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Wie sich Steve Jobs’ „Reality Distortion Field“ von „alternativen Fakten“ unterscheidet

14.01.2021 | 15:23 Uhr | Peter Müller

Die objektive Wahrheit kennt manchmal unterschiedliche Ansichten – aber Fakten bleiben Fakten. Manchen gelingt dennoch eine überzeugende Verzerrung.

Die Freiheit ist ein viel zu sensibel Wert, um ihren Schutz allein den Liberalen zu überlassen. Bevor Sie mit Recht protestieren, das sei doch der Sinn der Menschen liberaler Gesinnung, die Freiheit zu verteidigen, sei gesagt, dass in einer freiheitlichen Gesellschaft es einen sehr breiten Begriff der Liberalität gibt. Wirtschaftsfreiheit ist nur ein Aspekt dabei, kein unwichtiger, nein, aber auch kein wichtigerer als alle anderen. Eine jede individuelle Freiheit endet eben dort, wo sie Freiheiten Anderer einschränkt. Paradox: Gewisse individuelle Freiheiten muss man in Krisenzeiten stark einschränken, um die Freiheit möglichst vieler zu gewährleisten. Das mag einem zuwider sein, aber gegen die Verpflichtung zu demonstrieren, im ÖPNV und im Einzelhandel eine FFP2-Maske tragen zu müssen, mag aus der Sicht von Leuten, die die Sache mit dem Virus offenbar besser verstanden haben, so sein, als demonstrierten diese Leerdenker für ihre Freiheit, andere Leute krank machen zu dürfen.

Und an dem Punkt könnte es interessant werden, da eine andere Freiheit an ihre Grenzen stößt. Denn selbst die übelsten Zeitgenossen würden bestreiten, ihre Mitmenschen bewusst mit Sars-CoV-2 infizieren zu wollen. So kommen sie auf einen noch übleren Dreh und leugnen die Fakten: Je nach Wetterlage bestreitet man die Gefährlichkeit des Virus oder gar seine Existenz. Oder man setzt Covid-19 mit der Influenza gleich. Das ist aber nicht der Fall. Einerseits erschreckend: In Deutschland sind schon etwa doppelt so viele Menschen an dem neuen Virus gestorben wie zur letzten heftigen Grippewelle 2017/18 ( 43.000 Corona-Todesfälle im Vergleich zu 25.000 Grippe-Todesfällen ), die ja gerne von den Verharmlosern als "Argument" benutzt wird. Andererseits ist Covid-19 dann doch (noch) nicht wie die Grippe von 1918ff, die weltweit insgesamt 50 Millionen Tode verantwortete, als sie auf eine ungeschützte Menschheit traf.

Meinungen darf man ruhig pflegen, der Kopf ist auch deswegen rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Die Meinungsfreiheit endet aber, wenn es um Fakten geht. Es gibt keine alternativen Fakten. Wer stur an einer "Meinung" festhält, die auf einem Trugbild aufbaut, hat leider die Fähigkeit zum Denken verloren. Angesichts der Pandemie mögen viele Leute den Kopf in den Sand stecken und nichts mehr hören und sehen wollen, dadurch wird es aber nicht besser. Noch schlimmer wird es hingegen, wenn Leute Sand in den Kopf stecken und somit Verhindern, dass ihr Denken die Richtung ändern könnte.

Man kann das auch Selbstbetrug nennen oder hartnäckiges Ignorieren der Realität. Steve Jobs soll darin ja derart große Meisterschaft gezeigt haben, dass es ihm sogar gelang, sein Umfeld an andere als gegebene Wahrheiten glauben zu lassen. Klar: Was nicht sein darf, das kann auch gar nicht sein, ist ein Gedanke, der jederzeit nahe liegt. "Reality Distortion Fields" soll Steve Jobs aufgebaut haben, um sich selbst und seine Mitmenschen zu verwirren. Das ist so natürlich nicht haltbar, Steve Jobs mag stur gewesen sein und natürlich überzeugend, doch hat er oft genug bewiesen, dass sein Denken sehr wohl die Richtung ändern kann, immer auf der Suche nach der Perfektion. Dabei sah er eben Dinge, die andere erst sahen, als sie in den Einfluss der Wahrnehmungsverzerrung kamen.

Auch hat der Apple-Gründer nach der Diagnose von 2003 seine Krebserkrankung nicht ignoriert, wie gerne mal fälschlich behauptet wird. Er unterlag nur der irrigen Annahme, man könne den Tumor mit einer frutarischen Diät bekämpfen. Ein Jahr später ließ er sich dann doch operieren, viereinhalb weitere Jahre später benötigte er eine Spenderleber.

Genau das hat er aber seinem Team in seinem Schreiben vom 14. Januar 2009 verschwiegen, an dem in seiner Vertretung Phil Schiller die Macworld Expo in San Francisco eher lustlos eröffnete. Es hieß nur in der nach der Keynote versandten Mail, dass er aufgrund von Stoffwechselstörungen, die auch für sein starkes Abmagern der Grund gewesen sein sollen, sich erneut in eine medizinisch notwendige Auszeit begeben müsse, während der die Nummer 2 Apples, COO Tim Cook, die Geschicke des Unternehmens leiten würde. So richtig zog der Trick mit dem Reality Distortion Field nicht, wenngleich nicht jeder wusste, wie ernst es wirklich um Jobs stand, der in den Jahren davor immer wieder öffentlich behauptet hatte, den Krebs besiegt zu haben. Man mag das als Autosuggestion bezeichnen oder eben als Selbstbetrug – nachweisbare Heilkräfte entwickelt dieses Verfahren nicht.

Setzen wir doch lieber weiter auf den Vorsprung durch Wissen und durch Technik, auch wenn wir trotz fortschrittlicher Technologie bei Weitem nicht alles erreichen können – und nicht mehr alles heilen. Das vermaledeite Virus können wir aber in einer großen gemeinsamen Anstrengung vernichten, wenn wir uns den Fakten stellen. Kein Selbstbetrug à la "Es wird schon alles gut", sondern eher ein trotziges: Ceterum censeo, Corona esse delendam .

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