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Warum Prossers Watch-Theorie eine faule Ausrede ist

20.09.2021 | 14:30 Uhr | Halyna Kubiv

Am Donnerstag wollte der prominente Leaker erklären, was bei den Apple-Watch-Leaks in die Hose ging.

Zum ersten Mal seit Langem hat Apples Keynote tatsächlich bei vielen Zuschauern die Augenbrauen in die Höhe getrieben. Haben wir noch auf der Redaktionskonferenz am Dienstag davor gemutmaßt, wir müssen nur noch das bereits Bekannte wiederholen, hat uns Apple eines Besseren belehrt. Vor allem bei der Apple Watch war die Überraschung groß: kein rechteckiges Design , sondern noch runder; das Display wird größer, die Uhr kommt "später im Herbst". Nun wollte einer der prominentesten Leaker, Jon Prosser, erklären, warum seine Vorhersagen nicht zutreffend waren .

In einem Video extra zu dem Thema wählt er eine kluge Strategie: Demnach hätte Apple bei der Apple Watch 7 mit dem eckigen Design derart große Produktionsprobleme gehabt, sodass das Unternehmen kurzfristig umgeplant habe und eine alte Uhr in buchstäblich neuen Gewand vorgestellt hat. Ein unausgesprochener Schluss schwingt bei der ganzen Theorie mit: Eigentlich hatte Prosser richtige Designs veröffentlicht, blöd nur, dass Apple sie nicht so wie geplant fertigen konnte. In etwa: "Ich hatte doch noch Recht, aber Apple hat alles in der letzten Minute abgesagt."

 

Die Letzte-Minute-Theorie klingt lächerlich, wenn man weiß, wie viele Prozesse beim Unternehmen im Hintergrund ablaufen, bis so ein Produkt auf den Markt kommt. Zum einen hat sich in einem iPhone-X-Interview 2017 Dan Riccio etwas verplappert , Apple habe die endgültige Entscheidung zum Produkt bereits im November 2016 getroffen, ab dann gab es keine Änderungen mehr. Sicherlich ist eine Apple Watch nicht so komplex, zudem produziert Apple nicht die rauen Mengen davon wie bei einem iPhone. Einige Monate im Voraus sollte die Produktion schon starten, denn in China werden die Produkte nur endgefertigt, die Bestandteile bezieht Apple überall auf der Welt . Diese sollen bei den Zulieferern bestellt und in die angedachte Fabrik geliefert werden, bevor sie gefertigt wurden.

Zudem führt Prosser als einen weiteren Beweis die Berichte von Nikkei Asia an, dass Apple erhebliche Probleme bei der Produktion der Apple Watch habe, dies sei eine weitere Indiz für seine Theorie, dass Apple kurzfristig umplanen musste und statt eckiger Apple Watch 7 nur eine generalüberholte Apple Watch 6 produzieren muss. Das Problem dabei, dass Nikkei Asia seinen Bericht am 1. September veröffentlicht hat ( wir haben berichtet ), zudem weist Apple auf seiner Promo-Seite der Apple Watch zu den Ladezeiten in der Fußnote 7 auf: " Die Tests wurden von Apple im August 2021 durchgeführt mit Prototypen der Apple Watch Series 7 (GPS) und der Apple Watch Series 7 (GPS + Cellular) mit dem Apple Watch magnetischen USB‑C Schnellladekabel (Modell A2515) und dem Apple 20W USB‑C Power Adapter (Modell A2305) ".

Noch früher im Sommer hat Apple bei der russischen Zollbehörde EEC neue Seriennummer der Apple Watch 7 registriert, hätte der Hersteller seine Pläne geändert, müsste er theoretisch nochmals neue Modellnummer registrieren, denn selbst wenn im Inneren die Hardware sich nicht von der Apple Watch 6 unterscheidet, ist das ein komplett neues Produkt.

Hinweise von FCC könnten wertvoll sein

Noch eine Behörde könnte Hinweis geben, wann tatsächlich die Apple Watch 7 fertig wird: Die FCC, also die US-Amerikanische Bundesnetzwerkbehörde, muss dem Verkaufsstart in den USA zustimmen, davor sind einige Tests notwendig, unter anderem, dass das neue Produkt nicht die gesetzlich festgestellte SAR-Werte überschreitet. Wie der Ablauf bei der Behörde aussieht, kann man an dem Magsafe-Adapter zum iPhone 12 ablesen: Dieser wurde zusammen mit dem neuen iPhone am 13. Oktober  2020 vorgestellt, am 23. Oktober 2020 konnte man das Gerät kaufen. Laut Unterlagen der Behörde fanden die Strahlungstests am 18. bis 22. September 2020 statt, der komplette Bericht wurde am 7. Oktober verabschiedet. Spätestens wenn FCC ihre Strahlungsberichte zur Apple Watch 7 veröffentlicht, werden wir wissen, ob Prossers Theorie gestimmt hat oder nicht.

Prosser führt in seinem Video noch zusätzliche Indizien auf, die auf eine Improvisation bei der Apple Watch 7 hindeuten können. Angeblich ist der Part mit der Watch später gedreht worden, weil dabei aufwendig produzierte Übergänge wie beim iPhone 13 fehlen, bei der Apple Watch 7 gibt es nur einen sogenannten "harten Cut", wenn Tim Cook auf der Bühne die Präsentation von iPad Mini abrundet und in der nächsten Sekunde zu der Apple Watch 7 übergeht. Wenn man aber das Keynote-Video weiter schaut, leitet Cook zu Jeff Willams weiter, dessen Part beginnt mit einem opulenten Drohnenvideo, gedreht irgendwo vor Big-Sur-Küste, auch Willams stellt Apple Watch nicht in Steve-Jobs-Theatre vor, sondern ebenfalls vor einer Meer-Kulisse. Das sieht nicht nach einer schnell zusammengeschusterten Vorstellung aus.

Prossers Behauptung, Apple Watch 7 ist nur eine generalüberholte Apple Watch 6 lässt sich selbst mit einem recht oberflächlichen Vergleich entkräften . Klar, bleibt der Prozessor der gleiche wie beim Vorgänger, das war aber schon in etwa bei der Apple Watch 5 der Fall: Der damals aktuelle Xcode hat den 5er Prozessor als den gleichen wie bei Apple Watch 4 ausgewiesen.

Das Display ist die größte offensichtliche Änderung, aber auch an Akku musste Apple kräftig gearbeitet haben, sonst könnte der Hersteller nicht über die Schnellladefunktion seiner Watch berichten.

Fazit

Prossers Erklärungen, warum er bei der Apple Watch falsch gelegen hat, scheinen recht unplausibel und fast so, als ob sich der Leaker nicht mit der Materie auskennt, über die er berichtet. Die endgültigen Beweise, ob er recht hatte oder nicht, werden wir bei den externen Behörden suchen, bei EEC in Russland und FCC in den USA: Stimmen die Anfang September registrierte Modellnummer mit den Nummern der Apple Watch 7 überein, ging es nie um eine Umplanung in der letzten Minute, die rundliche Apple Watch 7 war von Anfang an so geplant.

Apple kann tatsächlich Produktionsprobleme bei der Display-Herstellung haben, doch diese haben nicht zum kompletten Produktionsstop der Apple Watch 7 und einer Wiederbelebung von Apple Watch 6 geführt, sondern zu der Verzögerungen beim Verkaufsstart, wie sie Apple auf der Keynote verkündet hat. Prossers Behauptung, Apple selbst wisse nicht, wann die Uhr auf den Markt kommt, halten wir für unbegründet. Apple pflegt, seine Versprechungen wie "später im Herbst" einzuhalten, selbst wenn auf den letzten Drücker. Schließlich kann sich der Hersteller mit seiner am schnellsten wachsenden Kategorie von Wearables keinen groben Patzer wie bei Airpower erlauben.

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