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Zehn Jahre iPad: Eine persönliche Erinnerung

27.01.2020 | 11:30 Uhr | Peter Müller

Am 27. Januar 2010 zeigte Apple seine jüngste Kreation, das erste neue Produkt nach dem iPhone. Wobei "neu" relativ ist.

Facebook ist manchmal doch eine feine Angelegenheit, etwa, wenn es an weit zurückliegende Ereignisse und Postings erinnert. Diese Funktion ist zwar nicht immer treffend, so wie Erinnerungen generell nicht immer angenehm sind, aber letzte Woche spülte sie mir wieder ein Posting in die Timeline, an das ich gerne zurückdenke.

Vor zehn Jahren hatte es schon vor Weihnachten in der Gerüchteküche leise gebrodelt und im Januar pfiffen es die Spatzen immer lauter von den Dächern: Apple bringt bald einen Tablet-Computer. Ein sehr großes iPhone eben, irgendwo zwischen Smartphone und Notebook im Angebot angesiedelt, der Name würde womöglich iSlate lauten. Slate für Schiefertafel. Ich hatte zwar trotz damals kleinerer Kinder keine solche in meinem Haushalt, aus der Adventszeit war aber noch ein Blechteller übrig geblieben, auf dem vor Wochen noch der Kranz stand. Den Teller verzierte ich mit einem Apple-Aufkleber, drapierte ein paar frische Braeburn drumherum und hatte einen Aufmacher für eine Sensationsnachricht: Das Apple Tablett würde rund werden.

Habe ich natürlich nicht auf der Macwelt veröffentlicht, sondern im privaten Kanal, sonst hätte es wieder geheißen: Lügenpresse! Fake News! Ach ja, in den seligen Zeiten des Jahres 2010 kursierten derartige Hetzbegriffe ja nur in den dunkelbraunen Ecken des Netzes, in die man gar nicht gerne schaut.

Das Bild –- ich fand es noch in meiner Fotomediathek – datiert auf den 23. Januar 2010.  Zu dem Zeitpunkt war bereits bekannt, dass Apple am Dienstag, den 27. Januar ein Special Event abhalten würde, unter dem Motto „Come see our latest creation“. Bekannt war zu dem Zeitpunkt auch, dass das Ding nicht iSlate heißen würde – denn als Slate hatte Anfang Januar der damalige Microsoft-CEO Steve Ballmer ein Tablett von HP präsentiert: Lieblos, uninspiriert, ohne jedwede Vision außer der, dass in fünf Jahren alle Computer so aussähen. Ja, klar.

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Apple hatte sich bereits ein Jahr zuvor mit der Begründung „We don’t believe in tradeshows“ von der Januar-Messe verabschiedet, das war jedoch nicht die CES, sondern die Macworld Expo, die es im Februar 2010 nochmals ohne Apple als Macworld | iWorld Expo versuchen wollte und damit scheiterte.

Apple setzt seither seine eigene Agenda, im Rahmen von WWDC und mehreren weiteren „Special Events“ in jedem Jahr. So eben auch am 27. Januar, als Steve Jobs dann auch den Namen bestätigte, der um die Zeit der Fotografie des runden Apple-Tabletts schon kursierte, natürlich mit  darauf folgendem Spot: iPad.

Nun, als Pad bezeichnet man durchaus ein Produkt der Damenhygiene, aber das Wort steht ja auch für Block, Platte, Schreibblock und dergleichen. Seltsam, auch Jahre später haben Witzbolde im Badezimmer nach Objekten gesucht, die sie mit Apple-Produkten oder deren Namen in Beziehung setzen konnten, wir denken an die Zahnbürstenköpfe für die Ohren – auch als Airpods bekannt.

Witzig war die Präsentation des iPad dann aber nicht, sondern visionär. Der sichtlich kranke Steve Jobs, der seine Rehabilitation für diese Veranstaltung unterbrach, behauptete nicht, dass in fünf Jahren alle Computer so aussähen, sondern erklärte die Post-PC-Ära lediglich für angebrochen. Und wo Ballmer an der Oberfläche blieb und emotionslos über eine Glasplatte wischte, zeigte Steve Jobs was man denn nun mit diesem Post-PC anfangen könne: Das iPad ist nicht einfach nur ein großes iPhone.

Die meiste Zeit saß der früher so quirlige Jobs auf der Bühne, in einem bequemen Sessel. Das war nicht nur der fortgeschrittenen Krankheit geschuldet, der er 20 Monate später erliegen sollte, sondern auch den hauptsächlichen Einsatzzwecken des iPad, respektive eben dessen erster Fassung, die mit den heutigen Geräten außer dem Namen nicht mehr so viel gemeinsam hat.

Vor allem zum Konsumieren von Medieninhalten ist das Ur-iPad geeignet. Für die Surftour durch das Internet, auf der man Seiten so sieht, wie sie für den großen Bildschirm der Desktops geplant waren. Für die schnelle Mail-Korrespondenz zwischendurch, wenn man mit einem Finger kurze Texte tippen kann – mit der anderen Hand hält man ja das Tablet. Für Fotos aus der eigenen Mediathek, die auf dem größeren Bildschirm einfach besser wirken als auf dem kleinen iPhone-Screen der damals noch 3,5 Zoll in der Diagonale maß. Für elektronische Bücher – das iPad mag zwar schwerer sein als ein dünnes Taschenbuch, wer aber gerne Schwarten liest, weiß das im Vergleich dazu geringe Gewicht des iPad sehr zu schätzen. Oder eben für die Zeitung, die man in der vollen Bahn nicht mehr mühselig umblättern muss – was man oft gar nicht mehr kann – sondern in der man in der iPad-Version einfach von Seite zu Seite, von Buch zu Buch weiter wischt. Nicht zu vergessen für Musik, die Lautsprecher des iPad waren damals schon tauglich – Apple-Earpods waren aber nicht dabei.

Und natürlich ist das iPad seit jeher für Spiele gut geeignet, die schon vor zehn Jahren zur wichtigsten Kategorie im App Store geworden waren. Alle Apps, die auf dem iPhone liefen, ließen sich vom Tag 1 an auch auf dem iPad nutzen. Entweder in Originalgröße mit dicken schwarzen Rahmen oder hochskaliert auf die 9,7 Zoll des ersten iPad. Entwickler begriffen aber recht schnell, dass sich die Arbeit an Apps lohnt, um sie auf den großen Schirm zu bringen. So mancher brachte für seine App noch eine HD-Version („High Definition“), für die man ein zweites Mal kassierte. Heute noch gibt es Apps im App Store in zwei Versionen, eine für das iPhone und eine für das iPad. Üblich ist das heute aber nicht mehr, die meisten Anwendungen laufen gleichermaßen auf allen iOS-Bildschirmen vom iPhone SE bis zum iPad Pro 12,9. Mit iPadOS kann sich das aber wieder ändern, vor allem, wenn die Systeme wieder auseinander gehen.

Das war ja das große Plus bei der iPad-Entwicklung: Mit iOS – damals noch iPhoneOS genannt, hatte Apple bereits ein etabliertes Betriebssystem mit Touch. Wahrscheinlich war ja das Tablet bei Apple sogar zuerst gekommen, denn Anfang der 2000er war der Industrie sehr wohl klar, dass flache Computer, die man mit einem Stift oder am besten gleich direkt mit dem Finger bedienen könne, nicht nur möglich seien, sondern den Markt stark verändern würden. Erste Tablet-Prototypen sollen gegen 2005 dann aber Steve Jobs veranlasst haben, zunächst ein Telefon mit der Technik entwickeln zu lassen.

Was das iPad damals nicht war: Ein Notebook-Ersatz. Zubehörhersteller waren zwar recht schnell mit externen Tastaturen bereit, die sich in iPad-Hüllen integrierten, aber mal ehrlich: Das erste iPad war recht schwach auf der Brust, in Sachen Prozessor. Erst ein Jahr später setzte mit dem iPad 2 eine Beschleunigung ein, die heute noch anhält. Dem ersten iPad fehlte auch eine Kamera. Sicher, auch heute verwendet kaum jemand das iPad zum Fotografieren, obwohl die aktuell verbauten Optiken denen der iPhones in kaum etwas nachstehen. Aber wie ist es mit Video-Chats? Oder eben heute mit AR?

Das iPad war noch gar nicht zu kaufen, da veröffentlichte ich eine Fake-News auf der Macwelt, pardon, einen Aprilscherz , den sogar Kollegen erst einmal für bare Münze hielten: Im Sommer käme noch ein Sondermodell mit Kamera, rechtzeitig für die Urlaubssaison. Tatsächlich waren im März 2011 dann die Kameras vorne und hinten die zweite von drei wesentlichen Innovationen des iPad 2, nach dem schnelleren Prozessor und vor dem flacheren Formfaktor.

Das erste iPad der ersten Generation, das Apple dann am 3. April in den USA in den Handel brachte, erwarb in New York ein Münchener Journalist. Nein, nicht ich, sondern der hochgeschätzte Kollege Richard Gutjahr, der für den Bayerischen Rundfunk von dem Hype des Erstverkaufstag am Karsamstag 2010 von der Fifth Avenue an sich nur berichten wollte und sich flugs an der Spitze der Schlange der Käufer versetzt sah. Gutjahr ist heute noch ein begeisterter iPad-Nutzer und auch ein ausgewiesener Apple-Kritiker wie Sascha Pallenberg hält das iPad für das „beste Produkt, das Apple jemals machte.“

Am Tag nach der Vorstellung hatte ich dann noch eine Vision, was das iPad noch erledigen könnte und teilte diese in einem Radiointerview – nicht mit dem Bayerischen Rundfunk, die hatten ihren Experten ja im Haus. Ich meinte ja, das iPad sei auch prima für Fernsehen geeignet. Nur nicht zum an die Wand hängen, dafür ist es dann doch zu klein. Aber mit einem Stream über das Internet – seinerzeit gab es die eher vereinzelt – könne man über eine schnelle Leitung doch prima TV schauen oder gleich mit einem Empfänger, den man in den Dock-Anschluss stecken könnte oder drahtlos DVB-T-Streams auf das Gerät weiter leitete.

Ich weiß nicht mehr, welcher Sender das genau war, er hatte eher eine begrenzte, womöglich nur regionale Reichweite, schreibe mir also nicht auf die Fahnen, dass Hersteller wie Equinux oder Elgato mir zuhörten und genau solche Geräte in den folgenden Jahren entwickeln sollten. Aber diese Produkte sind nun ebenso Geschichte wie DVB-T, auf dem sie aufsetzten. Das iPad hingegen ist nun auch eines der vielen Fernsehapparate, über die man öffentlich-rechtliche Mediatheken oder Apples Serien-Programm empfangen kann und das vieler anderer Anbieter.

Zum Konsumieren ist das iPad weiterhin bestens geeignet, mittlerweile aber auch immer mehr zum Produzieren. Adobe hat mit Photoshop für das iPad die Erwartungen bisher zwar eher unterliefert, aber mittlerweile dient das iPad schon vielen Leuten in Büros, Ateliers, Studios und vor allem unterwegs als Notebook-Ersatz.

Die Geschichte geht weiter, sie hat gerade erst angefangen. Happy Birthday, iPad!

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