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Nicht nur Wordle: App Store ist ein Saustall

14.01.2022 | 10:50 Uhr |

Schlechte App-Kopien, horrende Abos für Nichts, gefälschte Bewertungen der schlechten Apps – der App Store hat ein Problem auch abseits des Fortnite-Urteils

Die PR-Abteilung des App Store von Apple verkündet stolz in großen, fetten Buchstaben:

Seit über 10 Jahren ist der App Store ein sicherer und vertrauenswürdiger Ort, um Apps zu entdecken und zu laden. Aber der App Store ist mehr als ein Schau­fenster. Er ist eine innova­tive Platt­form, die darauf spezialisiert ist, großartige Erlebnisse für dich möglich zu machen. Sehr wichtig bei diesen Erlebnissen ist für uns, dass die angebotenen Apps höchste Standards bei Datenschutz, Sicherheit und Inhalt erfüllen. Wir bieten fast zwei Millionen Apps an – und wir wollen, dass du jede einzelne davon mit einem guten Gefühl nutzen kannst.

Für Millionen von Nutzern ist diese Aussage meines Erachtens ein Witz. Im App Store wimmelt es nur so von kriminellen Apps, Fälschungen, betrügerischen und irreführenden Abonnementgebühren und gefälschten Bewertungen, die das alles untermauern. Ein Beispiel dafür ist die Wordle-Affäre aus dieser Woche . (Wordle ist ein Wörterrätsel auf Englisch, unsere Macworld-Kollegen behaupten zwar, das Spiel hätte die Welt in Sturm erobert, allerdings gibt es auf der Welt noch bis zu 7000 Sprachen außer Englisch , die das Spiel nicht unterstützt. Die Kollegen der "Netzwelt" haben indes einige deutschsprachigen Alternativen ausprobiert, Anm. d. Red.)

Die Probleme sind offensichtlich für jeden, der mit dem App Store und dem breiteren App-Ökosystem vertraut ist, aber dem Gelegenheitsnutzer vielleicht weniger bewusst. Und das ist noch schlimmer – deshalb werden iPhone-Benutzer dazu verleitet, Apps herunterzuladen, die sich als bekannte Alternativen herausgeben, und monatliche Abo-Gebühren für den Schrott zu zahlen, der oft nicht funktioniert. Das muss nicht sein, und es ist längst an der Zeit, dass Apple hier aufräumt.

Wordle ist nur das jüngste Beispiel

Die jüngste Flut von Wordle-Apps im App Store hat viel Aufsehen erregt. Das webbasierte Spiel hat sich zu einem großen Hit entwickelt, es ist kostenlos und nur im Browser verfügbar. Also beschlossen einige geschäftstüchtige Entwickler, es komplett einschließlich des Namens zu kopieren und es im App Store zu verkaufen. Einer von ihnen hatte sogar die Frechheit, eine jährliche Abonnementgebühr von 30 Dollar für eine Pro-Version zu verlangen!

Es gab viele Berichte dazu, vor allem, weil so viele in der englischsprachigen Tech-Presse Wordle spielen und genießen, und es dauerte nicht lange, bis Apple das Richtige tat und sie entfernte . (Wenn Sie das echte Wordle als "App" auf Ihrem Startbildschirm haben möchten, verraten wir Ihnen, wie Sie das ganz einfach machen können ).

Aber Apple scheint diesen Schritt nur unternommen zu haben, weil jede Menge negative Presseberichte veröffentlicht wurden. Kopierte Apps sind im App Store weitverbreitet, und das schon seit Jahren. Es ist nicht einmal schwer, sie zu finden. Das Gleiche gilt für Apps, die einem vorgaukeln, dass sie etwas anderes sind.

Apps für smarte Geräte

Die originale Samsung-App lässt sich selbst mit der App-Store-Suche nicht finden.
Vergrößern Die originale Samsung-App lässt sich selbst mit der App-Store-Suche nicht finden.

Wenn Sie ein intelligentes Gerät oder einen Fernseher von Samsung kaufen, werden Sie wahrscheinlich aufgefordert, die Smart-Things-App von Samsung herunterzuladen, mit der Sie Ihren Fernseher und andere Smart-Home-Geräte steuern können.

Wenn Sie im App Store danach suchen, werden Sie viele Apps sehen, die sich für die originale Steuerungs-App von Samsung ausgeben. Eine heißt "Smartthings TV-Fernbedienung", eine andere "Smart Things for Smart TV". Sie können kostenlos heruntergeladen werden, haben aber In-App-Käufe und erfordern in der Regel ein Abonnement, um sie tatsächlich wie vorgesehen zu nutzen.

Man kann sich nicht einmal darauf verlassen, dass das erste Suchergebnis die echte, kostenlose Samsung-App ist, denn Apple hat die Suchplatzierung an eine der anderen Fake-Apps, um in diesem Suchergebnis zu erscheinen. Die "Smart TV Things for Sam TV App" ist kostenlos, erfordert aber ein Jahresabonnement im Wert von 30 US-Dollar, um alle Funktionen freizuschalten, und sie ist die Erste in den Suchergebnissen nach "Smart Things".

Wir reden hier nicht von einem kleinen Einzelentwickler mit einem einfachen Wortspiel, sondern von der Smart-Home-Plattform eines der größten Elektronikhersteller der Welt, der über zahlreiche Urheberrechte und Marken verfügt. Wenn Apple betrügerische Apps nicht daran hindert, die Apps von solchen Unternehmen zu kopieren, welche Wahl hat dann der normale Entwickler?

Gefälschte Apps sind ein Problem, aber ausbeuterische Betrug-Apps sind ein anderes. Ein aktueller Twitter-Beitrag von Kosta Eleftheriou gibt nur ein Beispiel aus der Praxis. Erstellen Sie eine einfache App, die etwas wirklich Grundlegendes tut (in diesem Fall einen einfachen Lautstärkeregler). Kaufen Sie Tausende von gefälschten Fünf-Sterne-Bewertungen. Setzen Sie die Abo-Kosten auf 10 US-Dollar pro Monat. Dann lehnen Sie sich zurück und scheffeln das Geld.

AppMe hat auf die Kritik reagiert, indem es seine Abo-Kosten gesenkt und versprochen hat, seine "externen Berater" zu überprüfen, wie aus einer E-Mail an "The Verge" hervorgeht. Aber wenn ein öffentlichkeitswirksamer Twitter-Thread nötig ist, um auf das Problem aufmerksam zu machen, dann ist das Problem eindeutig viel größer als eine einzelne App. 

Apple könnte das Problem beheben

Natürlich ist es umso frustrierender, dass Apple, das den App Store stets als "sicher und vertrauenswürdig" anpreist, nicht willens oder in der Lage zu sein scheint, etwas gegen das Problem zu unternehmen – mit menschlicher und technischer Hilfe.

Dabei handelt es sich um das größte Technologieunternehmen der Welt, das etwa 3 Billionen Dollar wert ist. Wenn ich mehrere Apps, die gegen Samsungs Smart-Things-Marke verstoßen, in weniger als einer Stunde finden kann, könnte eine geschulte Gruppe von ein paar Hundert Leuten doch sicher jede Woche Tausende von solchen böswilligen Apps finden? Die Finanzierung einer solchen Gruppe, selbst wenn es sich um gut bezahlte Mitarbeiter und nicht um externe Auftragnehmer handeln würde, wäre ein Rundungsfehler bei Apples Gewinnen.

Wenn Menschen schnell feststellen können, dass dieselben "Nutzer" mit lächerlichen Namen Tag für Tag mehrere Fünf-Sterne-Bewertungen für verschiedene Apps abgeben, könnte ein Algorithmus dann nicht einfach gefälschte Bewertungen erkennen und kennzeichnen? Oder dass gerade erst erstellte Konten plötzlich Dutzende von Apps bewerten, die sie jeweils nur wenige Minuten lang genutzt haben?

Apple schreibt den Entwicklern nicht genau vor, was sie für ihre Apps verlangen dürfen und was nicht, aber die App Store Review Guidelines scheinen Nachahmungstäter in Abschnitt 4.1 zu verbieten, in dem es heißt: "Entwickle deine eigenen Ideen. Wir wissen, dass du sie hast, also erwecke sie zum Leben. Kopiere nicht einfach die neueste beliebte App im App Store oder nehme ein paar kleine Änderungen am Namen oder der Benutzeroberfläche einer anderen App vor und gebe sie als deine eigene aus. Du riskierst damit nicht nur eine Klage wegen Verletzung des geistigen Eigentums, sondern machst den App Store auch unübersichtlicher und bist deinen Entwicklerkollegen gegenüber einfach nicht fair."

Aber wenn das mehr als ein freundlicher Vorschlag ist, kann ich kaum Beweise dafür finden, dass Apple ihn tatsächlich systematisch durchsetzt.

Apple hat einen Anreiz, nichts zu tun

Diese offensichtlichen Probleme im App Store zu beheben, ist für das wertvollste Unternehmen der Welt gar nicht so schwer. Ein engagiertes Team, das Fälschungen und Markenrechtsverletzungen aufspürt, eine algorithmische Prüfung der App-Bewertungen… Das Einzige, was eine wirkliche Prüfung erfordern würde (und vielleicht eine Änderung der App-Store-Richtlinien), wäre die Verhinderung, dass schlichte Apps exorbitante Abo-Gebühren verlangen. Diese Betrugsmasche ist auf gefälschte Bewertungen angewiesen, um zu gedeihen, also behebt man dieses Problem und das andere wird stark verringert.

Apple sollte auch keine App-Store-Werbung mehr zulassen (reicht die Umsatzbeteiligung von bis zu 30 Prozent nicht aus?), aber solange dies der Fall ist, könnte es zumindest verlangen, dass die Werbung auf allgemeine Begriffe abzielt und nicht auf die genauen Namen konkurrierender Apps.

Aber Apple hat keinen wirtschaftlichen Anreiz, dieses Problem zu beheben. Ganz im Gegenteil. Niemand wird aufhören, iPhones zu kaufen, nur weil er zum Kauf einer betrügerischen App verleitet wurde. Viele Nutzer werden wahrscheinlich nicht einmal wütend auf Apple sein, obwohl sie es sein sollten: Das Unternehmen übernimmt die Verantwortung in dem Moment, in dem es sich entscheidet, der einzige, stark kuratierte Vertreiber von Apps für seine Plattform zu sein.

Aber Apple erhält einen Anteil von 30 Prozent. Wenn eine betrügerische App einem armen Trottel, der nicht herausfindet, wie er das Abonnement für eine einfache QR-Code-Lese-App (eine in iOS integrierte Funktion, wohlgemerkt) kündigen kann, hundert Dollar oder mehr pro Jahr abknöpft, erhält Apple 30 Prozent (oder 15 Prozent nach dem ersten Jahr oder bei weniger als einer Million US-Dollar Jahresumsatz).

Für Apple wäre es ein trivialer Betrag, eine interne Mitarbeiter-Gruppe einzurichten, die sich der proaktiven Suche nach betrügerischen, nachgemachten, verletzenden und ausbeuterischen Apps widmet und diese beseitigt. Aber jede App, die gefunden wird, kostet Apple Geld. Und nichts zu tun, schadet dem Umsatz nicht, nicht wenn es so viel billiger ist, den App Store als sicher und vertrauenswürdig zu vermarkten. Apple scheint das Vertrauen und die Qualität des App Store eher als Marketingmaßnahme denn als echtes technisches Problem oder Serviceproblem zu betrachten.

Denn wenn Apple irgendetwas davon ernst nehmen würde, könnte man doch nicht so leicht so viele schlechte Beispiele finden? Es ist leicht für ein Unternehmen, das Richtige zu tun, wenn es wirtschaftlich vorteilhaft ist. Aber hat das wertvollste Unternehmen der Welt auch den Mumm, das Richtige zu tun, wenn es Geld kostet? 

Dieser Artikel stammt ursprünglich von unseren Kollegen der Macworld

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