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Warum hat die Corona-Warn-App 20 Millionen gekostet?

20.06.2020 | 12:52 Uhr | Stephan Wiesend

Die Entwicklung der Corona-Warn-App soll etwa 20 Millionen Euro gekostet haben, insgesamt werden daraus wohl 68 Millionen werden.

In den letzten Monaten der Corona-Krise ging es bei Staatsausgaben eher um Milliarden als um Millionen, trotzdem sorgte eine Nachricht bei vielen IT-Profis für Stirnrunzeln. Nach einer ersten Meldung sollte die von SAP und Telekom entwickelte App nämlich 20 Millionen Euro gekostet haben. Ein stolzer Preis für eine schlichte App, die doch nur die Bedienoberfläche für ein von Apple und Google entwickeltes API zu liefern scheint? Vielleicht sorgte auch die Beauftragung von SAP und Telekom hier für ein wenig Misstrauen. Vertreter deutscher Startups wie Frank Thelen fragten sich da , ob ein kleineres Unternehmen die App nicht weit günstiger hätte entwickeln können.

Komplexe Strukturen

Erste Stellungnahmen von SAP und Telekom schienen die Wogen aber zu glätten. So erklärte der SAP-Entwickler Sebastian Wolf auf Reddit die hohen Kosten etwa durch die nötige Integration ins deutsche Gesundheitssystem. Schließlich handele es sich nicht nur um eine App, sondern ein ganzes System an Serveranwendungen. Auch Thelen nahm seine Kritik mittlerweile zurück und räumte ein, dass das hohe Budget durch aufwendige Backend-Entwicklungen relativiert werde. Schließlich sind SAP und Telekom nicht nur für die Entwicklung der App zuständig, sondern auch für die Pflege und Aufbau der aufwendigen Server-Struktur. Weitere Kosten würden durch Posten wie Tests, Schulungen und Abstimmung mit Google und Apple anfallen. Auf Github hat SAP die im Hintergrund laufende Server-Infrastruktur näher beschrieben, offensichtlich wurde der Großteil der Arbeit von SAP-Mitarbeitern geleistet . Allein um die Privatsphäre der Nutzer zu sichern, wurde eine sehr komplexe Server-Struktur aufgebaut, die schließlich Millionen an Nutzern haben wird. (Für den Abruf der täglich abgeglichen Keys rechnen die Entwickler mit bis zu 720 Millionen Requests oder 42,8 TB pro Tag, die über die Open Telecom Cloud laufen). Unter diesen Gesichtspunkten klingen 20 Millionen Euro schon eher angemessen, wenn es auch bei diesen Kosten gar nicht bleiben wird.

Es sind nämlich mittlerweile neue und exaktere Zahlen aufgetaucht, die auf eine Anfrage der Linken zurückgehen. Laut des Berichts des Spiegel erhielt allein SAP 9,5 Millionen Euro für die App-Entwicklung und weitere zwei Millionen Euro für die Pflege der Software in den Jahren 2020 und 2021. An die Telekom gingen dagegen 7,79 Millionen für die Inbetriebnahme der Hardware – also den Aufbau der Server-Infrastruktur. Zusätzlich erhält die Telekom aber bisher nicht genannte 43 Millionen Euro – für den Betrieb der App. Laut Spiegel veranschlagt der Bund nämlich allein für Wartung, Pflege und Betrieb der App etwa 48 Millionen Euro. Für den laufenden Betrieb sollen 2,5 bis 3,5 Millionen Euro aufgewendet werden, unter anderem für Telefon-Hotlines. Letztere sind für die Unterstützung der Nutzer aber auch die Meldung von Infektionen nötig.

Eigentlich sollten Infizierte bei einem positiven Befund vom Labor einen QR-Code erhalten und diesen per App einscannen. Dies wird aber mangels verfügbarer Ressource bei vielen Laboren noch nicht möglich sein, eine Meldung ist die ersten Wochen dann nur per Hotline möglich. Auch diese Hotlines fallen aber unter die Leitung der Telekom. Noch nicht dabei sind Marketingkosten von 3,5 Millionen, wer diesen Auftrag erhält, ist offenbar noch offen. Für Außenstehende ist schwer einzuschätzen, welche Kosten bei Telekom und SAP angefallen sind, zumindest das Honorar von 9,5 Millionen für SAP erscheint aber doch recht üppig. So erhielt die Agentur Ubique für die Covid-App für die Schweiz gerade 1,8 Millionen Franken , wenn auch anscheinend die ETH Zürich und ETH Lausanne für das Backend und das Gesamtprojekt zuständig waren. Aber auch in Deutschland wurde die App anscheinend nicht von SAP allein entwickelt, einen großen Beitrag steuerte das Helmholtz Center (CISPA) bei, das offenbar dutzende Entwickler für Wochen an dem Projekt arbeiten ließ – und ihnen auf einer Seite für die Opferung ihrer Freizeit dankte .

Fazit

Die Corona-App macht einen soliden und gut programmierten Eindruck, auch das Honorar für die Entwicklung ist bei Firmen wie SAP und Telekom wohl marktüblich. Eine Ausschreibung des Auftrages war aber durch den hohen Zeitdruck wohl kaum möglich. Die Frage kann natürlich gestellt werden, ob SAP und Telekom da angesichts der hohen Honorare nicht doch ein wenig unsolidarisch wirken.

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