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Wie Covid-19 die WWDC für immer verändert hat – zum Guten

10.06.2022 | 15:00 Uhr |

Wird die WWDC jemals wieder in einer Form wie vor der Pandemie stattfinden? Wohl eher nicht. Warum das nicht schlecht ist.

Ältere Semester unter den Leser:innen werden sich vielleicht noch erinnern, dass die WWDC nicht immer eine Sensationsveranstaltung wie heute gewesen ist. Noch ein gutes Stück in die 2000er hinein richtete sie sich fast ausschließlich an Entwickler:innen, weitestgehend unbeachtet von der breiten Bevölkerung.

Zeit ihrer Existenz hatte die WWDC nicht wirklich einen festen Standort. 15 Jahre lang fand sie in San Jose statt, dann weitere 14 Jahre in San Francisco, für ein paar Jahre wieder in San Jose und seit 2020 entweder komplett digital oder, wie die WWDC 2022 , am neuen Firmensitz von Apple, Apple Park in Cupertino.

Was ich damit sagen will: Bei der WWDC ist nichts in Stein gemeißelt. Nachdem ich die diesjährige, hybride WWDC mitverfolgt habe, denke ich nicht, dass die WWDC jemals zu ihrem Format vor Corona zurückkehren wird – und das ist auch gut so.

Apples Erfolg hat die WWDC nachhaltig verändert

Vor der Pandemie hat Apple bewusst für die WWDC eine öffentliche Messehalle gemietet. Einige Tausend Entwickler:innen nahmen an der Veranstaltung teil, die mit einer Keynote begann und danach in etliche kleinere Sessions aufgeteilt war, in denen einzelne Sprecher auf neue technische Details zu den verschiedenen Apple-Plattformen eingingen. Da die Teilnehmerzahl begrenzt war, wurden diese Präsentationen aufgezeichnet und die Videos zunächst auf festen Datenträgern, später übers Internet an alle anderen Interessenten verteilt.

Doch mit der Einführung des iPhone und des App Store änderte sich die Art und Weise, wie Apple mit seinen Entwicklern interagierte, für immer. Die WWDC wurde zu einem begehrten Ereignis und nur ein winziger Teil hatte das Glück (und das nötige Geld), daran teilzunehmen. Videos von den Sessions wurden immer wichtiger. Apple zufolge gibt es mittlerweile 34 Millionen registrierte Entwickler. Selbst der größte denkbare Veranstaltungsort könnte nicht mehr als einen winzigen Bruchteil davon fassen.

Tim Cook und Craig Federighi heißen die Gäste zur WWDC in Apple Park willkommen.
Vergrößern Tim Cook und Craig Federighi heißen die Gäste zur WWDC in Apple Park willkommen.
© Jason Snell

Aufgrund von Apples Erfolg hatte die WWDC ihren Reiz als persönliche Veranstaltung verloren. Für diejenigen, die teilnehmen durften, war sie ein schönes Fest geworden, aber von außen wirkte es so, als wären die Teilnehmenden ein Ersatz fürs Studiopublikum, das Beifall klatscht und auf Fotos und Videos für eine angemessene Atmosphäre sorgt.

Die Pandemie zwang Apple dazu, eine reine Online-Veranstaltung durchzuführen, und die Ergebnisse waren beeindruckend. Im Gegensatz zu Präsenzveranstaltungen, bei denen die Redner an ein Pult gefesselt waren und sich an strenge Zeitvorgaben halten mussten, konnten die Online-Sitzungen von Apple so lang sein, wie sie wollten. In den hellen, interessanten Räumlichkeiten des Apple Park konnten sie auch deutlich dynamischer inszeniert werden. Alles war on-demand und wurde in täglichen Happen veröffentlicht, wie die nerdigste Netflix-Show aller Zeiten.

Apple hat sogar die Online-Community in die WWDC einbezogen. Es gibt virtuelle Tech-Talks und Labs. Aktuell halten sich Apple-Entwickler:innen im offiziellen Slack-Kanal der WWDC 2022 auf und beantworten Fragen in Echtzeit.

Es hat zu gut funktioniert. Wenn es um den Bildungsauftrag der WWDC geht, gibt es wirklich kein Zurück mehr.

Aber es ist so: Bei der WWDC geht es nicht nur um Bildung und den Kontakt zu Entwickler:innen. Es ist auch eine Presseveranstaltung, bei der Apple seine Betriebssystemstrategie für das nächste Jahr vorstellt – und manchmal gibt es auch ein paar neue Hardware-Ankündigungen, nur so zum Spaß.

Fühlt euch wie zu Hause

Mit der WWDC 2022 hat Apple einen guten Mittelweg zwischen dem Alten und dem Neuen gefunden. Wie in der guten alten Zeit hat das Unternehmen Medienvertreter zur Keynote eingeladen. Deutlich weniger, aber immer noch sehr viele Entwickler wurden ebenfalls eingeladen, die im Apple Park für die nötige Stimmung sorgten.

Bei der WWDC 2022 hat Apple Elemente seiner bisherigen, Vor-Ort-Veranstaltungen mit den aufgezeichneten Präsentationen seit 2020 verbunden.
Vergrößern Bei der WWDC 2022 hat Apple Elemente seiner bisherigen, Vor-Ort-Veranstaltungen mit den aufgezeichneten Präsentationen seit 2020 verbunden.
© Apple

Einerseits ist Apple ein Unternehmen, das sehr auf Geheimhaltung bedacht ist. Als solches wirkt es etwas widersprüchlich, so viele Menschen zum Firmensitz einzuladen. Andererseits ist Apple aber auch ein Unternehmen, das gerne die Kontrolle über so viele Aspekte von dem haben möchte, was es macht. Es ist beinahe unbegreiflich, wie Apple sich jemals dazu aufraffen konnte, sich mit den Behörden von San Jose und San Francisco auseinanderzusetzen, um die Veranstaltung in einer ihrer Messehallen abzuhalten, ganze Hotelblocks zu reservieren, für mittelmäßiges Catering zu bezahlen, Termine mit anderen Veranstaltungen abzusprechen und alles andere.

Apple Park ist die Lösung. Apple Park ist Apples eigenes Gebäude. Es sind die eigenen Einrichtungen, der eigene Zeitplan, das eigene Catering, eigene Parkplätze und die eigene Security. Das Unternehmen hat einen riesigen Veranstaltungsraum gebaut, um jedes erdenkliche Event abhalten zu können. Es verfügt über mehrere Außenbereiche, die sich auch für große Menschenmengen eignen, was sich zu Pandemiezeiten als nützlich erwiesen hat, da es nach wie vor schwierig ist, viele Menschen in geschlossenen Räumen unterzubringen.

Eine einmalige Gelegenheit

Die WWDC ist nicht wie andere Apple-Veranstaltungen, weil sie sich speziell an Entwickler:innen richtet. (Mit Ausnahme der Keynote, die nicht wirklich für sie, sondern für die breite Öffentlichkeit bestimmt ist). Die diesjährige WWDC unterschied sich zwar stark von den vergangenen Jahren und hatte eine deutlich geringere Anzahl externer Teilnehmer, aber diejenigen, die das Glück hatten, ein Ticket zu ergattern, hatten ein einmaliges Erlebnis.

Die diesjährigen Teilnehmer gehörten zu den ersten Außenstehenden, die das ringförmige Gebäude in Apple Park betreten durften. Sie durften auf schicken Holzstühlen sitzen, an schicken Holztischen essen und schicke Marmortreppen hinaufsteigen. Sie befanden sich im Zentrum der Apple-Welt – dieses Mal wirklich, nicht wie früher, als wir sagten, dass die Innenstadt von San Jose zur WWDC-Woche das Zentrum der Apple-Welt war.

Apple nutzte diese Woche auch, um sein neues Developer-Center-Gebäude zu enthüllen, das südlich des Besucherzentrums des Apple Park Visitor steht. Ausgestattet mit Besprechungsräumen und einem kleinen Veranstaltungssaal wird deutlich, dass Apple beabsichtigt, seinen Campus in Cupertino in den kommenden Jahren zu einem Reiseziel für Entwickler zu machen.

Es ist schwer einzuschätzen, wie die WWDC nächstes Jahr ablaufen wird, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie stark von der diesjährigen Veranstaltung abweichen wird. Die Keynote wird wieder eine große Presseveranstaltung – vielleicht sogar im Steve Jobs Theater? – und einige wenige glückliche Developer werden ein Sandwich vom Caffè Macs gönnen dürfen.

Klingt das weniger aufregend als Tausende von Menschen, die die Straßen von San Jose verstopfen? Ja, eigentlich schon. Aber es ist der richtige Ansatz für Apple und 99,9999 % der Entwickler:innen, die ohnehin nicht hinfahren würden.

Dieser Artikel erschien zuerst bei den Kollegen von der  Macworld   und wurde aus dem Englischen übersetzt. 

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