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Notizzettel, DVD-Player und Photo Booth: Warum pflegt Apple so viele Alt-Apps?

30.04.2019 | 08:33 Uhr | Stephan Wiesend

Zahlreiche uralte Apps sind auf Macs vorinstalliert. Warum gibt es aber so viele alte Tools und warum wurden sie nicht weiterentwickelt?

Wirft man einen Blick in seinen Programme-Ordner, finden sich dort viele von Apple vorinstallierte kleine Apps – die Apple seit vielen Jahren nicht mehr aktualisiert hat und die meist ungenutzt auf der SSD Platz verbrauchen. Oft handelt es sich dabei um einst innovative Projekte wie Dashboard, die aber nur kurz erfolgreich waren, aber auch nĂŒtzliche kleine Programme wie einen Notizzettel, Photobooth und ein kleines Schachprogramm. Warum entfernt Apple diese Programme nicht einfach? Andere Unternehmen wie Google haben da weniger Skrupel, ist doch Apples Rivale fĂŒr das gnadenlose Ausmisten bei alten Anwendungen bekannt.

Bei einem Blick in den Programme-Ordner seines Macs kann man dagegen fast schon sentimental werden: Das einst Ă€ußerst erfolgreiche Dashboard mit seinen bunten News- Wetter- und Fun-Widgets nutzt in Zeiten von Apps und Webanwendungen wohl keiner mehr. Trotzdem kann man das Tool weiter nutzen, wenn auch die meisten alten Widgets nicht mehr funktionieren – bzw. ihre Webdienste. Auch die 2005 noch originellen Photo Booth-Effekte haben in jedem der letzten vierzehn Jahren mehr an Reiz verloren. Grapher und Chess haben sich ebenfalls nicht weiterentwickelt.

Der Hype um das Dashboard war schnell vorbei.
VergrĂ¶ĂŸern Der Hype um das Dashboard war schnell vorbei.

Oder wer kennt noch die App Notizzettel? Die kleinen farbigen Schwebe-Notizen waren eine tolle Alternative zu den Post-It-Zetteln und in den „Nullerjahren“ noch eine beliebte Notizen-Verwaltung, heute verwenden sie wohl nur noch Nostalgiker. Wie allen anderen Apps kann man sie nĂ€mlich auch unter Mojave problemlos weiter einsetzen. Was uns vor allem ĂŒberrascht: Ein Tool wie Stickies bekam lange keine neuen Funktionen mehr, es wird aber weiter gepflegt und fĂŒr aktuelle Systeme angepasst: Es ist mittlerweile eine topmoderne 64-Bit-App, kann Fotos von iOS-GerĂ€ten importieren und sogar die Dokumentation wurde fĂŒr Mojave angepasst. Nebenbei gibt es ja auch die neue Funktion „Alle nach Notizen exportieren“, was den schnellen Umstieg zum Nachfolgeprogramm ermöglicht. Eine langjĂ€hrige Pflege, die sich manche Fans von Aperture und iPhoto aus vollem Herzen gewĂŒnscht hĂ€tten. Manch Nutzer der alten Apple-Fotoprogramm sowie der Ur-Versionen von Pages, Final Cut und iMovie trauert ja den „echten“ Versionen noch immer hinterher. Was aber Programme wie Notizen und Dashboard gerettet hat: Es macht vermutlich wenig Aufwand, die simplen alten Apps neu zu kompilieren und viel Speicherplatz belegen sie ebenfalls nicht.

Wie entwickelt man eine Schach-App sinnvoll weiter?
VergrĂ¶ĂŸern Wie entwickelt man eine Schach-App sinnvoll weiter?

In einem Artikel fragt sich etwa Justin Rockmore , was Apple mit diesen alten Apps anfangen soll? Es werden schließlich jedes Jahr mehr Alt-Apps und mit den neuen von iOS kommenden Apps wie Aktien, News, Home und Sprachmemos ist der Programme-Ordner ja immer voller. Er schlĂ€gt etwa die Integration von Dashboard in das System Launch Control oder die Integration in Spaces.

Insellösungen

Nach unserer EinschĂ€tzung wird Apple die Apps wohl weder löschen noch weiter entwickeln: Bei vielen der Apps handelt es sich nĂ€mlich um Spezial-Anwendungen, die fĂŒr ihre spezielle Aufgabe perfekt sind – wie ein Hammer oder Schraubenzieher. Zugleich können sie dadurch aber kaum sinnvoll weiterentwickelt werden können. Viele ihrer Entwickler haben Apple außerdem vermutlich schon lange verlassen. Notizzettel ist ein gutes Beispiel dafĂŒr, hat sich doch an dem Tool seit 1999 (!) fast nichts geĂ€ndert. Vermutlich ist das Tool ja sogar Ă€lter als manch Mac-Nutzer, sinnvolle neue Funktionen lassen sich aber kaum ergĂ€nzen. An einer App wie „Chess“ kann man ebenfalls nur noch wenig Ă€ndern. Das vorinstallierte Schachspiel war schon 2005 spielerisch so gut wie allen Mac-Besitzern ĂŒberlegen und an dem Brettspiel selbst hat sich seitdem ebenfalls wenig verĂ€ndert.

Man sollte vielleicht auch die Vielzahl der Mac-Anwender und ihre völlig unterschiedlichen BedĂŒrfnisse nicht vergessen. So ist fĂŒr den erwachsenen BĂŒroarbeiter Photobooth mehr als sinnlos, fĂŒr junge Nutzer noch immer eine tolle Ablenkung und um schnell die iSight zu testen schwören viele Mac-Techniker auf dieses alte Tool.

iOS als Problem

An der steigenden Anzahl an Alt-Apps ist indirekt aber das iPhone schuld und Apples Wunsch iOS und macOS zu verschmelzen: So kommen ja immer neue Apps vom iPhone auf den Mac, wie die neuen Apps Aktien, Home und Sprachnachrichten.

Vor allem iOS machte bei vielen Mac-Apps aber einen kompletten Neuanfang nötig: iWork-Apps wie Pages waren auf dem Mac perfekt, aber nicht mit iOS kompatibel; iPhoto ein erstklassiger Fotoverwalter, aber nicht auf neue Funktionen wie iCloud ausgelegt. Apple musste deshalb bei vielen Apps komplett bei Null anfangen, damit etwa iWork nicht nur auf dem Mac, sondern auch auf dem iPhone und iPad identisch nutzbar wird. Das gilt auch fĂŒr die Mini-App Notizzettel, deren Multifenster-Konzept auf dem iPhone nicht umsetzbar ist. Apple setzt deshalb auch hier weniger auf eine Weiterentwicklung denn auf eine komplett neue App, das Programm Notizen. In den ersten Versionen war der Notizenverwalter recht anĂ€misch, mittlerweile macht das plattformĂŒbergreifend nutzbare Tool Profi-Tools wie One Note und Evernote Konkurrenz. Photobooth hat dagegen wohl in Apples Chat-Apps seine neue Heimat gefunden, sind doch die Filter fĂŒr Videochats recht Ă€hnlich – und was nĂŒtzen schließlich lustige Fratzen, wenn man sie niemandem zeigen kann?

Zum Problem wird fĂŒr Apple dadurch langfristig die stĂ€ndig wachsender Zahl vorinstallierter Apps – schon jetzt wird es hier ja etwas unĂŒbersichtlich. Was kann Apple da tun? Eine elegante Lösung, den Programme-Ordner zu entschlacken, ist schon seit Jahren die Auslagerung in einen Library-Ordner. Das war nicht zuletzt das Schicksal des vorinstallierten DVD-Players, der ja immer noch „vorinstalliert“ ist – auch auf nagelneuen Macs ohne DVD-Laufwerk. War man vor zehn Jahren noch begeistert, dass man als Mac-Anwender keine teure Player-Software kaufen muss, schlummert das Tool heute vergessen in dem Libary-Ordner Core Services. (Wenn Sie ihn starten wollen, geben Sie einfach „DVD-Player“ in Spotlight ein). Das Schicksal, zu diesen Apps abgeschoben zu werden, könnte auch Photo Booth und Notizzettel bald blĂŒhen.

Eine andere Möglichkeit: Apple könnte diese alten Programme in den App Store auslagern – anfangs kann man die Tools noch nachtrĂ€glich installieren, spĂ€ter verschwinden sie dann auch aus dem Web.

Irgendwie bedauerlich: Die alten Apps haben Jahrzehnte ĂŒberdauert, mit immer neuen Apps aus der iOS-Welt könnte sie aber wohl doch bald das Schicksal von Sherlock und Aperture ereilen. Wir sind jedenfalls gespannt, wie Apple dieses Problem in den kommenden Jahren lösen wird.

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