2448603

Rezension: Biografie über Tim Cook von Leander Kahney

15.08.2019 | 10:06 Uhr | Thomas Hartmann

Leander Kahney, auch bekannt durch seine Biografie ”Jony Ive”, hat ein erhellendes Porträt über den Apple-Chef geschrieben.

Leander Kahney gilt als absolut kompetenter Autor zu Themen über Apple – ist er doch auch Herausgeber des beliebten Blogs Cult of Mac , dem auch wir gern interessante Storys und News entnehmen. Ebenfalls stammt von ihm das Buch “ Jony Ive: Das Apple-Design-Genie “  (2014), das den kürzlich aus der Apple-Chefetage ausgeschiedenen langjährigen und wichtigsten Designer von Steve Jobs und dann auch Tim Cook vorstellt. Keine Frage, von Leander Kahney darf man Einiges an spannenden und profilierten Aussagen zum jetzigen Apple-CEO Tim Cook erwarten.

Mehr Wirtschaft als Technik

Zunächst sei gesagt, dass die Biografie über Tim Cook eher ein Wirtschaftsbuch als ein Technikband für Computerfreaks und glühende Apple-Fans ist – denn tatsächlich steht die Managerleistung samt sozialem und ökologischem Wirken im Vordergrund. Was sich nun hinter den Kulissen etwa bei der Entwicklung der Apple Watch im Detail abspielte, wie die Ingenieure über den neuesten Macs und dem kommenden Pro brüteten und wie sich Dienste wie die iCloud weiterentwickelten oder welche technischen Probleme es dabei zu bewältigen gab, dazu und wie Tim Cook das begleitet und kommentiert hat, erfährt man auf den etwa 280 Seiten des Buchs nur am Rande, wenn überhaupt.

Steve Jobs als Referenzgröße

Das Buch beginnt nach der Einführung mit einem Kapitel über den Tod von Steve Jobs. Ganz klar, dass dieser und sein Wirken bei und für Apple immer wieder als Bezugspunkt und Vergleichsvorlage für die Arbeit von Tim Cook fungieren, denn er ist sozusagen das wahre Genie, an dem sich alles und jeder messen muss, auch sein von ihm mit bestimmter Nachfolger als CEO. Doch zunächst geht es um den jungen Mann Tim Cook aus Alabama, der sich schon zu Schulzeiten und im Studium durch seine eindrucksvollen Leistungen hervortat, trotzdem ein beliebter Kerl war, weil er auch einfach ”Kumpel” blieb und seine Fähigkeiten nicht an die große Glocke hing. Sehr beschäftigt hat ihn der Rassismus in Alabama – aufgewachsen ist Cook dort in Robertsdale.

Manager bei IBM

Nach dem Abschluss seines Studiums der Elektrotechnik 1982 (später ergänzt durch einen MBA als Business-Manager) ging der 21-Jährige zu IBM. Apple existierte zwar schon und war marktbeherrschend in Sachen ”Personal Computer” (obwohl es den Begriff damals so noch nicht gab, maßgeblich war aber der Apple II), war aber noch nicht auf dem Schirm des jungen Ingenieurs. Cook war bei Big Blue angestellt im Research Triangle Park in North Carolina. Schnell war er dort mitverantwortlich dafür, dass Bauteile für die Fertigung nicht wochenlang auf Lager vorgehalten wurden, sondern das System der Just-in-Time-Fertigung respektive eine Variante davon effektiv installiert wurde. Hier bewährte er sich schnell und fiel auch dem obersten Management auf, sodass er gezielt gefördert wurde, bis er schließlich in der IBM-Zentrale landete und Director for Fulfillment für Nordamerika wurde.

Über Intelligent Electronics und Compaq zu Apple

Nach zwölf Jahren, im Oktober 1994, wurde er Chief Operating Officer bei der Computer-Wiederverkaufsabteilung von Intelligent Electronics in Denver, das Unternehmen gibt es inzwischen nicht mehr. In seiner Zeit wuchs die Firma zwar deutlich. Trotzdem wurde sie – auch auf Empfehlung von Tim Cook – verkauft und er selbst landete bei Compaq, damals gerade der größte PC-Hersteller noch vor Apple und IBM. Auch hier sorgte der immer noch junge Manager dafür, dass die Fertigung schnell und ohne unnötige Lagervorhaltung von Produktbestandteilen geschah. Im Grunde wurden die PCs, ähnlich wie schon bei Dell und Gateway, erst mit der Bestellung gefertigt.

Inzwischen war er auch Steve Jobs aufgefallen, der 1997 gerade zu Apple zurückkehrte und fähige Leute auch außerhalb von Apple oder Next suchte. Besonders den chaotischen Fertigungsprozess bei Apple wollte er überarbeiten, der maßgeblich zu den immensen Verlusten des Macintosh-Herstellers beigetragen hatte. ”Tim Cook kam aus der Beschaffung, genau der richtige Hintergrund für das, was wir brauchten”, wird Jobs nach Walter Isaacson zitiert. Und dass er die Dinge genau auf dieselbe Weise gesehen habe, wie er selbst. So wurde Cook direkt bei Apple eingestellt und sollte das Unternehmen durch seinen Stil nachdrücklich prägen.

Cook krempelt Apple um

Und tatsächlich hat Tim Cook es geschafft, von der organisatorischen Seite her Apple völlig umzustellen. Gemeinsam mit den attraktiven Produkten, die unter Steve Jobs enthüllt wurden, namentlich der iMac und der iPod, war dies der Beginn einer großen neuen Erfolgsgeschichte von Apple. Cook hatte daran genauso seinen Anteil wie etwa Jobs selbst oder auch Jonathan Ive und andere Akteure. Und schon früh hatte der charismatische Jobs den im Vergleich technokratisch und still wirkenden Cook als Nachfolger im Visier. Wie es dann schließlich auch kam, ab August 2011 war Cook offiziell CEO von Apple, obwohl Steve Jobs noch lebte und die Geschäfte so gut es ging aus dem Hintergrund weiter verfolgte und Einfluss nahm. Dann aber schließlich war Tim Cook auf sich selbst gestellt.

Tim Cooks Verdienste

Das Buch beschreibt all diese Schritte und Vorgänge detailliert und lesenswert. Schwerpunkte sind dann die neuen Produkte von Apple, die bereits Tim Cook vorstellte, wie etwa die Weiterentwicklung des iPhones, vor allem aber die Apple Watch, das erste ganz neue Produkt, das er selbst als Chef von Apple auf den Markt brachte, und das allen Erwartungen zum Trotz inzwischen ein echtes Erfolgsmodell  geworden ist, insbesondere mit der Entdeckung des gesamten Gesundheitsbereichs sowie der Health-App mit einem riesigen weiteren Entwicklungspotenzials.

Ausgiebig wird über das Coming Out von Tim Cook als schwuler Mann berichtet, auch über seine Bemühungen, ein ”grüneres” Apple mit nachhaltiger Stromerzeugung und neuen Standards bei Verpackung und Versand zu schaffen sowie die Arbeitsbedingungen etwa in China drastisch zu verbessern, was trotz aller Vorbehalte und Kritik so weit auch gelang.

Auch das und die vielen Hintergründe dazu sind  spannend und gehören unbedingt zum bis jetzt aktuellen Wirken von Tim Cook dazu. Selbstverständlich auch sein ”Kampf” gegen das FBI und andere Regierungsbehörden – das Kapitel ist etwas sehr plakativ überschrieben mit ”Cook kämpft gegen das Gesetz und gewinnt”. Letztlich hat er aber den Ermittlungsbehörden mit ihrem Ansinnen so lange getrotzt, weil Apple helfen sollte, ein iPhone zu entsperren, um einen Verdächtigen zu überführen, bis das FBI über einen israelischen Sicherheitssoftwareentwickler das iPhone überraschend ohne Apples Hilfe freischalten konnte. Damit war die heftige öffentliche Diskussion erst einmal beendet und Apple gewissermaßen ”fein raus”, standen doch Cook und seine Leute als wahre Ritter der Datensicherheit und des Nutzerschutzes auch gegen staatlichen Druck da. Tatsächlich ist dem Apple-Chef dieser Datenschutz seiner Produkte und Kunden immer wieder extrem wichtig, wie er selbst betont.

Cook ein besserer CEO als Jobs?

Wie eingangs erwähnt, vermissten wir etwas eingängigere Hintergrundberichte über die Produktentwicklung, der Manager Tim Cook steht klar im Vordergrund. Und drastische Anekdoten wie über Steve Jobs, bei dem man sich beispielsweise fürchtete, im selben Aufzug zu fahren, weil man mit Pech beim Ausstieg gefeuert war, gibt es von Tim Cook offenbar nicht zu berichten. Ein bisschen ”Normalität” ist mit ihm bei Apple wohl auch eingekehrt.

Ob Cook vielleicht sogar Apples bester CEO ist, noch vor Steve Jobs, beantwortet das Buch so: Eigentlich war Steve Jobs kein ”richtiger” CEO, für ihn hat die Produktentwicklung und deren Präsentation immer im Vordergrund gestanden. Tim Cook dagegen kümmert sich um die ganze Kleinarbeit, Organisation und Krisenbewältigung, wie es ein ”klassischer” Chef eines Börsenunternehmens auch tun sollte. Immerhin ist Apple unter seiner Führung das erste 1-Billionen-US-Dollar-Unternehmen geworden und war damit zeitweise die wertvollste Firma aller Zeiten.

Fazit

Keine Frage, dies ist ein Buch, das jeder Apple-Fan gelesen haben sollte, denn nicht nur zu Tim Cook, sondern auch hinter die Kulissen von Apple und Cupertino bringt es jede Menge Einsichten, die in dieser Rezension nicht alle erwähnt werden konnten – und mussten. Denn dieses Bild von Cooks Wirken sollte sich jeder selbst gönnen. Tim Cook kann wohl wirklich als Glücksfall für Apple nach der Zeit von Steve Jobs gelten. Weiterentwicklungen wie die Airpods, die Apple Watch und zuletzt Apple Pay sowie noch zu erwartende Innovationen sprechen dafür. Das Buch legt diese Entwicklung schlüssig und trotz einiger Fehler in der Übersetzung auch überzeugend dar.

Leander Kahney: Tim Cook. Das Genie, das Apples Erfolgsstory fortschreibt (Juli 2019), 352 Seiten gebunden. ISBN: 9783864706516, 25 Euro

Plassen Verlag . Oder über Amazon.de , jeweils auch als E-Book (22 Euro) verfügbar.

Macwelt Marktplatz

2448603