21.10.2011 | 09:41 Uhr | Peter Müller

Musikindustrie sträubt sich lange

Die Verkaufszahlen des iPod gingen aber nicht zuletzt wegen einer Innovation durch die Decke, die Apple lange mit der Musikindustrie aushandeln musste: Der iTunes Store sollte zur marktbeherrschenden Quelle für digitale Musik werden. Apples defensive Haltung in Sachen digitaler Kopie - iTunes konnte ab Werk keine Musik vom iPod zurück auf die Festplatte spielen und konterkarierte so die Unterstellung, ein trojanisches Pferd der Raubkopierer zu sein - warf Früchte ab. Eine komplette Industrie ließ sich auf ein völlig neues Geschäftsmodell ein, das sämtlichen bisherigen Vorstellungen Hohn sprach. Im iTunes Store muss keiner ein Album kaufen, wenn er nur einen oder zwei Songs haben will, genau das war einer der gründe für die Popularität der Tauschbörsen. Genau die sah Apple als Hauptkonkurrenten für den iTunes Store an, als dieser 2003 an den Start ging, und nicht die bald folgenden Angebote von Real Networks oder Bertelsmann, das die Überreste von Napster aufgekauft hatte.

Die ängstliche Musikindustrie hatte jedoch einen Kopierschutz durchgesetzt, das war der Preis dafür, Musik so einfach wie möglich anbieten zu können: Jeder Song kostet nur 99 Cent, ein Album 9,99 Dollar. Nur auf fünf Rechnern darf man die mit Fair Play geschützten Stücke abspielen, aber auf beliebig vielen mobilen Geräten, also iPods. Wiedergabelisten darf man nicht öfter als zehn Mal brennen, das "Recht auf Privatkopie" goss Apple in eine technische Lösung.

Auch heute schätzt nicht jeder Künstler den iTunes Store aus den beschriebenen Gründen. Wer lieber Alben verkauft - aus künstlerischen oder kommerziellen Gründen, sei dahingestellt - schätzt den Einzeldownload natürlich gar nicht. Und dass der iTunes Store nur eine gut getarnte Tauschbörse sei, vermuteten einige Plattenfirmen und Bands selbst dann noch, als Apple zehn Millionen iPods pro Quartal verkaufte und in jedem Jahr ein Milliarde Musikdownloads. Bis zum Sommer 2011 hatte Apple insgesamt 15 Milliarden Musikdownloads verkauft. Songs können mittlerweile zwar auch 79 Cent kosten und auf Alben gar weniger, doch rechnen wir einfach mal mit bis heute generierten 15 Milliarden US-Dollar, von denen die Labels 70 Prozent einbehalten durften. Kein schlechtes Geschäft.

Die Geschichte des iPad fängt gerade erst an

Sieht man sich die jüngsten Verkaufszahlen für den iPod an, hält man seine Geschichte auf den ersten Blick für auserzählt. Im vierten Quartal 2011 verkaufte Apple nur noch sechs Millionen Geräte, ein Viertel weniger als vor einem Jahr. Auf den zweiten Blick erkennt man: Der iPod ist noch lange nicht am Ende, denn er ist Teil eines weiterhin expandierenden Musikuniversums. Wer iPhone oder iPad immer dabei hat, braucht einen iPod nur noch zu speziellen Zecken. Etwa zum Joggen den iPod Shuffle, auf den man regelmäßig die 20 zuletzt gekauften Alben (oder deren Single-Äquivalent von 2 GB) spielt. Für den entspannten Musiknachmittag im Garten einen iPod Nano, wenn man sich nicht vom Telefon stören lassen will - der Nano taugt zudem auch prima als Radio für den Fußballnachmittag. Ins Auto kommt ein Classic, wenn man es hinkriegt, die zickige Stereoanlage dort zum Empfang der Musik zu überreden. Und wer sein Telefon nur zum Telefonieren haben möchte, kauft zwar kein iPhone, aber für Spiele oder andere Apps einen iPod Touch. Allein von diesem margenträchtigsten iPod hat Apple im vergangenen Quartal drei Millionen Stück verkauft. Insgesamt hat Apple bisher 300 Millionen iPods an die Kundschaft gebracht, dazu rund 100 Millionen iPhones und bald 50 Millionen iPads. Sonys Walkman wirkt mit seinen 200 Millionen Exemplaren wie ein Zwerg aus grauer Vorzeit.

Das iPhone ist die Verbindung von iPod, "revolutionärem Telefon und bahnbrechendem Internetgerät", wie es Steve Jobs im Januar 2007 seinem Publikum auf der Macworld Expo 2007 einbläute. Bis einschließlich iOS 4.x zeigte sich das bereits auf dem Display des Smartphones und des iPad: Die App für Musik, Podcasts und Videos hieß "iPod". Im Zuge der Vereinheitlichung des Systems von iPhone, iPod Touch und iPad heißt die App nun "Musik". Das mag Indiz dafür sein, dass die Marke "iPod" bei Apple in Zukunft nur noch ein Nischendasein fristen wird. Doch was den iPod ausgemacht hat - die einfach Bedienung, der große Speicher und vor allem die Infrastruktur im Hintergrund - ist in ein weit größeres Konzept eingegangen. Und mittlerweile spielt auch die Musikindustrie mit und geht den von Apple eingeschlagenen Weg mit. Digitales Rechtemanagement ist jetzt weitgehend abgeschafft, jeder Apple-Kunde kann seine im iTunes Store und woanders gekaufte Musik im Internet lagern und auf beliebige Geräte des Apple-Universums laden - sofern sie mit dem aktuellen Stand der Technik entsprechen und die aktuellen Betriebssysteme laufen haben. Die Geschichte des iPod ist noch lange nicht auserzählt - sie fängt gerade erst an spannend zu werden.

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