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Pokémon Go vs. Corona-Warn-App: Wer ist hier die Datenkrake?

27.07.2020 | 13:25 Uhr | Halyna Kubiv

Der Sommer 2016 war von der Stimmung her deutlich anders als der Sommer 2020. Doch eine Diskussion ist ähnlich – die um die Apps.

Hach, wie war es doch schön, damals im Juni 2016, das Handy packen, die Powerbank dazu und irgendwohin Spazieren. Warum? All die Pokémon-Monster fangen sich nicht von selbst und die neuen müssen ja auch schlüpfen. Die Sorgen will ich nochmals haben…

Im Juli 2020 fällt einem plötzlich auf, dass die gleichen Leute, die noch vor vier Jahren leidenschaftlich Pokémons gejagt haben, sich zu Datenschutz-Experten und Freiheitskämpfern entwickelt haben. Diese Entwicklung kann man nur gutheißen, wären diese Einwände nicht gegen die aktuelle Corona-Warn-App gerichtet, die der Kontaktverfolgung und Eindämmung der Pandemie dienen soll.

Denn das Beispiel Pokémon Go zeigt sehr gut, dass kein langweiliger Datenschutz und Akku-Bedenken gelten, wenn es um den eigenen Spaß geht. Gleich am Anfang machte eine Nachricht die Runde, die App Pokemon Go verschaffe sich bei der Anmeldung den Vollzugriff auf das Google-Konto des Nutzers , theoretisch sind alle Daten sichtbar, Zugriff auf E-Mails etc. ist auch gewährleistet. Der Entwickler hat die Lücke schnell geschlossen und sich bei den Nutzern entschuldigt. Die Panne hatte offenbar keinen Einfluss auf die Popularität der App. Anders verhält es sich mit der Corona-Warn-App: Ein übers Wochenende entdeckter Bug in Android Akku-Management und bei Apples Hintergrundaktualisierung hat zu einer mittelschweren Staatsaffäre geführt. Die Entwickler hatten noch am Samstag ein Update nachgeschoben, die Bundesregierung hatte am Sonntag eine extra Pressemitteilung hierzu veröffentlicht. Anders als bei Pokémon Go sieht man darin jedoch eine unnötige Steuergeldverschwendung, Staatsversagen und noch viel mehr.

Zwar ist es gut und wichtig, auf Fehler rechtzeitig hinzuweisen und diese entsprechend schnell beheben, schließlich ist die App eines der Mittel um die aktuelle Pandemie in den Griff zu bekommen. Doch die Reaktion auf jede nur so kleine Nachricht über die App zeigt, dass dahinter deutlich mehr steckt als nur Kritik um Kritik willen. In den Facebook-Kommentaren der Macwelt-Site bekommt die Corona-Warn-App noch mehr Kritik ab als damals Windows Vista verdient hätte. Die Themen haben sich seit den ersten Nachrichten im April bis heute etwas geändert, aber der Tenor bleibt gleich: Die Corona-Warn-App muss nur schlecht sein, damals wegen der Datenschutzbedenken, die gar keine waren, heute wegen eines Fehlers, von dem man nicht weiß, wie viele davon betroffen waren und der recht schnell geschlossen wurde.

Warum triggert aber die neue App sofort eine kleine aber vorlaute Gruppe der Kritiker? Diese unterscheidet sich kaum noch von dem vergangenen Hype von Pokémon Go: Ist kostenlos, hat einen besseren Datenschutz und deutlich besseren Akkuverbrauch. Der Hauptunterschied besteht im Einsatzzweck und beim wahrnehmbaren Nutzen. Bei Pokémon Go hatte jeder, der die App heruntergeladen hat, sofort eine Belohnung bekommen, sei es in Form von angenehmen Nostalgiegefühlen, weil die Figuren aus der Kindheit endlich zum Leben erwacht waren, sei es in Form eines Spielerfolges in der Arena oder beim Treffen mit einem Monster. Dafür hat man gern mit dem eigenen Akku, den eigenen Standortdaten, ja selbst realem Geld in Form von In-App-Käufen bezahlt. Die Corona-Warn-App bietet keine unmittelbaren Belohungstrigger, sei es in Form von Likes oder Pokémon-Monster. Mehr noch, der Nutzen bleibt auch nach Tagen recht abstrakt, vor allem für einen einzelnen. Die App wirkt sich eher auf einer gesellschaftlichen als auf einer persönlichen Ebene auf und da kommt der erste Einwand: "Warum soll ich mir eine App installieren, die mir direkt nichts oder nicht sofort etwas bringt?" Derartige Bedenken kann man leicht nehmen, weil die App ja von einem auch nicht viel verlangt: Einmal installieren, ab und zu mal in die App reinschauen, ob sich da was getan hat. „Chantal?“ - „Ja, Herr Müller?“ - „Heul’ leise!“

Für eine andere Gruppe ist die Corona-Warn-App ein Kanal, seine Frust und Unmut über die vergangenen und aktuellen Beschränkungen, auferlegt von Regierung, loszuwerden. Selbst nach mehreren Monaten der Pandemie und Geschehnissen in den USA und Schweden gibt es nach wie vor Stimmen, die sagen, dass am Besten wäre, dem Virus ungestört freien Lauf zu lassen und dafür die Wirtschaft nicht derart abzubremsen, so dass ganze Branchen leiden. Wenn dann die aktuellen Maßnahmen solchen Vorstellungen nicht entsprechen, suchen sich die negativen Emotionen einen Ausweg, sei es auch in der Verneinung einer App, die ja auch ein Projekt der gleichen Regierung ist, die unbeliebte Maßnahmen auferlegt hat – und die ja dabei helfen soll, allzu strenge Maßnahmen wieder lockern zu können.

Eins steht fest, trotz vieler Unkenrufen und berechtigten wie unberechtigten Kritik ist die Corona-Warn-App mit dem Stand heute (27.07.2020) die meist heruntergeladene App im App Store von Apple sowie in Google Play Store. Die Hoffnung bleibt also, dass die Mehrheit der Bürger vernünftiger ist als die vorlaute Gruppe von Kritikern und "Kritikern", die selbst in der Tatsache, dass die App nicht unter iOS 14 funktioniert, ein Versagen von Apple, App-Entwicklern und dem gesamten Tracing-Konzept sehen.

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