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RWE und E.ON setzen auf Powerline

20.03.2001 | 00:00 Uhr |

Immer wenn die Computermesse CeBIT naht, melden
sich die Energiekonzerne zu Wort: Nachdem RWE, E.ON & Co schon in den
Vorjahren vollmundig das Internet aus der Steckdose ankündigten,
kommen sie in diesem Jahr ihren Plänen offenbar näher.

Die so genannte Powerline-Technik soll nach dem Willen des größten
deutschen Energieversorgers RWE schon nach der CeBIT die Kunden
erfreuen. Kommt die Technik bei den Verbrauchern an, würde der
Internetzugang über das Stromnetz zu einer Alternative für das
herkömmliche Telefonnetz der Deutschen Telekom.

Denn nicht nur RWE, auch andere Energieversorger arbeiten
fieberhaft an Powerline. «Das wäre genial, wenn dass klappt», sagt
ein Branchenkenner. Die E.ON-Tochterfirma Oneline aus Barleben in
Sachsen-Anhalt will demnächst Telekommunikationsdienste über das
Stromnetz anbieten. Darüber hinaus arbeiten die Mannheimer
Energieversorger und die EnBW in Baden-Württemberg an der Powerline-
Technik. «Was RWE macht, beeindruckt uns nicht sonderlich», sagt ein
EnBW-Sprecher selbstbewusst.

Noch in diesem Sommer wollen die Schwaben in Ellwangen den ersten
Schritt zur Markteinführung machen. Und das auch ohne ihren
bisherigen Kooperationspartner Siemens. Die Münchner hatten nämlich
am Montag überraschend ihren Rückzug aus der Powerline-Technik
angekündigt. Die Rahmenbedingungen seien bislang zu ungewiss,
begründete das Unternehmen den Schritt.

Auf ein genaues Datum für den Marktstart will sich Michaela Roth
von Oneline nicht festlegen: «Wir sammeln derzeit in Feldversuchen
Erfahrungen, wie die Technik bei den Kunden ankommt», meint sie.
Dabei kooperiert Oneline mit der E.ON-Tochter Avacon, einem
Stromanbieter in Niedersachen und Sachsen-Anhalt. Erst wenn
Ergebnisse vorliegen, soll eine Entscheidung über den kommerziellen
Marktstart fallen.

Da scheint die RWE im Rennen um die Führung in der Powerline-
Technik die Nase vorn zu haben. Dietmar Kuhnt, RWE-Vorstandschef gab
vor wenigen Wochen auf der Hauptversammlung das Tempo vor: «Der volle
Markteintritt wird ab Juli dieses Jahres erfolgen», sagte der. Dabei
sieht Kuhnt Powerline als ein Zusatzprodukt für die Haushaltskunden.

Mit Powerline würden energienahe Dienstleistungen geboten, der
Bereich sei ein ergänzendes Geschäftsfeld, betont eine RWE-
Sprecherin. Hierzu gehört auch der Bereich der Steuerung von Elektro-
und Heizgeräten sowie Sicherheitssystemen über Handy oder Internet
von jedem Ort aus.

Der große Vorteil der Technik liegt darin, dass die Infrastruktur
praktisch komplett vorhanden ist: Wie Telefonnetze führen
Stromleitungen in jeden Haushalt. Erforderlich sind lediglich
zusätzliche Installationen im Keller und ein Modem in der Wohnung,
das den Computer mit der Steckdose verbindet. Und fertig ist der
Turbo-Anschluss zum Internet: Mit zwei Megabit pro Sekunde, das ist
35-fache ISDN-Geschwindigkeit, kann der Kunde durchs Netz surfen.

Doch Powerline hat auch Nachteile, die die Verzögerungen zum Teil
erklären: Im Gegensatz zu anderen Zugangstechniken (Telefonnetz, TV-
Kabel, drahtloser Funk) auf der letzten Meile zum Kunden, können bei
Powerline durch Abstrahlungen vor allem Funkdienste gestört werden.
Je länger die Strecke zwischen Hausanschluss und Verteiler oder dem
Anschlusspunkt zum Telefon-Backbone-Netz, umso höher müssen die
Signalverstärker sein, umso höher werden aber auch die Abstrahlungen.
Hierzu hat das Bundeswirtschaftsministerium Grenzwerte (NB 30)
festgelegt, die Ende März im Bundesrat verabschiedet werden sollen.

RWE will die Powerline-Technik keineswegs nur auf Datenverkehr und
Internet beschränken. 2002 werde die Telefonie hinzukommen, sagt ein
Sprecher. Während bei RWE die Sprache über das Internet läuft (Voice
over IP), arbeitet Oneline an einem separaten Übertragungskanal. So
sollen die Telefonate im Haus zunächst über die Telefonverkabelung
geführt und erst danach über die Oneline-Box am Hausanschlusskasten
ins Stromkabel geleitet werden. Roth: «Wir können so den Telekom-
Anschluss komplett ersetzen».
dpa

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