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Distributed Proofreaders: Wie kostenlose Klassiker auf iPad oder Kindle kommen

05.03.2019 | 11:53 Uhr | Halyna Kubiv

In Apples Stores gibt es kaum Abteilungen mit komplett kostenlosen Inhalten. Eine Ausnahme besteht dann doch, die will aber gepflegt sein.

Diese eine Abteilung findet man im Bookstore: Die meisten Klassiker bekommt man dort kostenlos. Die Urheberrechte auf die B├╝cher von Goethe, Schiller bzw. Shakespeare oder Jane Austen sind l├Ąngst erloschen, daher kann man die Klassiker gratis herunterladen. Doch wie kommen die Werke, bekannt aus der Schule, von einem Papierblatt auf das iPhone, iPad oder den Kindle? Eine der gr├Â├čten Quellen f├╝r derartige E-Books ist die Seite ÔÇ×Project GutenbergÔÇť ( zur Zeit in Deutschland wegen eines Rechtsstreits mit dem S. Fischer Verlag gesperrt ). Die dort verf├╝gbaren B├╝cher finden ihren Weg in diverse Stores der Privatanbieter.

W├Ąhrend der Schritt von Project Gutenberg zu Apple oder Amazon ein kleiner ist, steckt richtig viel Arbeit darin, die gedruckten B├╝cher fehlerfrei zu digitalisieren. Wir haben daf├╝r mit einigen Mitgliedern der deutschsprachigen Community gesprochen. Denn hinter dem Projekt Gutenberg, das eine Online-Plattform f├╝r die E-Books anbietet, steht noch eine gro├če Gemeinschaft freiwilliger Helfer, die sich Distributed Proofreaders, zu Deutsch ÔÇ×Kollaborative KorrekturleserÔÇť nennen. Das globale Team z├Ąhlt 1300 aktive Mitglieder , das deutsche Team knapp 500 . Constanze Hofmann, die bei Distributed Proofreader auch eine Admin-Rolle ├╝bernimmt, merkt jedoch an, dass die Anzahl der aktiven deutschen Mitglieder deutlich niedriger ist.

Das Korrekturwerk der Vielen

Mittlerweile sind durch die Distributed Proofreaders mehr als 37 000 B├╝cher digitalisiert worden. Das Team-Mitglied Reiner Ruf erinnert sich, wie er im Jahr 2013 zum Projekt stie├č: Damals fand er auf der Gutenberg-Webseite elektronische B├╝cher, die ihn interessierten. Ruf wollte sich f├╝r diese kostenlose Leistung revanchieren ÔÇô und fand auf der Webseite einen Anmeldelink f├╝r die Distributed Proofreaders . Seitdem ist der gelernte Chemiker in der Community aktiv.

Auch Constanze Hofmann ist ├╝ber den gleichen Weg auf Distributed Proofreader gekommen, allerdings bereits 2006. Das Projekt bewahre alte Klassiker, aber auch B├╝cher, die nicht mehr nachgedruckt werden, vor dem Vergessen. Auch diese haben heute ihren historischen Wert als Quelle von altem Wissen.

Die Bearbeitungszeiten f├╝r ein Buch sind immer unterschiedlich ÔÇô je nachdem wie viele Freiwillige zur Verf├╝gung stehen und je nachdem wie umfangreich ein Buch ist. Ein deutsches Buch mit 800 Seiten kann schon mal zwei Jahre in Bearbeitung sein. Laut Constanze Hofmann ist aber der Prozess immer der Gleiche: Die B├╝cher werden meist entweder von Internet Archive oder Google Books besorgt, dort sind sie zun├Ąchst nur als gescannte Bilder verf├╝gbar. Ab hier gilt es f├╝r die Freiwilligen die Buchteile wie Einband, Titelblatt etc. zu trennen, die Texte von einer OCR-Engine (zur Zeit von Abbyy gestiftet) erkennen zu lassen und Illustrationen, falls vorhanden, zus├Ątzlich zu bearbeiten. In diesem Rohzustand geht der Text an die Korrekturleser. Standardm├Ą├čig sind mindestens drei Korrektur-Runden vorgesehen und wer ein Korrekturleser der dritten Stufe sein will, muss sich in der Hierarchie der Freiwilligen hocharbeiten. Danach folgen jeweils zwei Formatierungsrunden, wobei die Umbr├╝che, Abst├Ąnde, Zeilenumbr├╝che bei Strophen und die Abst├Ąnde zwischen den W├Ârtern gepr├╝ft und ausgebessert werden. Die kleinste Einheit bei diesen Aufgaben ist eine Buchseite. Ist diese fertig, kann sich der einzelne Korrekturleser f├╝r die n├Ąchste eintragen.

Drei Stufen vom Scan bis zum Buch

Auf den dritten und letzten Stufe entsteht ein fertiges elektronisches Buch: Hier werden Text und Illustrationen zusammengef├╝gt. Auch hier arbeiten an der Entstehung mindestens drei Personen: Post Processor (in etwa Nachbearbeiter), Smooth Reader (finale Korrektur) und ein Post Processing Verifier (Abnehmer). Ab dann gelangt das Buch auf die Plattform von Project Gutenberg und steht der ├ľffentlichkeit zur Verf├╝gung.

Weil der Gebrauch von E-Book-Dateien vom Project Gutenberg nicht eingeschr├Ąnkt ist, sind die meisten elektronischen B├╝cher in den Stores wie denen von Apple und Amazon mehr oder weniger Raubkopien, bedauert Greg Newby, CEO von Project Gutenberg. Nach den aktuellen Lizenzbestimmungen sollen solche E-Books einen deutlichen Hinweis auf Project Gutenberg f├╝hren. Falls die B├╝cher kostenpflichtig vertrieben werden, soll Project Gutenberg 20 Prozent der Ums├Ątze als Lizenz erhalten. Laut Newby k├Ânnen oder wollen die Betreiber von solchen Stores ÔÇô sei es Apple oder Amazon ÔÇô nicht ├╝berpr├╝fen, ob denn Personen, die solche B├╝cher hochladen, tats├Ąchlich auch die Reche daran halten. Ironie der Geschichte: Durch die Sperrung der Project-Gutenberg-Seiten in Deutschland sind die Stores von Apple und Amazon beinahe die einzige Quelle f├╝r diese (kostenlosen) Klassiker.┬á

Es ist schon bemerkenswert, dass ein Freiwilligen-Projekt, das auf reiner Flei├čarbeit und Routineaufgaben basiert, so lange bestehen kann. Gegr├╝ndet wurden Distributed Proofreaders bereits im Jahr 2000. Anders als vielerorts im Netz gibt es in der Community keine Trolle, versichert uns Reiner Ruf. Ganz im Gegenteil ÔÇô manche Teilnehmer steigen in eine Mentoren-Rolle auf und erkl├Ąren den Neulingen, wie man am besten seine Aufgabe erledigt. Constanze Hofmann merkt an, dass sie als Admin auch zuweilen mit nicht sonderlich angenehmen ├äu├čerungen konfrontiert ist. Dadurch, dass die Community aber davon lebt, neue Freiwillige willkommen zu hei├čen, wird auch die entsprechende Kultur gepflegt. Das gemeinsame Ziel und Interesse vereinen die Menschen besser, als anderswo in den sozialen Medien.

Kleines Team, freundlicher Umgangston

Dadurch, dass das deutsche Team relativ klein ist, kennt man zumindest die aktivsten Mitglieder. Manche davon beteiligen sich ├╝brigens noch bei dem deutschen Ableger von Project Gutenberg, das von Spiegel Online gehostet und von dem Unternehmen ÔÇ×Hille & PartnerÔÇť betrieben wird. So kann es auch kommen, dass manche B├╝cher auf Deutsch doppelt vorhanden sind ÔÇô einmal auf Project Gutenberg und einmal auf Project Gutenberg-DE. Kleiner Unterschied: Die E-Book-Formate auf Project Gutenberg-DE sind kostenpflichtig.

Au├čer der freundlichen Community gibt es noch einen Grund, warum viele Teilnehmer dem Projekt ├╝ber die Jahre treu bleiben: Seine Aufgaben kann man sich selbstst├Ąndig ausw├Ąhlen und einteilen. Ein ganzes Kapitel oder gar ein ganzes Buch muss man nicht alleine abarbeiten, meistens w├Ąhlt man sich nur eine Seite aus, ist diese fertig, schnappt sich der Freiwillige eine n├Ąchste, nicht unbedingt aus dem gleichen Buch. Die Korrekturleser k├Ânnen auch selbst B├╝cher zur Digitalisierung vorschlagen. Je nachdem wie lang die Warteschlange ist und wie viele Korrekturleser in der jeweiligen Sprache zur Verf├╝gung stehen, wird das gew├╝nschte Buch fr├╝her oder sp├Ąter in ein E-Book-Format gebracht. Constanze Hofmanns n├Ąchstes gro├čes Projekt bei Distributed Proofreaders ist beispielsweise, Th├ęr├Ęse de Dillmonts "Encyclopedia of Needlework" auf Deutsch in einer digitalen Variante herauszubringen.

Jeder der Korrekturleser hat auch ganz pers├Ânliche Beweggr├╝nde: Reiner Ruf findet beispielsweise, dass die alten B├╝cher eine gewisse Charme oder Aura ausstr├Âmen. Dazu sind sie im Gegenteil zu den aktuellen Produkten auf dem Buchmarkt sehr individuell, ja kunstvoll gestaltet. Constanze Hofmann glaubt, dass die digitalisierten E-Books mehr Freude beim Lesen bereiten als nur abfotografierte Scans. Aber abgesehen von der ├Ąu├čeren Erscheinung lohnt es sich immer, ein altes Buch f├╝r die kommenden Generationen zu erhalten. Das Wissen darin hat immer noch seine Allgemeing├╝ltigkeit, ob auf einem Pergament oder eben mit E-Ink dargestellt.

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