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Telekom unterliegt im Flatrate-Streit

16.11.2000 | 00:00 Uhr |

Diese Entscheidung ist ganz nach dem Geschmack von
Vielsurfer und Internetfreaks: Ab dem 1. Februar 2001 muss die
Deutsche Telekom den Onlineanbietern einen Pauschaltarif für den
Internetzugang anbieten. Das Tor zur Interwelt wird mit der
Entscheidung der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post
weit aufgestoßen. Das glauben zumindest die Konkurrenten der Telekom.
Denn jetzt könnten die festen Endkunden-Preise für das Surfen im
Internet, die so genannten Flatrates, drastisch sinken.

Mit einem erschwinglichen monatlichen Pauschalpreis müsse dem
Internet in Deutschland zum Durchbruch verholfen werden, meint Uwe
Heddendorp, Chef des Onlinedienstes AOL Deutschland. Gemeinsam mit
dem Netzbetreiber Mediaways hatte das Unternehmen eine Beschwerde bei
der Regulierungsbehörde gegen die Telekom angestrengt.

Dabei ging es um den derzeitigen Pauschaltarif der Telekom-Tochter
T-Online von 79 DM, den die Konkurrenten für wettbewerbsverzerrend
halten. So rechnet die Telekom Vorleistungen für die Onlinedienste,
das heißt Verbindungsleistungen zum Internet, gegenwärtig im
Minutentakt ab. Auf dieser Grundlage könnten AOL und Co ihren Kunden
aber keinen Festpreis bieten, der sich wirtschaftlich rechne,
argumentieren die Telekom-Konkurrenten. Trotzdem sind sie aus
Wettbewerbsgründen gezwungen, mit Pauschaltarifen in den Markt zu
geben - AOL beispielsweise mit dem Angebot von 78 DM pro Monat.

Dieser Argumentation ist die Regulierungsbehörde gefolgt. Das
Geschäftsmodell könne nur schwerlich funktionieren, sagte der
Präsident der Behörde, Klaus Dieter Scheurle. So schreibt T-Online
unter anderem auf Grund seiner Internet-Flatrate rote Zahlen. Nur bei
der Deutschen Telekom AG, so Scheurle, stünden diesen Verlusten unter
dem Konzerndach Gewinne aus der Vorleistung gegenüber. Mit anderen
Worten: Was T-Online auf der einen Seite verliert, kassiert die
Muttergesellschaft auf der anderen wieder ein.

Bei der Telekom ist niemand auf die Regulierungsbehörde gut zu
sprechen: Scheurle habe den Verbrauchern einen Bärendienst erwiesen,
schimpft Konzernsprecher Ulrich Lissek. Nicht nur, dass Investitionen
in eine auslaufende Technik - nämlich dem schmalbandigen Telefonnetz
- fehlgeleitet würden: «Das Internet wird künftig zum World-Wide-
Wait», prophezeit er. Das heißt, das Netz verstopft und es bilden
sich Warteschlangen, weil Surfer die Telefonverbindung quasi als
Standleitungen nutzen. Das sei ein Pyrrhussieg für den Verbraucher,
sagt der Öffentlichkeitsarbeiter.

Diesen Schwarzen Peter reicht Scheurle an die Telekom zurück: «Wir
glauben nicht, dass es zu einer Netzüberlastung kommt», sagt der
oberste Regulierer des Telekom-Marktes in Deutschland. Es liege bei
der Telekom selbst, durch entsprechende Gestaltungsmöglichkeiten des
Tarifes eine Netzüberlastung zu vermeiden. Dass das Argument der
Telekom nicht ganz von der Hand zu weisen ist, zeigt aber ein Blick
ins Nachbarland Frankreich. Dort hatte AOL am Donnerstag wegen
Kapazitätsprobleme eine Beschränkung des freien Surfens zum
Pauschalpreis angekündigt.

Dass die Wettbewerber mit der Entscheidung eine bessere Grundlage
für das Kalkulieren ihrer Endkunden-Flaterates bekommen, passt der
Telekom am wenigsten: Sie würden sich aus der unternehmerischen
Verantwortung für ihre eigenen Geschäftsmodelle stehlen, weil sich
das wirtschaftliche Risiko auf den Netzbetreiber verlagere. Lissek
spricht von einer Hängematte für die Onlinedienste. «Der Wettbewerb
wird nicht narkotisiert, er wird erschossen». Da scheint ein neuer
Streit über die Ausgestaltung der Pauschale so gut wie sicher.
dpa

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