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Dumme allwissend, Kluge zweifeln – Macphisto am Freitag

19.11.2021 | 10:42 Uhr |

Käme es in der Wissenschaft auf Glauben an, wäre es ja Glaubensschaft. Was den Aufbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit noch verhindert: Kennt der Geist, der stets verneint, etwa die Antwort?

„Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren" – Macphisto weiß Dichtkunst sehr zu schätzen, nicht nur die deutscher Zunge, sondern auch jene des Herrn Dante, der vor 700 Jahren den Weg alles Irdischen ging – aber mit seiner göttlichen Komödie den Rang der Unsterblichkeit erreichte.

Der Geist, der stets verneint, sollte sich über Ignoranz, oft gepaart mit höllischer Bosartigkeit, die zu einem sehr missvergnüglichen Winter führt, an sich freuen, doch wartet in Hölle und Umgebung jede Menge Arbeit auf Macphisto und Kollegen, um all die verlorenen Seelen in Empfang zu nehmen, denen Pferdeentwurmungsmittel attraktiver erschien als in Lipiden gepackte synthetische mRNA, die mehr Angst vor einer kleinen Spritze hatten als vor der dicken Kanüle, die ihnen Pflegekräfte zur notwendig gewordenen Beatmung in den Rachen schoben.

Wissen und Glauben im steten Wettstreit

Macphisto mag zwar geschlechtslos sein , aber nicht gefühllos. Schadenfreude ist Macphisto jedoch völlig fremd, obwohl es ein solch schrecklich-schönes Wort ist, als hätten es die begnadetsten deutschen Dichter in einer konzertierten Aktion ersonnen. Zynische Freude kennt Macphisto indes schon, etwa über die Erkenntnis des Philosophen Ernst Bloch, dass die aufgeklärte Gesellschaft vergessen habe, den Teufel zu säkularisieren. Dem Atheismus folgte kein Asatanismus. Gegen Pandemien setzt die Menschheit zwar nicht mehr nur auf heilige Gedanken und Gebete, sondern eher auf Erkenntnisse des Wissens und nicht des Glaubens, aber das Böse ist dem Menschen geblieben. Das Böse ist immer und überall, ebenso Erkenntnis eines noch recht lebendigen Dichters deutscher Zunge.

Wie kommt es nun, dass immer noch so viele Menschen, die nicht alle bösartig sind, sich immer noch einer rettenden Impfung verweigern? Der Worte sind genug gewechselt, nun lasst uns auch Taten sehen, die Argumente sind bekannt, die Nützlichkeit einer Impfkampagne bis zur vollständigen Immunisierung, wie es Israel offenbar bereits erreicht hat, bewiesen, wie man wissenschaftliche Beweise nur führen kann. So ist es aber genau die Grenze des Wissens, die einige Menschen einfach etwas anderes glauben lässt.

Von Kant erkannt

Glaubenssysteme, die Wohlverhalten mit himmlischer Belohnung oder das Gegenteil mit höllischer Strafe verknüpfen, haben ausgedient, nach Bloch nicht vollständig. Bleibt aber Kant, der erkannte, dass der Einzelne die Maxime seines Handelns danach ausrichten sollte, dass man diese zur Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung nehmen könnte. Daraus abgeleitet der einfache Kalenderspruch: "Was du nicht willst, was man dir tu, das füg' auch keinem anderen zu." Hier könnte die ethische Diskussion an sich beendet sein, denn Impfgegner argumentieren gerade, die Spritze mache sie krank. Also sollten sie alles dafür tun, nicht auch andere krankzumachen.

Doch gibt es hier ein Problem in der aufgeklärten Gesellschaft. Denn Kants Definition der Aufklärung als "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" missverstehen eben viele nur dem Anschein nach mündige Bürger als trotzige Verweigerungshaltung allem gegenüber, das ihnen gewählte Autoritäten oder durchaus studierte Fachleute mit heißem Bemühen vortragen. Das ist kein aufgeklärtes Verhalten, das ist pure Bockigkeit, wenn man nicht auf Studien renommierter Universitäten hört, sondern auf das, was ungebildete und bösartige Leute auf Youtube und Telegram zum Thema verbreiten. Die gleichen Leute, die lieber Pferdeentwurmungsmittel schlucken, anstatt sich spritzen zu lassen, glauben auch immer noch an Homöopathie. Da wird es kompliziert: Denn diese genießt sehr wohl trotz in über 200 Jahren nicht erwiesener Wirksamkeit staatlichen Schutz. Vielleicht sollte der Gesundheitsminister diese Scharlatanerei mal uneingeschränkt empfehlen, damit die Leute endlich von ihrem Glauben an Globuli abfallen.

Über die Gültigkeit von Prognosen

Heilige Hölle! Macphisto befürchtet, dass die für dieses Desaster  der Unwissenschaftlichkeit verantwortlichen Politiker Avogadro nicht von Avocado unterscheiden können und es auch sonst nicht so recht mit der Mathematik, der Naturwissenschaft und – leider auch – der Philosophie Kants und Blochs halten.

War die Infektionskurve also vorhersagbar? Dazu musste man kein Genie sein, sondern nur einfache Zusammenhänge begreifen. Nach wie vor können diese mathematisch-sozial-fundierten Prognosen keine Einzelschicksale vorhersagen, nur das einer großen Masse. Macphisto sieht sich so unvermittelt in die Psychohistorik versetzt, auch eine großartige Dichtung, wenn auch nicht von deutscher Zunge, was aber – siehe oben – keine Rolle spielt.

Was macht Macphisto an diesem Freitag also? Natürlich die letzte Folge der ersten Staffel "Foundation" nach Isaacs Asimovs Romanen ansehen. Auch in diesem Fall ist keine Propheterie erforderlich, um zu sagen, ob und wie es weitergeht, denn Apple TV+ hat eine Fortsetzung längst beauftragt.

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