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Wie Steve Jobs "Antennagate" zerredete

16.07.2020 | 10:02 Uhr | Peter Müller

Heute vor zehn Jahren: Steve Jobs verpasst einer lästigen Geschichte einen interessanten neuen Spin.

Langjährige Apple-User oder auch solche, die das gerne wären, kommen gerne immer wieder mit einer Weisheit um die Ecke, wenn bei Apple auch nur eine Kleinigkeit schiefgeht . "Unter Steve Jobs wäre das nicht passiert! Apple ist nicht mehr innovativ! Und die Systeme stecken voller Fehler!" Nun ist aber so, dass seit Steve Jobs' Ableben die Benutzerzahlen von Apple-Produkten schier explodiert sind, iPhones, iPads und Macs immer mächtiger und komplexer werden und die Fehler daher wahrscheinlicher werden und vor allem öfter auffallen. Das wichtigste aber: Die Erinnerung stellt  golden ausgeschmückte Fallen – auch unter Steve Jobs ist bei Apple manchmal etwas schiefgelaufen. Die Fehlerkultur war seinerzeit aber eine andere. Wie vor allem der Vorfall von vor zehn Jahren zeigt.

Denn zu einem ungewöhnlichen Termin, Freitag, den 16. Juli 2010 sah sich Apple gezwungen, der Öffentlichkeit seine Sicht auf das darzulegen, was sich in den Wochen zuvor als "Antennagate" entwickelt hatte. Immer häufiger wurden Klagen von Nutzern des iPhone 4 , dass Telefonate plötzlich beendet wurden, wenn sie ihr Smartphone in einer bestimmten Art und Weise hielten. Der "Grip of death" überbrückte eine Lücke der außen am Gehäuse angebrachten Antenne und ließ die Qualität der GSM- oder UMTS-Verbindung rapide sinken.

Was Steve Jobs an jenem Freitag zur Erklärung hervorbrachte, war nicht ohne Chuzpe: "Wir sind nicht perfekt. Smartphones sind nicht perfekt." Denn wie ein Video zeigte, hätten auch die Smartphones anderer Hersteller Probleme mit dem Empfang, hielt man sie in einer bestimmten Weise. Außerdem zeige die Software des iPhone in der Regel ein schlechteres Signal an, als es tatsächlich der Fall ist, und überhaupt: Nur 0,55 Prozent der Käufer des iPhone 4 hätten sich bei Apple beschwert, die Rückgaberate beim seinerzeit exklusiven US-Provider AT&T sei nur unwesentlich höher.

Also nur ein Sturm im Wasserglas? Apple habe schließlich 100 Millionen US-Dollar in sein Antennen-Center investiert, in dem nicht weniger als 16 Doktoren der Physik zusammen mit hunderten weiteren Mitarbeitern an der Empfangstechnik arbeiteten. Immerhin, räumte Apple ein, wer immer noch nicht davon überzeugt sei, erhalte eine kostenlose der von Apple "Bumper" genannten Hüllen für das iPhone 4.

Der Auftritt von Steve Jobs, der dafür extra seinen Sommerurlaub unterbrochen hatte, ist ein klassisches Beispiel für einen Spin der öffentlichen – respektive der veröffentlichten – Meinung. Samsung, Nokia und RIM waren zwar wenig begeistert , dass nun auch ihre Geräte in der Schusslinie standen, Apple hatte aber erfolgreich von einem Konstruktionsmangel abgelenkt. Schon die im Frühjahr 2011 erschienene CDMA-Version des iPhone 4 bekam dann ein anderes Antennendesign, den Grip of death konnte man an keinem der seither erschienenen Geräte mehr anwenden.

Steve Jobs wirkte an jenem 16. Juli nicht nur so, als wolle er jemanden auf dem Mond schießen, "Antennagate" kostete tatsächlich dem leitenden Entwickler Mark Papermaster den Job – Apple hatte ihn erst kurz zuvor von IBM losgeeist.

A propos "auf den Mond schießen". Das geschah auch an einem 16. Juli. Vor 51 Jahren startete Apollo 11 zu seiner erfolgreichen Mondmission. Heute würde man auch liebend gerne wieder gewisse Leute auf den Mond schießen, ohne Rückflugticket. Das war ja seinerzeit die große technische und logistische Leistung: Die Besatzung von Apollo 11 und der darauf folgenden Missionen kam lebend auf den Planeten zurück. Präsident Nixon hatte vor 51 Jahren aber bereits eine Rede an die Nation für den Fall des Scheiterns in der Schublade. Das Schicksal wäre dafür verantwortlich gemacht worden, nicht etwaige Schlamperei.

Aber auch wenn bei den Apollo-Missionen nach der nachträglich zu Apollo 1 deklarierten Mission, bei der die drei Astronauten starben, nicht alles perfekt lief, das mit den Moonshots ist doch gut ausgegangen, selbst die Crew von Apollo 13 kam wohlbehalten zurück. Und bei Apple läuft seit jeher viel mehr richtig als verkehrt. Und auf Apple TV+ läuft eine fiktionale Serie , die sich fragt, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätten die Sowjets das Rennen zum Mond gewonnen.

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