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Kommentar: Spotify hat es verstanden, Apple nicht

28.02.2021 | 10:15 Uhr |

Ein Überangebot an Inhalten nervt Nutzer. Bestimmte Formate gar nicht anzubieten, lässt Nutzer zur Konkurrenz gehen. Apple Music und Spotify sind schon lange Konkurrenten. Das neue Spotify-Angebot, welches in den nächsten Wochen ausgerollt werden soll, zeigt jedoch: Spotify hat die Kunden verstanden. Apple nicht. Ein Kommentar.

Seit dem es den Streaming-Dienst gibt, nutze ich Apple Music. Vor 2015 wurden gekaufte CDs digitalisiert, der iTunes-Mediathek hinzugefügt und mit dem iPhone synchronisiert – alternativ kaufte ich Songs oder Alben direkt bei iTunes und habe sie mir aufs iPhone geladen. Spotify war natürlich schon vor sechs Jahren eine Option, schließlich gibt es den schwedischen Musik-Streaming-Dienst bereits seit 2006. Damals hatte ich aber noch ein anderes Verständnis von Musik und Streaming-Diensten. Heute habe ich mich von Apple Music verabschiedet und anstelle der Musik-App, findet nun die Spotify-App Platz in meinem iPhone-Dock. 

Mittlerweile streamt man ja alles, nicht nur Musik: TV-Serien, Filme, das Fernsehprogramm, Hörbücher, Podcasts. Und für alles habe ich eine separate App:

Das Angebot an Inhalten ist so groß, dass man als Nutzer schon gar nicht mehr weiß, mit welchem Streaming-Dienst man überhaupt anfangen soll. Und spätestens dann, wenn einer der größten Streaming-Dienste für Video-Inhalte anfängt, eine Shuffle-Funktion einzuführen , stellt man fest: Quantität ist nicht alles.

Einfach zu viel des Guten

Das Überangebot von Video-Streaming-Diensten hat dazu geführt, dass ich zu einem alten Medium zurückgefunden habe: dem Podcast. Anstatt abends eine meiner vielen offenen Serien ("Your Honor" und "His Dark Materials" auf Sky, "For all Mankind" auf Apple TV+, "Lupin" auf Netflix, "The Mandalorian Staffel 2" auf Disney+) weiter zu schauen, lasse ich mich lieber abends von diversen Podcasts berieseln und entspanne parallel bei einer Runde Super Mario auf der Nintendo Switch auf dem Sofa – gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Gerade zur Zeit, da soziale Kontakte doch etwas zu kurz kommen, ist der Podcast doch eine ganz hervorragende Form des Eskapismus. Für eine kurze Zeit kann ich den realen Problemen echter Menschen lauschen – und vergesse dabei meine eigenen. Es lebe der Podcast!

Danke, Apple. Hallo, Spotify!

Die älteren unter Ihnen werden sich noch erinnern: Podcasts zu hören, war nicht immer so einfach, wie es heute ist. Dass es heute so leicht ist, haben wir Apple zu verdanken. 2005 bemerkte Apple, dass die Leute alles daran setzten, die ersten Podcasts auf ihre iPods zu laden und beschloss, dem Thema "Podcast" mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Apple hatte eine neue Version von Garageband mit zusätzlichen Podcast-Features veröffentlicht, ein Verzeichnis von Podcasts mithilfe des iTunes Store Frameworks erstellt und iTunes aktualisiert, um Podcast-Abonnements direkt zu unterstützen. Zwar musste man den iPod immer noch direkt an den Mac oder PC anschließen, um neue Episoden herunterzuladen (Streaming? Schön wär's!). Das war zwar nicht die beste Methode, aber immer noch besser, als Podcast-Dateien in iTunes zu laden, sie als Songs oder Hörbücher zu markieren und sie manuell zu synchronisieren. Das haben auch schon unsere Kollegen von der Macworld vor zwei Jahren erkannt.

Der kurze Podcast-Boom von 2005 hielt nicht wirklich an, aber er brachte Apple in den ersten Tagen des   iPhone   in eine perfekte Position. Mit dem Smartphone gab es endlich ein Gerät, das Podcasts spontan aktualisieren konnte, und Apple hatte es endlich verstanden und entwickelte eine eigene Podcast-App. Niemand sonst hatte es bisher geschafft, das iTunes-Podcast-Verzeichnis zu replizieren, und plötzlich war Apple der größte Player in einer wachsenden Medienbranche. Doch dann kamen auf einmal die Schweden und plötzlich hieß es: Hallo, Spotify.

Spotify hat es verstanden – Apple nicht

Apple Music und Spotify haben beide Vor- und Nachteile. Preislich gesehen, nehmen sie sich nicht viel. Sie sind beide bezahlbar und im Familien-Paket günstiger. Apple Music bietet coole Funktionen, wie etwas die Live-Anzeige von Song-Texten zum Mitsingen, Musik-Videos, Exklusiv-Interviews mit Künstlern und Live-Radio-Sender. Dafür hat Spotify was anderes: Original-Podcasts. Genau wie Netflix, Amazon Prime, Disney+, Apple TV+ und Sky in eigene exklusive Serien investieren und sich dafür Top-Schauspieler sichern, um die Zuschauer zu sich zu holen, verfährt Spotify mit Podcasts. "Gemischtes Hack" mit Felix Lobrecht und Tommi Schmitt, sowie  "Fest und Flauschig" mit Jan Böhmermann und Olli Schulz sind die bekanntesten und meistgehörten Podcasts in Deutschland. Beide Podcasts sind zwar keine Originale, dafür aber nun exklusiv bei Spotify unter Vertrag. 

Und Spotify legt nach: In den nächsten Wochen will der Streaming-Dienst seinen Hörern nach und nach zwölf neue Formate im Bereich Comedy, Wissen, Dokumentationen und News bieten. Alles Original-Podcasts. Alle exklusiv bei Spotify. ( Hier finden Sie einen Überblick über alle neuen Spotify-Formate ). Und Apple Music? Wer Podcasts bei Apple hören möchte, muss die Podcast-App nutzen. Apple-Exklusives bekommt man dort nicht. Bei Spotify bekommt man für das gleiche Geld mehr Angebote – und das in einer einzigen App.

Kann es Apple egal sein?

Für jemanden, der gerne Podcasts hört, ist Spotify die bessere Anlaufstelle. Hier kann ich meine Lieblings-Musik mit meinen Lieblings-Podcasts zusammenstellen – und all das in einer App. Für jemanden wie mich, den das Überangebot an Streaming-Inhalten in verschiedenen Apps nervt, ist das natürlich umso praktischer. Die Frage, die sich mir jedoch stellt, lautet: Wieso investiert Apple nicht ähnlich wie Spotify in exklusive Podcasts? Das Geld wäre da, die Nachfrage ebenfalls. Podcasts sind beliebter denn je.

Apple hat seine Service-Dienste in den letzten Jahren stark vergrößert. Podcasts waren nicht dabei. Mit Apple One bekommt man jedoch gleich sechs verschiedene Services zu einem günstigeren Gesamtpreis:

  • Apple Music

  • Apple TV+

  • Apple Arcade

  • iCloud

  • Apple News+

  • Apple Fitness+

Rund 30 US-Dollar verlangt Apple mit dem Premier-Bundle für sechs verschiedene Dienste. Im Vergleich zu einem einzelnen Apple Music- oder Spotify-Abonnement scheint das schon günstig zu sein. Mit anderen Worten: Apple lockt die Nutzer mit einem Gesamtpaket verschiedener Dienstleistungen und konzentriert sich im Musik-Streaming-Bereich tatsächlich ausschließlich auf Musik. Podcasts? Das können die anderen machen. Denn schließlich kann man Spotify-Originals auch ohne Premium-Account hören – sofern man die Werbespots über sich ergehen lässt. Solange man sich also im Apple-Services-Hamsterrad befindet, ist die Gefahr recht gering, dass man daraus ausbrechen und Apple den Rücken zukehren wird.

Apple-Podcasts: Back to the roots?

Gänziges Desinteresse zeigt Apple beim Thema "Podcast" dann aber doch nicht. Im November 2020 berichteten wir, dass Apple   Interesse an der Übernahme des Podcast-Netzwerks Wondery habe, das unter anderen Podcasts wie “Bunga Bunga,” “Dirty John” und “Dr. Death" produziert. Die Wondery-Gründer wollen mit einem Verkauf 300 bis 400 Millionen US-Dollar erlösen und haben gute Chancen dafür, da gleich vier Firmen sich einen Bieterwettstreit liefern. Neben Apple stehe auch Sony und Amazon auf der Matte, Spotify kurioserweise jedoch nicht.

Vielleicht hat Apple doch noch Interesse daran, den Podcast-Markt aufzumischen. Was vor einigen Jahren einmal bei Apple begann, könnte dort auch heute wieder perfekt funktionieren.

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