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Wetterfühlig

31.10.2004 | 16:00 Uhr |

Wetterfühlig

Müller: Meiners, Sie sind ja schon ein echter Münchner! Sie spüren den Föhn, jenen heimtückischen, warmen Fallwind aus den Alpen. Und das schon nach zwei Tagen! Respekt! Sie wissen ja: Föhn macht müde, putzmunter und durstig. Föhn macht aufgekratzt, melancholisch und durstig. Föhn macht aggresiv, lammfromm und durstig. Föhn macht kreativ, einfallslos und durstig. Föhn macht appetitlos, bärenhungrig und durstig. Es gibt ja Vor-Föhner, Nach-Föhner und solche Leute wie Sie, die ihn dann spüren, wenn er weht. Aber einen Münchener, der den Föhn gar nicht spürt, den gibt es nicht. Manche sind sogar derart sensibel, dass sie den Wind auch dann blasen fühlen, wenn sie am anderen Ende der Welt weilen. Föhn macht rasend, schleichend und durstig. Womöglich sind die langsamen Radler, die Sie aufgeschreckt haben, besonders Wind empfindlich. Föhn macht den Himmel weiß, macht den Himmel blau und die Münchener durstig. Meiners, genießen Sie dieses wunderbare Wochenende doch einfach, schnappen Sie sich Ihre Kamera und gehen Sie auf Foto-Safari durch die Stadt. Wenn Sie brav sind und die Bilder auf den iPod Photo geladen haben, erkläre ich Ihnen, wo Sie überall waren und was Sie da abgelichtet haben. Das ist nämlich der Sinn des iPod Photo: Man hat sein komplettes Leben in Bildern dabei, darüber hinaus soll man ihn in Zukunft auch dazu nutzen können, seinen Geschäftspartnern oder Kunden Präsentationen vorzuführen, an einen Fernseher ist das Ding ja schnell angeschlossen. Auf der 60-GB-Platte ist verdammt viel Platz, Sie können Ihr gesamtes Leben also an sich vorüberziehen lassen, wenn Ihnen ein durstiger und grantiger Münchner bei Föhnwetter auf dem Augustinerkeller seinen Masskrug über den Schädel gezogen hat.

Meiners: Welch langsamer und schmerzvoller Tod - sechzig Gigabyte an "letzten Bildern". Dann habe ich mir gerade den Preis dieses Wunderkästchens angeschaut - nicht unbedingt weniger schmerzvoll. Ebenso der Aufbau des IKEA-PS-Bettsofas in der Revision 2.0 (grad kam der Spediteur mit einem Ersatzgestell), die alte Kriegsverletzung an der Lendenwirbelsäule, Sie wissen schon... Schmerzvoll... Hach, ich glaube, ich sollte zu landestypischen Drogen greifen und irgendwie bin ich ja durstig. Müller, zeigen Sie dem Haupt-Föhner doch mal jenen Keller, von dem Sie immer schwärmen, können wir das nicht in den Ausbildungsplan mitaufnehmen? Landeskundlicher Unterricht in Theorie und Praxis - das kriegen Sie doch bestimmt von der Chefredaktion genehmigt. Erst einmal aber muss ich meinen restlichen Hausstand auspacken und in meinen 46 Kubikmetern Wohnraum schichten. Praktisch ist es ja, auf so kleinem Raum zu leben: Wenn man morgens aufwacht und feststellt, dass dieser Tag keine weitere Aufmerksamkeit verdient hat, angelt man sich mit dem Fuß aus dem Kühlschrank das erste Helle und bleibt gleich liegen. Wo bloß habe ich meine Kopfschmerztabletten hinsortiert? Ich fühle mich so prämenstruell. Immerhin: Ich kann wieder online gehen, das war bloß eine Netzstörung. Alles wird gut!

Müller: Das will ich meinen! Also packen Sie Ihre Kisten fertig aus und machen Sie sich auf den Weg in die Arnulfstraße 52. Uhrzeit? Egal, ich bin ohnehin ständig dort. Wussten Sie übrigens, dass auf dem heutigen Gelände des Augustinerkellers früher der Richtplatz der Stadt München war? Sehen Sie, auch heute kann man da noch den Kopf loswerden, wenn auch auf andere Weise...

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