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Siemens will zurück zu den Wurzeln

27.04.2001 | 00:00 Uhr |

Mit Gasturbinen und Zügen will der Siemens-
Konzern aus der Telekommunikations-Flaute dampfen. Nach
enttäuschenden Zahlen bei den einstigen Hoffnungsträgern setzt
Siemens jetzt verstärkt auf Medizin- und Verkehrstechnik. «Den
Bereich Medizintechnik zählen wir inzwischen sogar zu unseren
Ertragsperlen» sagte Siemens-Chef Heinrich von Pierer am Donnerstag
bei der Vorlage der Halbjahreszahlen in der ungarischen Hauptstadt
Budapest.

Dennoch sind dies allenfalls Lichtblicke am Horizont. Der
schwächelnde Telekommunikations-Markt könnte dem Konzern nach
Einschätzung von Branchenkennern in diesem Jahr durchaus noch die
eigenen Prognosen verhageln. Im zweiten Quartal des laufenden
Geschäftsjahres 2000/2001 (30.9.) hatte der Bereich Mobilfunk
(Information und Communication Mobile - ICM) einen Verlust von 143
Millionen Euro eingefahren. Im gesamten Halbjahr konnte Siemens nur
noch ein gebremstes Wachstum von 41,1 Milliarden Euro Umsatz und 1,35
Milliarden Euro Gewinn verzeichnen.

Neben der Telekommunikation bereitet auch der Unternehmensbereich
Netzwerke Sorgen. Deshalb setzt Siemens erneut den Rotstift an: Neben
der bereits angekündigten Streichung von 2600 befristeten
Arbeitsverträgen bei ICM bis Ende September sollen jetzt auch in der
Sparte Netzwerke (Information und Communication Networks - ICN) in
den kommenden 18 Monaten weltweit 3500 Stellen wegfallen.

Für das laufende Jahr sind die Aussichten speziell auf dem Handy-
Markt auch nicht gerade rosig. Vorsichtshalber hielt sich der
Siemens-Chef deshalb mit Prognosen zurück. Auf Grund der unsicheren
Marktlage und der geplanten Umstrukturierungen sei eine belastbare
Vorhersage im Augenblick praktisch unmöglich. «Ich empfinde die
Situation so wie sie ist auch nicht als erfreulich», sagte der
Siemens-Chef. Was Prognosen anbelange, sei er jedoch ein gebranntes
Kind. Sie würden allzu oft als Versprechen missdeutet. «Wirkliche
Versprechen gegenüber meinen Freunden habe ich aber immer gehalten,
deshalb halte ich mich zurück.»

Lieber verbreitete der Siemens-Chef gute Nachrichten. Am Rande der
Pressekonferenz gab er den neuesten Coup bekannt: Mit dem Chef der
Deustchen Bahn AG, Hartmut Mehdorn, habe er sich grundsätzlich auf
die Lieferung von insgesamt 41 Zügen der Typen ICE-III und des mit
der Neigetechnik ausgestatteten ICET geeinigt. «Das sind endlich die
Wiederholungseffekte, die ich mir seit langem gewünscht habe.» Der
Stückpreis des Hochgeschwindigkeitszuges liegt bei rund 35 Millionen
DM.

Auch über die Arbeitsgebiete Kraftwerks- und Verkehrstechnik
spricht von Pierer in diesen Tagen gerne. Nach den Umstrukturierungen
erntet das Unternehmen nach Ansicht von Pierer in den Bereichen
Kraftwerks- und Verkehrstechnik jetzt die «Früchte seiner harten
Sanierungsarbeiten.» Vor allem die gute Nachfrage nach Gasturbinen in
den USA und der jüngste Milliarden-Deal mit dem britischen Bahn-
Betreiber Stagecoach stimmen den Konzern-Chef optimistisch.
dpa

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