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Steiger vs. Müller: Wer kopiert hier wen?

10.07.2004 | 10:00 Uhr | Peter Müller, Stephan Wiesend, Stephan Wiesend

Steiger vs. Müller: Wer kopiert hier wen?

Über Apple ziehen sich dunkle Wolken zusammen: iMac und iPod mini kommen reichlich spät, ein US-Gesetzesvorhaben macht Sorgen und die Konkurrenz holt in Sachen Musik auf. Oder sind mal wieder nur die üblichen Schwarzmaler am Werk?

von Dirk Steiger und Peter Müller

Müller: STEIGER! Ja, sind denn die wahnsinnig, die US-Senatoren? Wollen ein Urheberrecht namens :Inducing Infringement of Copyrights Act verabschieden, das der Innovation des Unterhaltungselektronikmarktes Hohn spricht! Stellen Sie sich vor, Apple als Hersteller des iPod soll Verantwortung dafür tragen, was Anwender damit anstellen. Wenn iPod-Fans also nicht regulär im iTMS einkaufen oder ihre nicht kopiergeschützten aber gekauften CDs dorthin übertragen, sondern irgendwelchen Schmufix damit treiben, muss Jon Rubinstein in den Knast! Das Problem haben auch andere Hersteller, eine ganze Industrie wäre tot! Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die Branche boomt. Der iPod mini kommt weltweit heraus und die üblichen Verdächtigen wie Sony kopieren Apples Innovationen, um auf den rasenden, Erfolg versprechenden Zug doch noch aufzuspringen. Alle wollen sie an Apples Erfolg teilhaben, schaffen es aber nicht. Da muss dann schon die Legislative eingreifen, um Cupertinos Innovationen abzuwürgen.

Steiger: Müller, nun mal langsam. Sie müssen erst einmal die Hintergründe kennen, bevor Sie wie wild auf irgendwelchen Senatoren herumhacken. Zunächst einmal existiert diese Copyright-Act-Sache schon seit Monaten, jetzt geht aber erstmals darum, dass Ding durch den US-Kongress zu bekommen. Diese Geschichte ist allerdings von der Zeit schon leicht überholt - vor solchen Angeboten wie dem Music Store konnten MP3-Player wirklich nur Musikstücke abspielen, die entweder illegal besorgt oder im Rahmen einer umstrittenen Privat-Sicherheitskopie angefertigt wurden. Natürlich könnte man jetzt auch mit dem Vergleich kommen: Da hätte man damals ja auch Kassetten- und Videorekorder verbieten müssen, da haben die Leute schließlich auch kopiert wie die Geisteskranken. Nun ja, theoretisch schon. In der digitalen Walkman-Ära gibt es allerdings einen neuen Faktor, der vorher keine Rolle gespielt hat: nahezu unendlich viel Platz auf einem Medium. Kassetten waren bis zu 90 Minuten bespielbar, Videokassetten maximal 240 Minuten - längere Bänder resultierten in hör- und erkennbar schlechterer Ton- sowie Bildqualität. iPod und Konsorten haben mit so was kein Problem, da passen schon mal "10.000 Songs" in die Hosentasche. Und die darauf befindlichen Werke lassen sich problemlos und ohne Qualitätsverlust auf einen anderen Rechner übertragen. Insofern kann ich die Panik der US-Regierung verstehen, die hauptsächlich nur auf das Gejammere der Musik- und Filmindustrie reagiert. Grundsätzlich ist der Ansatz des "Inducing Infringement of Copyrights Act"-Gesetzes gar nicht schlecht, nur leider geht im Falle eines Inkrafttretens leider nach hinten los. Da sollte mal Arnold Schwarzenegger einschreiten, der hat doch von so was Ahnung. Also, von Filmen und so.

Müller : Steiger, ich glaube kaum, dass Graz' Mann in Amerika von diesen Dingen eine Ahnung hat. Und seine Politiker-Kollegen wohl auch nicht. Sicher, Software-Piraterie, um die es in diesem Fall geht, ist ein ernstes Problem, die Business Software Alliance (BSA) rechnet mit jährlichen Verlusten von 29 Milliarden Dollar. Aber was zu weit geht, geht zu weit. Mir hat es fast den Anschien, als würden Musik-, Film- und Softwareindustrie diejenigen zu Schadensersatz zwingen, derer sie habhaft werden. An Einzelne kommt man trotz der Klagewelle der RIAA gegen Musikpiraten nicht heran, also verklagt man die Hersteller der Werkzeuge. Wenn das durchgeht, ist das das Ende des Internetzeitalters. Kein Betreiber von Websites kann sich noch sicher sein, schon morgen könnte die Mega-Schadensersatzklage kommen, weil einer der User auf der Site Details über Techniken zum Kopieren ausgeplaudert hat. Apple, Rio, Sony und Konsorten können ihre digitalen Gadgets einstellen, von den kostenpflichtigen Dowloadservices ganz zu schweigen. Die Industrie würde einen nie gekannten Niedergang erleben, wenn sich die Betonköpfe durchsetzen. Und wenn es heißt, auf 36 Prozent aller Computer dieser Welt liefe nicht lizensierte Software, heißt das doch im Umkehrschluss, dass immerhin 64 Prozent aller Anwender mittlerweile brav zahlen. Da waren die Quoten, als sich raubkopiertes Windows auf den Computern dieser Welt so rasch verbreitete, wesentlich geringer. Microsoft, zusammen mit Adobe treibende Kraft in der BSA, soll nicht so laut jammern. Wesentlich mehr Grund dazu hätte Apple, jetzt, wo iPod-Clones aller Art aufpoppen. Während Windows physikalisch Windows blieb, sind die Nachbauten von Sony und Co nicht ihr Geld wert. Gerade von Sony verstehe ich das nicht, die müssten doch wissen, wie sehr Billig-Walkmans dem Original geschadet hatten.

Steiger: Unterschätzen Sie mal Sony nicht, Müller! Damals, als die mit ihrer Playstation gegen die Marktmacht von Sega und Nintendo auf dem Konsolenmarkt angetreten sind, haben auch alle nur müde gelächelt! Hochmut kommt vor dem Fall! Die trickreichen Japaner fangen doch schon jetzt an, das Erfolgsrezept von Apple zu kopieren! Eigener Musikplayer für den eigenen Musik-Online-Shop, und der Shop, Müller, der sieht fast so aus wie der iTMS! Zum Verwechseln ähnlich! Allerdings lässt sich Sony im Connect Europe Store von der Windows/Explorer-Marktmacht beuteln und schließt andere Browser kategorisch aus. Aber das Angebot im Connect Store, Müller, das müssen Sie gesehen haben! Wir haben gedacht, der Apple-Store wäre voller Lücken! Einzig bei den Filmsoundtracks spürt man die Macht des Sony-Konzerns - im iTMS Deutschland können Sie noch nicht den Soundtrack von "Spider-Man 2" downloaden, bei Connect aber schon. Wie gesagt, Sony sollte man nicht so schnell abschreiben - Sega hat damals auch fröhliches Playstation-Haudrauf-Marketing gemacht, und wenige Jahre später mussten sie die Segel streichen. Müller, die Japaner kommen!

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