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Vorwurf: Amazon überwacht Mitarbeiter mit Kameras, Mikros & Scannern

28.05.2021 | 11:41 Uhr | Hans-Christian Dirscherl

Amazon überwache seine Mitarbeiter rund um die Uhr und verbaue sogar Mikrofone in deren Scanner - Ver.di erhebt schwere Vorwürfe gegen Amazon. Amazon weist die Vorwürfe zurück und schwänzt eine Anhörung vor dem EU-Parlament.

Amazon erscheint nicht zur Anhörung vor dem EU-Parlament

Gestern (27.5.2021) war eine Anhörung im Europaparlament zu Unternehmenspraktiken des US-Konzerns Amazon in Europa angesetzt. Diese Anhörung vor dem EU-Parlament hat Amazon allerdings geschwänzt, wie unter anderem Spiegel Online berichtet . Jeff Bezos, der bald als CEO von Amazon zurücktritt, erschien nicht vor dem EU-Parlament und Bezos schickte auch keinen Vertreter. Mitglieder des Europaparlaments reagierten verärgert:

Amazon hat laut dem Bericht angekündigt, stattdessen schriftlich auf die vorgelegten Fragen reagieren zu wollen.

Ver.di erhebt schwere Vorwürfe gegen Amazon

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di) nutzte die geplante Anhörung vor dem EU-Parlament, um schwere Vorwürfe gegen Amazon zu erheben. Amazon würde seine Mitarbeiter rund um die Uhr mithilfe von KI überwachen und gegen Datenschutzvorschriften verstoßen. "Amazon-Beschäftigte in Deutschland klagen darüber, dass jeder ihrer Arbeitsschritte durch den Einsatz entsprechender Software getrackt würde", so ein Ver.di-Sprecher.

Dabei kämen visuelle oder akustische Signale zum Einsatz: "Rot heißt: Der Beschäftigte ist inaktiv. Auch wenn es um eine minimale Arbeitsunterbrechung geht, werden Beschäftigte angesprochen", kritisiert der Gewerkschafter. Jeder noch so kleine Fehler habe ein sogenanntes Feedback zur Folge.

Ver.di kritisiert weiter, dass alle Scanner standardmäßig mit Mikrofonen ausgestattet seien. Zwar bestreitet Amazon, dass die Mitarbeiter durch die installierten Mikrofone abgehört werden würden, doch Ver.di fürchtet: "Durch den Einsatz von Kameras, Mikrofonen und Scannern werden die Beschäftigten zu gläsernen Menschen. Das macht enormen psychischen Druck und vor allem krank“.

Stellungnahmen von Amazon

Amazon ließ uns zunächst eine sehr allgemein gehaltene Stellungnahme zukommen: „Wir respektieren das Recht unserer Mitarbeiter:innen, einer Gewerkschaft oder einer anderen rechtmäßigen Organisation ihrer Wahl beizutreten oder auch nicht beizutreten -  ohne Angst vor Repressalien, Einschüchterung oder Belästigung. Seitens Amazon legen wir großen Wert auf einen stetigen Dialog mit jedem Mitarbeiter:in und arbeiten daran, dass das direkte und konstruktive Miteinander mit unseren Beschäftigten ein fester Bestandteil unserer Arbeitskultur ist. Tatsache ist, dass wir bereits eine exzellente Bezahlung, exzellente Zusatzleistungen und exzellente Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung bieten, und das alles in einer sicheren, modernen Arbeitsumgebung.“ Zitat Ende

Keine Mikrofone: Zu dem konkreten Vorwurf, dass Amazon Mikrofone in die Scanner der Mitarbeiter verbauen würde, heißt es aus Unternehmenskreisen, dass die eingesetzten Scanner über keine GPS- und auch über keine aktive Mikrofon-Funktion verfügen würden.

Zum Einsatz von Handscannern und Kameras in seinen deutschen Niederlassungen außerst sich Amazon folgendermaßen:


"Handscanner: In unserer heutigen hochtechnisierten Welt treten wir jeden Tag mit Scannern in Kontakt – ob im Supermarkt oder beim Eingangstor zum Büro – sie sind alltäglich. Auf ähnliche Weise ist es auch in einem modernen Logistikzentrum undenkbar, ohne fortschrittliche Technologie Kundenbestellungen abzufertigen. Die Scanner werden zur Nachverfolgung und Verstauung des Inventars und der Nachvollziehbarkeit von Kundenbestellungen genutzt. Die dabei erfassten Daten helfen den Mitarbeitern:innen bei der Ausführung ihrer Aufgaben und bei der akkuraten, pünktlichen Zustellung von Kundenbestellungen. Im Vergleich zur Arbeit mit gedruckten Picking-Listen haben die Scanner unsere Gehwege verkürzt. Darüber hinaus sind sie essentiell wichtig, um flexibel bei der Bestellbearbeitung zu bleiben - insofern sind sie einer der Schlüsselfaktoren, warum Kunden Amazon lieben.“
 
Weitere Informationen finden Sie auch in unserem Blogpost zum Thema. 
 
Kameras: Amazon unterhält in Deutschland 16 Logistikzentren und verwendet Mitarbeiterdaten ausschließlich in Übereinstimmung mit allen in der EU und in Deutschland geltenden Datenschutzgesetzen. Zudem gibt es Betriebsvereinbarungen mit unseren Betriebsräten zum Einsatz von Videokameras. Die für die logistischen Prozesse eingesetzten Systeme wurden mehrfach von Landesdatenschutzbeauftragten überprüft und für zulässig befunden.“ Zitat und Stellungnahme Ende

Ver.di liefert sich seit vielen Jahren einen Dauerstreit mit Amazon. Immer wieder ruft Ver.di zu Streikaktionen an den deutschen Amazon-Standorten auf. Allerdings blieben die Streikmaßnahmen bis heute ohne sichtbaren Erfolg. Bei dem Streit geht es darum, dass Ver.di den Abschluss eines Tarifvertrags nach den Bedingungen des Einzel- und Versandhandels fordert. Amazon lehnt dies jedoch ab und legt die schlechteren Vorgaben des Tarifvertrags für die Logistikbranche zugrunde.

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