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Rückblick auf 2019: Services und Smarthome

06.01.2020 | 08:30 Uhr | Peter Müller

Im Jahr 2019 hat Apple mehr denn je auf Services gesetzt. Sie wachsen stetig, kommen aber unterschiedlich gut an.

Wenn Apple zu einer Keynote lädt, ist die Enttäuschung meistens groß, wenn die Chefs keine neue Hardware mit auf die Bühne gebracht haben. Oder nur solche, die wenig Neues bietet. Im März 2019 stellte Apple so auch gleich im Vorfeld seines Events " It's show time " klar, dass es nur um Services gehen würde. Auf der Bühne fanden sich keine Stars aus Silizium und Leichtmetall ein, sondern solche aus Fleisch und Blut: Reese Witherspoon, Jennifer Aniston, Steven Spielberg, Jason Momoa und Oprah Winfrey - um nur die wichtigsten zu nennen.

Der Auflauf der Hollywood-Größen lies auch keinen Zweifel daran, welchen der neuen Services Apple für den wichtigsten hält: Den Streamingdienst Apple TV+. Schon seit einigen Jahren hatte es mehr oder weniger valide Gerüchte über die Pläne Apples in Sachen TV-Unterhaltung gegeben. Und auch einige irre Forderungen, von wegen, Apple solle Netflix aufkaufen, um sich sein Wachstum für die nächsten paar Jahre zu sichern. Was sind schon 90 Milliarden US-Dollar für jemanden wie Apple …

Vom Flop zum Top

Erste, zaghafte Versuche hatte es im Rahmen von Apple Music gegeben, doch die Serie "Planet of the Apps" kann man als Flop bezeichnen und "Carpool Karaoke" hat als allein gestellte Sendung nicht so richtig funktioniert, zumindest nicht so, wie die Episoden in der Late Late Show. Vielleicht hatte Apple das falsche Publikum angesprochen, das sich neben der Musik allenfalls noch für Musikvideos interessiert, vielleicht aber war die Programmentwicklung so lange in den falschen Händen, bis Cupertino zwei bis dahin bei Sony Pictures angestellte Branchenschwergewichte anheuerte: Zack van Amburg und Jamie Ehrlicht.

Eine Milliarde US-Dollar habe Apple in Inhalte investiert, hieß es im Vorfeld, von sechs Milliarden im Jahr war zuletzt die Rede. Zum Vergleich: Netflix gibt angeblich um die neuen Milliarden US-Dollar im Jahr für Eigenproduktionen aus. Fernsehen ist ein teures Geschäft und nach der Vorstellung des Services Apple TV+ Ende März und vor allem des Preises von 5 Euro im Monat muss man sich fragen, wie Apple das finanzieren will.

Zumal im Laufe des Jahres die App Apple TV ihr Alleinstellungsmerkmal verloren hat. Nicht nur auf Apple TV (der Settopbox) iPhone und iPad läuft sie heute, sondern – was nicht verwundert – auch auf dem Mac, und – was im Jahr 2019 etwas überrascht hat – auch auf diversen SmartTVs der Konkurrenz . Hinzugekommen sind jüngst auch die Fire-TV-Geräte von Amazon, das für Apple sowohl Konkurrent bei Inhalten (Musik, TV, Filme) als auch Vertriebspartner ist.

Die neue Offenheit für die höchstmögliche Reichweite

Die Offenheit geschieht aber auch in der gleichen Richtung, und das ist womöglich das Geheimnis des Geschäftsmodells: Denn über die Apple-TV-App lassen sich seit März 2019 auch diverse Angebote anderer Anbieter bequem hinzubuchen, Apple kassiert dafür jeweils Provisionen. Das Angebot der Apple TV Channels ist aber bisher vor allem in den USA relevant, in Deutschland ist es noch rar gesät. Und doch wird schon anhand der App klar, wohin die Reise geht: Apple TV+ ist hier nur ein Teilangebot, so wie auch nicht alles auf Amazon Prime Video und Netflix Eigenproduktionen sind. In der App findet man die Sendung des Interesses, wenn es eine vom bereits abonnierten Apple TV+ ist, schön, wenn nicht, dann klingelt eben die Kasse nochmals – beim Rechteinhaber und beim Vermittler Apple. Und da Apple in den letzten paar Jahren über eine Milliarde Geräte verkauft hat, die Apple TV empfangen können und mit der Öffnung hin zu den Geräten Dritter eine weitere Milliarde hinzukommen könnte, geht die Rechnung auf und Investitionen von einer, sechs oder etlichen Milliarden US-Dollar sehen dann wie eine sinnvolle Ausgabe aus.

Der hohe Anspruch, den Apple an seine Produktionen stellt, kann man zudem als erfolgreiches Marketing für die Plattform sehen. Was bisher zu sehen war, enttäuscht nicht, sondern kann durchaus vor den Fernsehapparat fesseln, und wenn es ein iPhone ist. Nur eine Sache fällt auf: Die Protagonisten der Serien haben schon sehr oft ein Apple-Gerät in der Hand oder vor sich auf dem Schreibtisch stehen. Ausnahmen sind natürlich "Dickinson", "See" und "For All Makind" – aus Gründen.

Rückblick auf Appels Services 2019

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Die große Services-Offensive

Apples Services beschränken sich aber nicht auf TV, auch andere Dienste profitieren von der enormen Reichweite von iPhone und Co: Cupertino betont seit Jahren das kontinuierliche Wachstum der Sparte, welche die Stagnation im gesättigten Smartphone-Sektor kompensieren kann. Sonst wächst Apple nur noch bei den Wearables wie Apple Watch und Airpods, Stückzahlen gibt das Unternehmen zwar keine heraus, aber die Umsätze nehmen weiter zu.

Vor allem der App Store bringt Apple jede Menge gutes Geld, mehr noch den Entwicklern, die zwar keine andere Wahl haben, wenn sie für iPhone und iPad programmieren, aber ordentliche Geschäfte machen können. Zu den Services zählt Apple auch seine Garantieverlängerung Apple Care+, Apple Pay, iCloud-Speicher den iTunes Store mit Musik-Downloads und Filmverleih, und natürlich den Streamingdienst Apple Music, der vier Jahre nach seinem Start schon mehr als 60 Millionen Abonnenten zählt – Spotify liegt zwar noch deutlich vorne, der Rest spielt aber nur noch in der Nische eine Rolle.

Drei weitere Services hat Apple seit 2019 in Betrieb, die vielleicht nicht so spektakulär wie Apple TV+ sind, aber nicht minder lukrativ. Dass Apple keine Spieleplattform hat, widerlegt der Konzern seit einem Jahrzehnt mit iPhone, iPod Touch und iPad, seit geraumer Zeit auch mit dem Apple TV. Der Mac ist zwar nach wie vor kein ausgewiesener Spielecomputer, profitiert aber nun von Apple Arcade, in dem Entwickler Plattform übergreifende Titel publizieren. Nicht ein jedes Spiel ist gleichermaßen auf dem Mac, dem iPhone/iPad und dem Apple TV gut geeignet, die Auswahl von nun mehr als 100 Titeln lässt aber nur wenige Wünsche offen. Auch hier muss es die Masse für die Anbieter machen, Apple verlangt für die Flatrate fünf Euro im Monat, wie die Einnahmen auf die Entwickler aufgeteilt werden, ist nicht bekannt. Wenn es sich lohnt, wird es aber nicht bei den 100 Spielen bleiben, die frei von Werbung und von In-App-Käufen sind.

Warten auf News+ und Apple Card

Beim Thema Zeitungen und Zeitschriften hat Apple einen schwereren Stand, das Ende März gestartete Angebot Apple News+ klingt zwar für den Leser attraktiv, hat aber Haken. Die Zeitschriftenflatrate von zehn Euro im Monat ist kein Preis, der Leser abschreckt, doch nach wie vor ist Apple News+ nur in den USA, Kanada, UK und Australien aktiv. Und es mögen zwar einige interessante Zeitungen und Zeitschriften dabei sein, aber viele sind es eben nicht, wie die New York Times oder die Washington Post, die beide auch lukrative Digitalangebote aufgesetzt haben. Wir können uns es daher auch schwer vorstellen, dass bei einem deutschen Ableger von Apple News+ auch Schwergewichte wie die Süddeutsche Zeitung oder der Spiegel dabei wären.

Auch auf einen weiteren Apple-Dienst wird man hierzulande noch lange warten müssen: Die Apple Card. Wobei es ohnehin fraglich ist, ob im Bargeldland Deutschland mit seiner weitläufigen Bankeninfrastruktur eine von Goldman Sachs herausgegebene und von Apple für das iPhone weiter entwickelte Karte überhaupt Chancen hat. Zwar wird man nicht mehr seltsam angesehen, wenn man im Supermarkt und an der Tanke mit Uhr oder Smartphone bezahlt , will man das aber beim Bäcker oder Metzger, heißt es meist: "Keine Kartenzahlung. Oder erst ab 20 Euro. Oder nur mit PIN-Eingabe oder Unterschrift." Da ist der Weg zur Apple Card in Deutschland noch weit. Bis dahin sollte es Goldman Sachs auch geschafft haben, etwaige Diskriminierungen aus seinen Algorithmen zur Kreditwürdigkeit beseitigt zu haben. Sind ja noch ein paar Jahre hin.

Wenig Neues für das Smarthome

In Sachen Smarthome war das Jahr 2019 eines, das wenig Neues brachte, Apple hat allenfalls Trends für 2020 den Weg bereitet. Immerhin ist Apple nun auf die Idee gekommen, mit Routerherstellern zu kooperieren, um die hohen Anforderungen des HomeKit speziell an die Sicherheit tief in die Hardware zu verankern. Nur sind bisher kaum Produkte auf dem Markt angekommen. Ebenso finster sieht es bei den Sicherheitskameras aus, die auf HomeKit Secure Video setzen könnten, also Aufnahmen auf sichere Apple-Server speichern. Hat Apple nun ohne Not die eigene Routersparte aufgegeben oder holt das Unternehmen nur noch etwas Luft für 2020? Wir werden bald mehr wissen.

Interessant zu beobachten sein dürfte im Jahr 2020 aber die CHIP-Entwicklung. Also die jenes Standards, den Apple, Amazon, Google und die Zigbee-Allianz noch Ende Dezember 2019 auf den Weg gebracht haben . Die Idee dahinter: Die Kunden sollen all ihre Smarthome-Geräte miteinander verbinden können, egal, ob sie für Apples HomeKit, Amazns Echo oder Googles Home-Ökosystem gebaut wurden oder sich auf den Zigbee-Standard verstehen. Das schlaue Heim soll sich somit besser vernetzen können, Kunden sind nicht mehr darauf angewiesen, Geräte nur noch eines Standards zu nutzen. Connected Home over IP, wofür die Abkürzung CHIP steht, soll Open Source sein und vor allem auf das ebenso offene und sehr weit verbreitete IP-Protokoll aufbauen. Einen ersten Draft des Standards wird es im Laufe des Jahres 2020 geben, dann sollten auch erste Geräte miteinader kommunizieren und etwa der Homepod die Zigbee-Lampe ausschalten können.

Was wir in diesem Jahr über Apples Services zu berichten wussten:

Apples Einnahmen mit Services seit 2017 mehr als verdoppelt

Apples Probleme mit Services in China

Apple und der Datenschutz: Neue Info-Seite

22 Jahre Apple Store: "Gleich zurück" als Verheißung

Apples Bilanz für das Q4 2019: Neuer Rekord trotz iPhone-Schwäche

Apple Pay

Apple Pay: Mehr Transaktionen als Paypal

Apple Pay in Deutschland - Start und Funktionsweise

Apple Pay in der Praxis: Ein Erfahrungsbericht

Sparkassen: Mobiles Bezahlen mit Apple Pay noch dieses Jahr

Apple Pay bildet die Basis für digitales Vertrauen

American Express Blue Card: Apple Pay unabhängig von den Banken nutzen

Was iOS 13 für Apple Pay und Wallet bringt

Wallet-App auf dem iPhone: Mehr als nur Apple Pay

Bundesrat verabschiedet "Lex Apple Pay"

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AppleCard: Das kann Apples eigene Kreditkarte

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Apple Card: Wer sie wirklich braucht

Apple Card: US-Senat will Goldman Sachs prüfen

Apple TV

Apple TV+ und Apple TV Channels – das neue Fernsehen

Das ist Apple TV+, das läuft darauf

Die neuen Apple TV+-Serien: Wie kommen sie an?

Disney+ vs. Apple TV+: Warum die beiden Services keine Konkurrenz füreinander sind

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Apple News+: Qualitätsjournalismus noch nicht für Deutschland

Apple News+: Sind 200.000 Abonnenten viel oder wenig?

Apple Arcade

Apple Arcade: Alles, was Sie wissen müssen

Die 10 besten Apple Arcade Spiele (bisher)

Game Club und Apple Arcade: Spiele-Services im Vergleich

Apple Arcade: Starke Spiele, schwache Steuerung

Apple Arcade angespielt: Fast jeder Titel gefällt


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