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Tech-Branche ist patriarchalisch und weiß nicht mal davon

03.02.2022 | 15:40 Uhr | Halyna Kubiv

Der Valentinstag droht und mit ihm unweigerliche Empfehlungen, was man so seiner Angebeteten schenken möchte. Das offenbart ein tiefgründiges Problem.

Was ist noch schlimmer als eine Presseaussendung mit Weihnachtsgeschenken im August? Richtig, eine Presseaussendung Ende Januar bis Anfang Februar, in denen sich diverse Tech-Firmen in Gedankenakrobatik üben, wie man  Produkte wie zum Beispiel ein smartes Schloss als Valentinsgeschenk einem schmackhaft macht. Man merkt es, dass abseits von Smartwatches und Fitnesstracker die Branche wenig Ahnung hat, was es nun denn mit diesen Frauen auf sich hat. 

Ich muss gestehen, mir machte es unendlich Spaß, sich mit  Tech-Trends auseinanderzusetzen, neue Produkte auszuprobieren, generell sich in der Branche einigermaßen gut auszukennen, doch manche Aspekte treiben mich zuweilen zur Weißglut. 

Anrede als Herr

Ok, mein ausländischer Name und Nachname liefern nicht gerade viele Anhaltspunkte zu meinem Geschlecht, auf den ersten Blick kann man aus der Signatur nicht erkennen, ob ich männlich, weiblich oder divers bin, ich werde aber in 80 Prozent der Fälle von neuen Gesprächspartnern als Herr Kubiv angesprochen. Es spielt keine Rolle, ob mich Frauen oder Männer anschreiben, es zeigt deutlich, welche Klischees immer noch lebendig sind: Ein Tech-Redakteur hat männlich zu sein, alles andere verursacht nur Verwirrung. 

Gendern und wer sich da beschwert

Das bringt uns zu dem nächsten Problem: Seit knapp einem Jahr haben wir angefangen, auf eine geschlechtsneutrale Sprache stärker zu setzen, manche unserer Leser unterstellen uns gar "Gendergaga", wenn wir in einem Wort Nutzer und Nutzerinnen ausschreiben. Das verbreitetste Argument der Gegner eines solchen Gebrauchs ist, dass die Frauen beim generischen Maskulin ja höflich mitgemeint seien. Meine Karriere als Herr Kubiv ohne jegliche Geschlechtstransplantation beweist das Gegenteil: Nein, wenn Ärzte, Lehrer oder eben Redakteure erwähnt werden, werden meist nur Männer gemeint und verstanden, weibliche Pendants werden eher als eine Ausnahme gesehen. Bezeichnend genug, dass die meisten Beschwerdebriefe über die Verhunzung der Sprache und Sternchen und Doppelpunkte in unserem redaktionellen Postfach von den Herren der Schöpfung stammen. Diese sind auch noch so emotional aufgeladen, als ob der Gebrauch vom generischen Maskulinum in der Bibel, dem Grundgesetz und der Charta der Vereinten Nationen fest verankert sei und die neuen Binnen-Is, Doppelpunkte oder Sternchen das alte Privileg verletzen. 

Immer größere Smartphones

Dass die Tech-Branche von den Männern und für die Männer gestaltet ist, zeigt die aktuelle Entwicklung der Smartphone-Größe. Noch vor zehn Jahren waren Touchbildschirme teuer, deswegen Smartphones kleiner. Mit der Zeit sind sie zu Phablets mutiert, mit einer Bildschirmdiagonale von bis zu sieben Zoll, die meisten sind für mich persönlich zu groß, als dass man sie mit einer Hand bedienen könnte. Auch ohne Ein-Hand-Bedienung sind die modernen Smartphones für die Menschen, die von der Modebranche seit Jahrzehnten um die Hosentaschen betrogen wurden, in der Handhabung zu klobig. Eben deswegen floriert momentan der Markt der Handy-Ketten und Smartphone-Popsockets . Das letzte Produkt ist besonders absurd: Es ist eine Vorrichtung zum besseren Halt eines Geräts, das dafür konzipiert wurde, in den Händen gehalten zu werden!

Immer größere Smartwatches

Auch Smartwatches folgen diesem Trend, Apple hat seine kleine Variante der Apple Watch von 38 mm auf 40 mm und zuletzt auf 41 mm vergrößert. Zwar passt mir die Series 7 immer noch gut, aber mit dem aktuellen Modell ist der Platz auf meinem Handgelenk ausgeschöpft. Falls Apple mit den nächsten Generationen die Bildschirmgröße weiter erhöht, muss ich entweder zunehmen, damit mir größere Uhr passt, oder zu einem der Wettbewerber wechseln. Wobei auf dem Smartwatch-Markt eigentlich nicht so viele Angebote für Menschen mit schmalen Gelenken gibt, einige Jahre war Apple der einzige Anbieter mit der echten Smartwatch. All die Samsungs, Garmins, Fossils waren eher für Männer gedacht. Samsung Galaxy bietet glücklicherweise mit seiner Watch 4 mit 40 mm Gehäusegröße eine Smartwatch , die kleiner ist als die des Wettbewerbs. 

Apple Zyklusfunktion erst ab watchOS 6

Wo wir schon bei Apple sind... Ohne Frage, das Unternehmen bemüht sich redlich um Diversität auf der Bühne seiner Keytones: Der Anteil von Frauen und Männer ist gleich. Wirft man jedoch den Blick auf die Leadership-Seite des Unternehmens mit allen seinen CEOs, Vice-Presidents etc., wird Apple nach wie vor zum größten Teil von den weißen Männern in ihren 50ern und 60ern geleitet. Auch diese Tatsache kann es eigentlich nicht erklären, warum das Unternehmen, das auf jeder Watch-Vorstellung mit innovativen Gesundheitsfunktionen und Fitness-Neuerungen prahlt, die Zyklusprotokolle erst mit watchOS 6 im Jahr 2019 eingeführt hat . Damit die Perspektive klar ist: 2019 hat Apple seine sechste Generation der Smartwatch vorgestellt, wenn man die Original-Watch mit einberechnet. Im Jahr davor war mit Series 4 die EKG-Messung darauf möglich, noch ein Jahr früher konnte man mit der Watch ohne dazugehöriges Smartphone telefonieren, eine perfekte Bond-Uhr also. Die Zyklusprotokolle waren wohl aber entweder so kompliziert oder so unwichtig, als dass man sie bis auf Series 5 und watchOS 6 verschieben musste. 

BH-Artikel und Kommentare dazu

Dass die Smartwatches die Herren der Schöpfung exklusiv für sich zu verbuchen meinen, zeigt ein lustiger Zwischenfall auf unserer Facebook-Seite . Einige Nutzer beschweren sich seit Jahren, dass man die Apple Watch bei der Arbeit nicht am Handgelenk tragen darf. Davon ist vor allem Medizinpersonal betroffen. Ein Ausweg wäre, die Uhr mit einem etwas weiteren Armband am Fuß zu tragen. Auf Reddit haben einige noch empfohlen, die Uhr ganz ohne Armband in den BH zu stecken. Ich habe die beiden Szenarios ausprobiert, die Daten gemessen und die Abweichungen beim Normalverbrauch protokolliert. Die verbreitetste Reaktion auf den Post auf Facebook: "Ja, aber ich habe gar keinen BH" 🤷🏼‍♀️Die Verwirrung der Herren kann man nachvollziehen, es ist auch manchmal überraschend zu sehen, dass die Technologie, die man lieb gewonnen hat, auch andere Bevölkerungsgruppen nutzen, wenngleich nicht so, wie man selbst gewohnt ist. Andererseits haben wir bei den Vergleichstests von Barttrimmern von der Kollegen der Stiftung Warentest keine Kommentare der Frauen gesehen: "Ja, aber ich habe gar keinen Bart"...

Zum Abschluss, Sie dürfen gerne über den nachfolgenden Feedback-Link mir erklären, wo ich überall falsch liege. Ich beantworte jedoch nur die Briefe, die die Prüffrage beantworten: "Nennen Sie mindestens drei aktuell tätige weibliche CEOs der Tech-Branche". 📧 Feedback an die Macwelt-Redaktion.

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