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Warum ich ein Problem mit iPhone- und Watch-Tests habe

31.10.2021 | 10:30 Uhr | Halyna Kubiv

Manchmal hat man den Eindruck, dass ein Test nicht für die Leser da draußen, sondern für den Tester selbst geschrieben wurde.

Der Herbst ist eine heiße Jahreszeit für Tech-Redaktionen: Viele Hersteller stellen dann neue Produkte vor und alle wollen getestet werden, damit sich die potentiellen Kunden eine Meinung bilden können – ob sie das Produkt a) brauchen und noch wichtiger, b) kaufen sollen. In der Redaktion "Macwelt" bin ich meist für die Smartwatches wie Apple Watch zuständig, die iPhones teste ich eher als eine Ausnahme . Was aber nicht bedeutet, dass ich nicht auch Tests von anderen Geräten lese. Besonders in diesem Jahr habe ich aber bemerkt, dass die meisten eigentlich für eine elitäre Gruppe und nicht für Normalnutzer geschrieben werden. 

Alles schlecht bei der Apple Watch Series 7?

Es wäre mir nicht so sehr aufgefallen, hätte Apple nicht in diesem Jahr die Apple Watch Series 7 "verbrochen". Ok, im Vergleich zum  Vorgänger gab es wirklich nur recht kleine Änderungen: Ein größerer Bildschirm mit einer eingebauten Tastatur und schnellerer  Ladefunktion. Kaum genug Argumente um umzusteigen. Aber hier kommt schon der springende Punkt: Der Großteil der Apple-Watch-Träger und -Trägerinnen steigen gar nicht jedes Jahr um, sondern nutzen ihre Smartwatches zwei bis vier Jahre. Warum auch nicht? Der Akku hält diese Zeitspanne locker durch, selbst meine ein Jahr alte Series 6 weist noch 91 Prozent der Akkukapazität auf. Hätte Apple nicht watchOS 7 verbrochen, mit einem langwierigen Update-Prozedere, wären wahrscheinlich deutlich mehr Besitzer der Apple Watch 3 beim alten Gerät geblieben. Auch bei vergangenen Generationen gab es manchmal Jahre, als sich die neueste Apple Watch nicht großartig von ihrem Vorgänger unterschied (Series 5 bekam ein Always-On-Display, Series 2 – "nur" ein  GPS-Modul). 

In unserem Pressespiegel lauteten die meisten Einschätzungen: Ja, größeres Display und schnelleres Laden, aber der Umstieg lohnt sich nicht. Der Kollege Cross von "Macworld" ist sogar der Meinung, Apple hätte sich dieses Jahr eine neue Watch sparen können , so unbedeutend sind die Neuerungen. 

Anhand dieser Argumentation wird deutlich, woran es den meisten solcher Tests noch mangelt: Eines Praxiswerts für den normalen Nutzer. Hier wäre vielleicht ein wenig Hintergrund notwendig: Ein technischer Redakteur bewegt sich in einer Welt, die meist aus den neuesten Produkten besteht – schließlich will man seine Leser über die Neuerungen auf dem Markt informieren. Wir kaufen unsere Testgeräte entweder am Tag eins oder bitten die Hersteller diese als Leihgabe für eine bestimmte Zeit zu borgen (von vier Wochen über ein Jahr und bis unendlich – die Frist hängt vom Hersteller ab). Jeder Redakteur freut sich bei der Vorstellung oder beim Test über neue Funktionen oder Hardware-Entwicklungen, schließlich machen sich diese besonders gut in den Schlagzeilen. Am besten sollte in der Tech-Welt jedes Jahr eine Revolution stattfinden, so hätte man genug Arbeit bis zur nächsten Revolution im nächsten Jahr. 

Das Problem: Die Entwicklung, nicht nur von Hardware, ist meist ein evolutionärer Prozess mit sukzessiven Änderungen, die auf den ersten Blick recht unbedeutend erscheinend. Erst eine (richtige) Kombination dieser vielen kleinen Änderungen macht im Rückblick einen richtigen Unterschied aus. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Ist die Apple Watch 7 im Vergleich zu Series 6 ein Quantensprung, liegen zwischen der Series 7 und 3 fast schon Lichtjahre: EKG, Sauerstoffmessung, Sturzerkennung, 50 Prozent mehr Display-Fläche, schnellere, bessere Prozessoren, ein immer eingeschalteter Bildschirm etc. Wird in solchem Fall ein Umstieg berechtigt? Aber ja doch! 

Was noch bei der Zielgruppe der potentiellen Apple-Watch-Käufer außer Acht bleibt, ist die Besonderheit des Marktes. Im Vergleich zum iPhone ist die Watch ein vergleichbar junges Produkt, der Markt ist noch keineswegs gesättigt. Das bedeutet, dass sehr viele nicht von Smartwatch auf Smartwatch umsteigen, sondern sich zum ersten Mal eine zulegen. Laut Statista wuchs der Anteil der Smartwatch-Träger in der Gesamtbevölkerung um knapp acht Prozent jährlich vom 2015 bis 2019

Und was gibt es an den iPhone-Tests zu meckern?

Eigentlich das Gleiche, woran es den Smartwatch-Tests mangelt: Die meisten beantworten nicht die Fragen, die für den Normal-Nutzer relevant sind. Ich habe mir beispielsweise mein iPhone 11 Pro im Mai 2020 gekauft. Eigentlich will ich nicht umsteigen, ich will nur wissen, ob die neuen Geräte von Apple irgendwelche gewichtige Argumente haben, die mich doch noch zum Umstieg bewegen könnten. Wie auch bei der Apple Watch, vergleicht man das iPhone aber meist nur mit dem Vorgänger, die früheren Generation bleiben außen vor. Aber auch bei den iPhones steigt nur eine recht kleine Zielgruppe jedes Jahr um, die meisten wechseln ihre Geräte mit der Verlängerung des Mobilfunkvertrags aus, also alle zwei Jahre. Nicht wenig nutzen ihre Smartphones drei Jahre und länger, schließlich versorgt Apple seine iPhones bis zu fünf Jahre mit Updates. 

Was bei den iPhone-Tests noch ins Auge sticht, sie konzentrieren sich sehr auf die Funktionen, die sich in Zahlen gut ausdrücken und auch vergleichen lassen: 120 Hz, 180 MP, 4 GB RAM, 4.090 mAh, 6,1 Zoll, etc. Bei der täglichen Nutzung der Geräte kommt es aber für die meisten auf diese Zahlen gar nicht an. Ich wäre zum Beispiel allein deswegen auf ein iPhone 13 umgestiegen, weil das kleinste Modell deutlich mehr Speicherplatz für den gleichen Preis bietet und mich die ständige Erinnerung "Sie haben nicht genügend Speicher" nicht mehr nerven würde. 

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