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Schimpf zum Freitag: S-Bahn München bald mit WLAN

20.09.2019 | 12:49 Uhr | Peter Müller

Hurra, endlich kann man sein Leben nicht nur in vollen Zügen genießen, sondern auch surfen, bis der Arzt kommt. Die S-Bahn München hat aber ganz andere Probleme.

Die Tage sind merklich kürzer geworden, vor allem morgens ist es empfindlich kalt. Viele Pendler, die in den Sommermonaten mit dem Fahrrad in die Arbeit gefahren sind, denken nun allmählich daran, den Drahtesel wieder in seinen Stall zu stellen und ein anderes Verkehrsmittel zu nutzen. Im Großraum München wird daher die Nachricht, dass es ab Ende 2020 in allen Zügen der zur Deutschen Bahn AG gehörenden Münchener S-Bahn gratis WLAN geben werde, mit Jubel aufgenommen. An den Bahnsteigen liegen sich fremde Menschen glücklich in den Armen, die bisher ihr teures Datenvolumen in Anspruch nehmen mussten, um all die Störungsmeldungen zu lesen und nach alternativen Routen im Münchener Verkehrsverbund zu suchen. Oder um ein Taxi, ein Uber, eine sonstige Mitfahrgelegenheit zu organisieren.

Nein, natürlich liegen sich Pendler nicht glücklich in den Armen. Im Gegenteil dürfte die Meldung den Zorn auf die S-Bahn München noch weiter steigern. Denn seit Jahren klagen die Fahrgäste über stets schlechter werdenden Service. Beinahe täglich fallen Züge aus oder bleiben wegen einer Stellwerksstörung irgendwo auf der Stammstrecke liegen. "Personen im Gleis" kommen dann noch hinzu, während der beiden anstehenden Wiesnwochen in enormer Anzahl. Dass ab und an auch noch ein Notarzt eingreifen muss, dafür sollte man an sich Verständnis haben. Wenn man aber mal zu Stoßzeiten unterwegs ist und selbst als Gesunder kaum noch Luft in den überfüllten Wagons bekommt, fragt man sich durchaus, warum denn mal wieder der Einsatz der Sanitäter nötig war.

Der Gipfel der Genüsse: Seit Anfang August fallen auf zwei der acht Linien die sogenannten Taktverstärker aus , bis mindestens Ende November. Das sind jene Züge, die im Berufsverkehr einen Zehnminutentakt gewähren sollten. Nun fahren also auf hoch frequentierten Linien nur noch alle 20 Minuten Züge, die natürlich nicht mehr Wagons bieten als sonst. Man beneidet Sardinen um das reichhaltige Platzangebot in ihrer Dose.

Die Ausdünnung des Takts preist die Bahn auch noch als gute Tat: Weniger Züge auf der Strecke bedeute auch weniger Störanfälligkeit, hurra! Leider hat sich das als Trugschluss erwiesen und nicht selten wurde der 20-Minuten-Takt zu einem 40-minütigem. An etlichen Bahnhöfen vor der Stadtgrenze ging bereits nichts mehr, weil in die übervolle S-Bahn nicht einmal mehr mithilfe der U-Bahn-Auffüller von Tokio mehr Leute gepasst hätten.

Warum das so ist? Nun, die Züge stehen in der Werkstatt. Und bleiben da stehen, weil die Bahn dort an Personalmangel leidet. Warum die Züge aber in die Werkstatt müssen? Das hat mehrere Gründe: Ältere, an sich bereits ausrangierte Wagons werden für die moderne (haha!) Signalanlage umgerüstet, um auf der Strecke die Züge zu ersetzen, die gleichzeitig eine neue Inneneinrichtung bekommen. Mit weniger Sitzplätzen, damit man sie noch mehr mit Pendlern vollstopfen kann. Und natürlich mit WLAN. Halleluja!

Ich denke, ich bringe morgen mein Fahrrad in die Werkstatt, um es mit Sitz- und Lenkerheizung nachrüsten zu lassen. Damit ich auch im Winter die 20 Kilometer in die Arbeit unverfroren überstehe. Für die noch weiter draußen wohnenden Kollegen, die diese Alternative nicht haben, tut mir das Leid. Aber die bekommen ja bald WLAN.

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