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Spielfilm-Dreh mit iPhone? So arbeitete Steven Soderbergh

19.02.2019 | 16:17 Uhr | Stephan Wiesend

Der Sport-Film "High Flying Bird" von Steven Soderbergh wurde per iPhone gedreht, ganz so simpel war das aber wohl nicht.

Bei Youtubern wie MKBH und Unbox Therapy hat man manchmal den Eindruck, dass sie es mit dem Einsatz s├╝ndhaft teurer Studio-Hardware fast schon ├╝bertreiben . Dagegen machte der bekannte Regisseur Steven Soderbergh zuletzt mit Kamera-Minimalismus von sich reden. Der Regisseur von Filmen wie "Ocean Eleven" und "Traffic" hat n├Ąmlich nach "Unsane" bereits den zweiten Spielfilm mit einem iPhone gedreht: Das gerade auf Netflix gestartete Basketball-Drama "High Flying Bird" ist mit 92 Prozent bei Rotten Tomatoes ein echter Erfolg. Die Dreharbeiten in New York dauerten nur drei Wochen, Soderbergh arbeitete dabei h├Âchstpers├Ânlich als Kameramann und ├╝bernahm auch den Schnitt. Kennt man den Aufwand, den Filmproduktionen bei Spielfilmen betreiben, hat sich Soderbergh f├╝r eine ├Ąu├čerst spartanische Kamera-Ausstattung entschieden. Bei einem n├Ąheren Blick auf die genauen Umst├Ąnde sieht man aber schnell, dass Soderbergh doch mehr Aufwand betrieben hat, als man zuerst vermutet. Laut Berichten sollen die Schauspieler anfangs etwas irritiert gewesen sein, wussten den schnellen Ablauf und kurzen Wartezeiten bald zu sch├Ątzen.

In einem aktuellen Artikel des Magazins "New York" (Print) wurde die Arbeitsweise von Soderbergh etwas genauer dargestellt, so filmte er nicht nur mit einem einzelnes iPhone, sondern mit bis zu drei iPhone 8 mit 256 GB Speicher zugleich. Vorteil: Er konnte bei einer Filmaufnahme problemlos den Blickwinkel wechseln und da er zugleich Regisseur und Kameramann war, seine W├╝nsche sofort umsetzen. Soderbergh sieht vor allem in der flexiblen Nutzung den Vorteil des iPhone-Filmens: Man k├Ânne ein iPhone bei Bedarf sogar einfach an der Decke befestigen. Statt teurer Profi-Stative und Rigs kam billiges Zubeh├Âr zur Verwendung, ├╝ber das wohl manch Hobbyfilmer die Nase r├╝mpfen w├╝rde: So verwendete er die g├╝nstigen Joby Mini Gorillapods als Stative, f├╝r freie Kamerafahrten der Stabilisator DJI Osmo Mobile . F├╝r eine Kamerafahrt in einer Stra├čenszene setzte er sich einfach mit iPhone und Gimbal in einen Rollstuhl und lie├č sich schieben ÔÇô statt ein Dolly-System aufbauen zu lassen. Ein Bild, das der mitspielende Kyle MacLachlan gleich bei Twitter ver├Âffentlichte.

Ein Gimbal sorgt für verwacklungsfreie Aufnahmen.
Vergr├Â├čern Ein Gimbal sorgt f├╝r verwacklungsfreie Aufnahmen.
© DJI

Ganz so simpel war die Arbeitsumgebung aber dann doch nicht, vor allem im Bereich Software: Da ein iPhone Videos nicht im richtigen Seitenformat aufnimmt, kamen spezielle Aufsatzlinsen von Moondog Labs zur Verwendung, die ein anamorphes Seitenformat erzeugen. Das Video wird dabei mit einer 1,33x-Linse um 33 Prozent breiter, muss aber sp├Ąter ÔÇ×de-squeezedÔÇť also "entstaucht" werden. Aufnahmen erfolgten wohl auch deshalb nicht mit der integrierten Kamera-App sondern der 15-Dollar-Software FilLMiC Pro , die sich an Profis richtet. Die Videoaufnahmen erfolgten im Spezialformat FiLMiC Pro Log mit 2160p, das einen gr├Â├čeren Farbraum und h├Âhere Dynamik bietet, bereitgestellt wurden die Daten ├╝ber ein Profi-System namens Pix. Die Produktion erfolgte dann im Format Digital Intermediate mit 4K.

Eine solche Linse sorgt für ein Breitbild-Video.
Vergr├Â├čern Eine solche Linse sorgt f├╝r ein Breitbild-Video.

Soderbergh sch├Ątze bei der Produktion laut Artikel, dass er nach einer Aufnahme die Videos auf seinem Macbook Pro 13-Zoll schneiden konnte, ein Glyph Atom diente anscheinend als Speichermedium. Offensichtlich schneidet Soderbergh ├╝brigens nicht mit Final Cut Pro sondern Avid Media Composer. Die Videoaufnahme mit einigen iPhones zeigt aber nach unserem Eindruck nur einen kleinen Ausschnitt der Produktion. Wie einige Produktionsdaten der Seite IMDB.com zeigen, passierte au├čerdem auch hinter der Kamera noch sehr viel mehr:

Die oft untersch├Ątzte Tonaufnahme erfolgte n├Ąmlich offensichtlich durch einer eigenen Crew, dem aus f├╝nfzehn Personen bestehenden Sound Department. Dazu geh├Ârten ein Boom Operator (ein Boom ist ein Mikrofon an einer Angel) und zahlreiche Spezialisten f├╝r Toneffekte. Aber auch mit den Makeup und Kost├╝men waren f├╝nf Angestellte, mit der Organisation der Aufnahmeorte weitere vier Personen besch├Ąftigt, von zahllosen Produktions-, Film- und anderen Assistenten ganz zu schweigen.

Unsere Meinung:

Die Filmqualit├Ąt eines iPhones ist bei guten Lichtverh├Ąltnissen ausgezeichnet und ein Profi wie Steven Soderbergh kann damit sogar Videoaufnahmen f├╝r einen Spielfilm drehen ÔÇô die Arbeit im Hintergrund sollte man bei einer solchen Produktion aber keineswegs untersch├Ątzen. Au├čerdem beweisen zahllose iPhone-Videos auf Facebook und Twitter, dass der Umkehrschluss nat├╝rlich nicht gilt: Ein iPhone macht noch lange niemanden zum Soderbergh.

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