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iOS 14.5: Eine Zahncreme zeigt, warum das Update so wichtig ist

26.05.2021 | 11:26 Uhr |

Ein Mann besucht seine Mutter und benutzt ihre Zahncreme. Eine Woche später bekommt er auf seinem Smartphone Werbung für eben diese Zahnpasta angezeigt - ohne, dass die beiden jemals über dieses Produkt gesprochen hätten. Wie kann das sein? Und was hat iOS 14.5 damit zu tun?

Dass wir vorsichtig im Umgang mit unseren privaten Daten im Internet sein sollten, erzählt man uns nicht erst seit gestern. Fakt ist jedoch: Vielen Nutzern und Nutzerinnen ist es gar nicht wirklich bewusst, was sie von sich Preis geben. Viele haben die Privatsphäre im Internet aus Bequemlichkeit aufgegeben. Und viele Unternehmen sind sich dessen durchaus bewusst – und nutzen dies aus. Apple weiß das auch und hat deshalb in einem seiner letzten großen iOS-Updates entsprechend darauf reagiert. Robert G. Reeve aus Washington D.C. - laut eigenen Angaben ein Datenschutzbeauftragter - beschreibt auf Twitter, was ihm nach einem Besuch bei seiner Mutter passiert ist. Sein Twitter-Thread wurde über Nacht tausendfach gelikt, retweetet und zitiert. Es scheint fast so, als ob niemand vorher sonst über das Thema berichtet hätte und bei den Leuten nun endlich der Groschen gefallen ist. 

Warum eine Zahnpasta für so viel Wirbel sorgt

In einem zwölfteiligen Twitter-Thread erklärt Reeve seinen rund 20.000 Followern das Problem der privaten Daten im Internet: 

"Ich bin zurück von einer Woche bei meiner Mutter und jetzt bekomme ich Werbung für ihre Zahnpasta-Marke, die Marke, die ich seit einer Woche selbst genutzt habe." Laut Reeve habe er nie mit seiner Mutter darüber gesprochen oder die Marke gegoogelt oder Ähnliches. Doch wie kann es sein, dass Reeve trotzdem dafür Werbung angezeigt bekommt? 

"Erstens: Ihre Social-Media-Apps hören Ihnen nicht zu", erklärt er weiter. "Das ist eine Verschwörungstheorie. Sie wurde immer und immer wieder entlarvt. Aber ehrlich gesagt brauchen die Apps das auch gar nicht, denn alles andere, was Sie [also die Nutzer] ihnen gedankenlos überlassen, ist viel billiger und viel leistungsfähiger. Ihre Apps sammeln eine Menge Daten von Ihrem Telefon. Ihre eindeutige Geräte-ID. Ihren Standort. Ihre demografischen Daten."

Reeve erklärt, dass Datenaggregatoren dafür bezahlen, Daten von überall heranzuziehen. "Wenn ich meine Rabattkarte im Supermarkt benutze? Jeder Einkauf? Das ist ein Datensatz, der zum Verkauf steht. Sie können meine Einkäufe bei Harris Teeter [eine amerikanische Supermarktkette] mit meinem Twitter-Account abgleichen, weil ich diesen beiden Unternehmen meine E-Mail-Adresse und Telefonnummer gegeben habe und ich all dieser Datenweitergabe zugestimmt habe, als ich die Nutzungsbedingungen und die Datenschutzbestimmungen akzeptiert habe."

Dies erklärt aber immer noch nicht, weshalb Reeve Werbung für ein Produkt angezeigt bekommt, worüber er nie gesprochen und wonach er auch nie im Internet gesucht hat. Doch auch dafür hat er eine Erklärung. 

Warum Ihre Daten andere beeinflussen

"Wenn sich mein Telefon regelmäßig am gleichen GPS-Standort wie ein anderes Telefon befindet, wird das von den Unternehmen zur Kenntnis genommen. Sie fangen an, das Netz der Leute zu rekonstruieren, mit denen ich regelmäßig in Kontakt stehe. Die Werbetreibenden können meine Interessen, meinen Browserverlauf und meine Kaufhistorie mit denen in meiner Umgebung abgleichen. Sie fangen an, mir verschiedene Anzeigen zu zeigen, die auf den Menschen um mich herum basieren. Familie. Freunde. Arbeitskollegen."

Demnach werde ihm Werbung für Dinge angezeigt, die er zwar gar nicht will, von denen andere aber wissen, dass jemand, mit dem Reeve in regelmäßigem Kontakt steht, sie haben könnte. Damit er unterschwellig dazu gebracht werde, ein Gespräch über eben jenes Produkt – wie etwa Zahnpasta – zu beginnen. Deswegen müssten Apps die Nutzer gar nicht über das Mikrofon ausspionieren. Ein Vergleich gesammelter Metadaten reicht dafür komplett aus. Allerdings fehle das Bewusstsein der Öffentlichkeit. 

"Zig Leute berichten darüber", so Reeve. "Es ist halt nur so: Es ist interessiert niemanden. Wir haben beschlossen, dass unsere Privatsphäre es einfach nicht wert ist. Es ist ein aussichtsloser Kampf. Wir haben schon zu viel von uns preisgegeben. Die kennen die Zahnpasta meiner Mutter. Sie wissen, dass ich bei meiner Mutter war. Sie kennen mein Twitter. Jetzt bekomme ich Twitter-Werbung für die Zahnpasta meiner Mutter."

Reeves Zahnpasta-Fall zeigt: Persönliche Daten betreffen nicht nur einen selbst. Es geht darum, wie sie gegen jede Person verwendet werden können, die man kennt, aber auch gegen Leute, die man eben nicht kennt. Um Verhalten unbewusst zu formen.

Mit Apples neuestem Update können Sie das Tracking von Apps blockieren. Unternehmen wie Facebook gefällt das natürlich ganz und gar nicht. "Sie betteln förmlich darum, dass man einfach auf "Akzeptieren" drückt und wieder zur Tagesordnung übergeht", meint Reeve. "Blockieren Sie verdammt noch mal die Werbung jeder App. Es geht nicht nur um Sie: Ihre Daten formen das Internet um."

Was genau App-Tracking ist und wie Sie es aktivieren und verwalten, erklären wir Ihnen hier .

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