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WWDC 2020: Das hat uns gefehlt

27.06.2020 | 13:24 Uhr | Peter Müller

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, doch hat Apple gestern auf der Keynote auch einige Erwartungen nicht erfüllt.

Vor einer WWDC-Keynote ist die Vorfreude groß, nicht nur bei Entwicklern, sondern auch bei Kunden und Fans. Die Gerüchteküche kocht beinahe über, doch je heißer gekocht wird, umso mehr enttäuscht das Essen. Vor allem über den Mangel an neuer Hardware haben sich wohl schon gestern Nacht die ersten Leser und Zuseher echauffiert. Dabei vergessen sie aber, dass eine WWDC – wie der Name schon sagt – eine Konferenz für Entwickler ist und es vorrangig um Software geht. Immer wieder nutzt Apple zwar die Show, um neue, teils spektakuläre Rechner zu zeigen, etwa letztes Jahr den Mac Pro, zwei Jahre zuvor den iMac Pro oder gleich mehrere Produkte, wie 2013, als nicht nur der Zylinder-Mac-Pro erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen war, sondern auch höchst konkrete Macbooks Air.

Apple musste gestern auch keine Hardware zeigen, das Entwickler-Kit mit A12Z-Cip im Mac-Mini-Gehäuse mal ausgenommen, um den Weg in die Zukunft zu weisen. Vor allem, was den Mac betrifft. Apple wagt den nächsten Umstieg nach denen vom 68k-Prozessor auf den PowerPC auf die Intel-Plattform und will Ende des Jahres den ersten Mac mit eigener CPU bringen, in zwei Jahre  soll der Umstieg abgeschlossen sein.

Enttäuscht hat uns die WWDC daher in keiner Weise, nicht einmal groß überrascht, von Ausnahmen abgesehen. Dass macOS Big Sur nun so ganz anders aussieht und anders zählt , hatte im Vorfeld niemand auf dem Schirm. Auch haben wir noch lange nicht alles gesehen, was macOS, iOS, iPadOS, watchOS und tvOS alles neu machen, können aber schon jetzt auf ein paar Dinge verweisen, die fehlen. Und vielleicht nächstes Jahr kommen, noch später oder nie.

Hardware: Neue Macs erst im Herbst

Die Gerüchte klangen recht plausibel: Apple werde gleich zum ARM-Umstieg die passende Hardware bringen. Etwa einen neuen iMac im frischen Design oder ein Macbook Pro 13,3'', bei dem nur die CPU eine andere ist. Das Hauptproblem scheint Apple in den Griff zu bekommen: Für Intel-CPUs geschriebene Software läuft dank Rosetta 2 auch auf den neuen Maschinen und anders als vor 15 Jahren haben Adobe und Microsoft ihre Mac-Software sofort für die neue Plattform bereit. Was hat Apple also daran gehindert, gleich in die Vollen zu gehen? Vermutlich wird man das erst gegen Ende des Jahres erfahren, wenn der erste ARM-Mac kommt. Der könnte gleich ein völlig neues oder wieder aufgelegtes Modell sein, etwa ein extrem effizientes und leichtes und dabei nicht einmal so teures Macbook. Der iMac hat sicher mal wieder ein Facelift verdient, wenn aber nun schon Icons im neuen Look in iOS 14 und iPadOS 14 sowie macOS 11 auftauchen, wird es eher nicht bis November mit einem neuen Modell dauern. Laut Tim Cook stecken auch noch ein paar tolle Intel-Macs in der Pipeline, ein neuer iMac wäre ein Kandidat dafür, anderthalb bis zwei Jahre später von einem gleich aussehenden Rechner mit A14Z-Chip oder dergleichen abgelöst. Apple ginge dann den umgekehrten Weg wie vor 15 Jahren: Da kam zunächst ein iMac mit altem Design und neuen Chip, ehe im Sommer 2007 der All-in-One den entscheidenden Facelift bekam.

iPad bleibt persönlich

Seit den Zeiten von iOS 5 fordern Kunden und Fans von Apple, dem iPad ein Mehrbenutzersystem zu spendieren. Im Bildungsbereich ist das mit einer zentralen Verwaltungssoftware auch möglich, dass sich unterschiedliche Nutzer mit ihren Konten am gleichen Gerät (nacheinander) anmelden. Doch für Privatanwender oder solchen in Firmen ist und bleibt das iPad ein persönliches Gerät, das immer nur mit einer Apple ID und den zugehörigen Daten und Apps funktioniert. Apple wird seine Gründe haben, doch lieferte es bis vor gar nicht langer Zeit das Macbook Air mit 32 GB aus und der Möglichkeit, mehrere Benutzer daran arbeiten zu lassen. Vor allem verhindert noch das Betriebssystem ein Äquivalent auf dem iPad, denn macOS trennt (persönliche) Daten strenger von Anwendungen, die mehrere Nutzer verwenden können. Ein Umbau von iPadOS in diese Richtung scheint möglich, für Apple aber offenbar  wenig erstrebenswert.

Facetime eher für Privatanwender

Wir trauen es uns ja kaum zu sagen, aber im Rahmen der Keynote-Berichterstattung, die wir zu fünft von fünf unterschiedlichen Orten angegangen sind, wären wir beinahe an Apple-Technik gescheitert. Nach dem Live-Event verabredeten wir uns zu einem Video-Call, Microsoft Teams fiel aber aus, da einer der Kollegen die Software nicht installiert hatte. Dann also Facetime – nur hatten zwei Kollegen Mac Minis ohne angeschlossene Kamera im Einsatz. Der eine wechselte dann auf das iPad mit der gleichen Apple ID, der andere auf ein Macbook Pro mit einer anderen Apple ID und schon hatten wir das schönste Chaos mir Rückkopplungen und unvollständigen Runden, wo mal zwei in dem einen Chat waren und drei im anderen. Und wo waren nochmal die Bedienelemente, um jemanden noch schnell mit einzuladen? Sicher – wir waren müde und unter Stress, aber Apples Facetime hat es uns nicht gerade leichter gemacht. Man traut es sich kaum zu sagen: Zoom und Teams erschienen als die besseren Lösungen. Nur hat Apple Änderungen für sein Kommunikationssystem Nachrichten (Messages) bereits angekündigt, was wir wirklich brauchen, scheint aber noch nicht auf dem Plan zu stehen.

Unser Macworld-Kollege Michael Simon hat Facetime Meeting vorgeschlagen , was das Beste aus allen Welten zusammenführen sollte. Denn Zoom und Teams trauen wir in Sachen Sicherheit nicht so sehr wie Apple. Wenn Facetime aber zum Videokonferenzsystem der Wahl werden sollte, dann sind Änderungen notwendig. Eine Kachelansicht etwa, die Möglichkeit eines Organisators, die Mikros und Kameras der Teilnehmer auszuschalten, individuelle Hintergründe und mehr. Aber der Vorschlag ist ja nicht aus der Welt, warten wir auf das nächste Jahr.

Shazam bleibt draußen

Die Übernahme des Musikerkennungsdienstes Shazam hat Apple angeblich 400 Millionen US-Dollar gekostet , den gleichen Betrag hat Cupertino 20 Jahre zuvor für NeXT ausgegeben. Und ungleich mehr bekommen, denn Shazam ist seither kaum anders geworden. Die App gibt es nur noch im App Store und nicht mehr für Android, zudem ist sie werbefrei, aber sonst? Eine wie auch immer geartete tiefere Integration in das System hätte man erwarten können, direkt in die Musik-App oder als Hintergrunddienst, den man schnell aus dem Sperrbildschirm aufrufen kann. Was nicht ist, kann noch werden.

Standard-Apps: Nur erste Schritte

Groß erwähnt haben die Apple-Chefs das gestern nicht, aber immerhin wird man ab iOS 14 und iPadOS 14 erstmals andere Standardapps für E-Mail oder Browsing definieren können als die von Apple vorgegeben. Das kann aber nur ein erster Schritt sein, Musik und Podcasts stünde das auch gut zu Gesicht, ebenso den Karten. Aber letztere hat Apple gerade runderneuert und mit Musik und Podcasts will das Unternehmen via Abos bekanntlich Geld verdienen. Es ist ja schon eine gewisse Überraschung, dass man den als besonders sicher erklärten Safari durch einen anderen Browser ersetzen darf, doch werden sich künftig auch Apps an Regeln wie die Tracking Prevention halten müssen.

Services noch nicht aus einem Guss

Für eine WWDC wäre es ja nur ein Randthema gewesen, aber immerhin feierte Apple Music auf der Entwicklerkonferenz 2015 seine Premiere. Also hätte Apple durchaus mehr über Services sprechen können, als nur den beeindruckenden Trailer für Isaac Asimovs "Foundation" zu zeigen . Schon seit geraumer Zeit – wenn nicht gar seit dem Frühjahr 2019 – wartet die Szene auf ein Kombiangebot von Services: Musik, TV, News und Spiele in einem Paket, wenn man eine Apple Card noch dazu nimmt, dann vielleicht noch günstiger und mit mehr Vorteilen. Auch das ist allenfalls Zukunftsmusik, falls überhaupt sinnvoll. Problem dabei: Die Apple Card gibt es nach wie vor nur in den USA und Apple News+ nur im englischen Sprachraum (Ausnahme Kanada). Ein globales Bundle wäre zumindest heute noch eine schlechte Idee.

Pro-Apps für das iPad

Zwar fehlte ein jeder Hinweis auf einen Sinneswandel, jetzt sollte es aber nicht mehr sehr schwer sein, Profi-Anwendungen wie Final Cut Pro und Logic Pro auf das iPad zu bringen. Mit Project Catalyst und dem anstehenden ARM-Mac wird es einer Software künftig egal sein, ob sie auf einem iPhone, iPad oder Mac zur Ausführung kommt. Craig Federighi zeigte immerhin, dass es künftig ein Klacks sei, iPad-Anwendungen auf dem Mac zu starten, der umgekehrte Weg war nicht zu sehen. Immerhin: Für Logic gibt es eine Remote auf dem iPad und Garageband ist schon recht stark und teilt das Format mit der Mac-Version und vor allem Logic Pro X. Aber es ist eben nicht das gleiche. Für Final Cut Pro braucht man einen großen Bildschirm (für Logic eigentlich auch), aber zumindest das iPad Pro kann über USB-C 4K-Monitore ansteuern. Hier besteht also weiter eine Lücke im Angebot

Blutdruck, Sauerstoff und Blutzucker

watchOS 7 hebt die Apple Watch auf ein neues Niveau in Sachen Gesundheitsvorsorge , aber es geht noch mehr. Wohl nur mit neuer Hardware, die Apple Watch Series 6 kommt frühestens im Herbst. Aber wir erinnern uns an das EKG: Davon war vor zwei Jahren auf der WWDC auch keine Rede, sondern erst, als Apple die Apple Watch Series 4 präsentierte. Mit Messung von Blutsauerstoff (wahrscheinlich), Blutdruck (möglich) und Blutzucker (noch unwahrscheinlich) wird da auch nicht anders sein. Wir bleiben hungrig.

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