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iPhone-Keynote: Was wir schon heute wissen – und was nicht

09.09.2019 | 17:05 Uhr | Peter Müller

Hat man die letzten Wochen über die Berichterstattung über allerlei Leaks verfolgt – auch bei uns – kann man meinen, die Keynote morgen würde niemanden mehr überraschen. Es bleiben aber noch wichtige Details offen.

Die alte Weisheit des Bundestrainers der Weltmeistermannschaft von 1954, Sepp Herberger, gilt auch in anderen Bereichen als dem Sport: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel". Vor fast genau einem Jahr hatte Apple mit iPhone XR, iPhone XS und iPhone XS Max auf seiner September-Keynote drei neue Telefone gezeigt, dazu auch ein deutlich überarbeitetes Modell der Apple Watch – es sollte aber noch eine Weile dauern, bis die Series 4 tatsächlich auch EKGs erstellen konnte. Nur wenige Wochen danach, also fast vor einem Jahr, kursierten bereits die ersten Gerüchte um kommende iPhone-Generationen und die Apple Watch Series 5 .

Diese haben sich nun, am Vorabend der September-Keynote von 2019 , so weit kristallisiert, dass man schon zu wissen glaubt, was Tim Cook und Kollegen morgen zeigen werden und in welcher Reihenfolge. Galt die Apple-Keynote als solche lange als ein von Geheimnis umwittertes Hochamt voller Überraschungen, meinen wir nun, den Ticker für morgen bereits vorab schreiben – und uns eine Auszeit im Biergarten gönnen zu können.

Drei neue iPhones mit Namen 11, 11 Pro und 11 Pro Max? Ja, das klingt realistisch. Drei Kameras auf der Rückseite der Pro-Modelle? Hierzu hat es aus unterschiedlichen Quellen mehrere Leaks gegeben, das wird wohl gesetzt sein. Ein neuer A13-Chip mit noch mehr Leistungsfähigkeit in seiner Neural Engine? Der Trend der Chip-Entwicklung geht deutlich in die Richtung. Neue iPad Pro, eventuell ein Macbook Pro 16 Zoll? Ja, das steht auch an, vermutlich aber erst im Oktober.

Einige Details sind aber offen – und wir werden morgen ganz genau hinschauen und hinhören, nicht, dass uns wichtige Informationen verloren gehen, die Apple in Nebensätze verpackt. Die Auszeit im Biergarten gibt es dann gegen Ende der Woche, wenn die Nacharbeiten und Einordnungen alle erledigt sind. Hier sind aber die offenen Fragen – und mögliche Antworten darauf.

Mehr Speicher – gleiche Preise

Zwölf Jahre nach dem originalen iPhone fragt man sich, wie die Leute damals mit 4 GB ausgekommen sind. An die Antwort erinnern wir uns noch: Sehr schlecht, weswegen Apple schon bald eine 8-GB-Version zum gleichen Preis anbot. Aber das iPhone SE, das viele Leute vermissen, kam gerade einmal vor dreieinhalb Jahren heraus. Das günstigere Modell hatte 16 GB Speicher. Wie kamen die Leute damit bloß klar?

Die heutige Basisausstattung mit 64 GB sieht dagegen riesig aus. Aber wer sein iPhone intensiv nutzt, kommt auch damit schnell an die Grenzen. Ein wenig seltsam muten auch die Speicheroptionen an: Das iPhone XR gibt es auch noch mit 128 GB und 256 GB Speicher, soweit, so klar:  Auf jeder Stufe eine Verdoppelung. Das XS und das XS Max kommen aber mit einer seltsamen Lücke: Neben dem 64-GB-Modell gibt es noch welche mit 256 GB und 512 GB Kapazität. Es wäre an der Zeit, diese Lücke zu schließen und den Speicher der Pro-Modelle auf 128 GB, 256 GB und 512 GB aufzurüsten. Im gleichen Zuge sollte auch der Nachfolger des iPhone XR mit mindestens 128 GB Speicher kommen. Ob Apple das aber wirklich wagen wird, sei dahin gestellt. Der Speicher mag nicht die teuerste Komponente des iPhones sein, um aber weiter eine Bruttomarge von um die 40 Prozent zu erreichen, wird Apple alles versuchen. Und sei es mit dem Angebot, man müsse doch nur einen Hunderter mehr ausgeben für die vierfache Speichermenge. Der Sinn und Zweck eines dreistufigen Preismodells ist es in der Regel ja, die Käufer zum mittleren Modell zu überreden. Da ist ein Argument wie das skizzierte sicher hilfreich. Es bliebe aber auch die Flucht nach vorne, respektive zu noch mehr Speicher: 128 GB, 512 GB, 1 TB. Letzteres klingt dann wirklich nach einem Angebot für Pros.

Bei den Preisen dürfte zunächst alles gleich bleiben, rechnen die Analysten von JP Morgan vor . Zwar werde sich das iPhone nur marginal ändern und daher würden die Produktionskosten gegenüber Vorjahr sinken, die von der US-Regierung angedrohten Strafzölle auf Produkte aus China würden aber verhindern, dass Apple die Kostenvorteile an die Kunden weitergibt. Preissteigerungen seien wieder für 2020 zu erwarten, wenn die iPhones 5G-Chips bekommen sollen.

Neue Uhr nur mit Software

Auf der WWDC im Juni hatte Apple dem Betriebssystem der Apple Watch deutlich mehr Zeit gewidmet als in den Jahren zuvor. Die Behauptung, mit watchOS 6 bekäme man eine völlig neue Uhr an das Handgelenk, ist allenfalls geringfügig übertrieben. Beim Zifferblattdesign darf man sich auf neue Optionen freuen, wesentlich wichtiger sind aber zwei neue Gesundheitsfunktionen: Ein Menstruationstracker und eine Warnfunktion vor zu lauten Umgebungen. Eine weitere Funktion dreht ihre Runden durch die Gerüchteküche, noch hat sich Apple dazu nicht geäußert: Ein Schlaftracker soll als neue Anwendung hinzukommen.

Das ist einerseits eine Frage der Software, watchOS 6 gibt es nicht als Public Beta, aber auch aus Entwicklerkreisen ist dazu bisher nichts durchgesickert. Andererseits ist es auch eine Frage der Hardware: Zwar kann man von einer halbwegs neuen Apple Watch erwarten, dass ihr Akku am Abend immer noch gut halbvoll ist, dass man aber am nächsten Tag dann auch noch bis zur Mittagspause kommt, wenn die Uhr in der Nacht am Handgelenk den Schlaf vermessen hatte anstatt wieder aufzuladen, kann man derzeit nicht erwarten.

Also müsste die Uhr effizienter werden, respektive ihr Prozessor. Ansonsten bestehen recht wenige Wünsche an die Hardware, mit der Series 4 hat Apple im vergangenen Jahr bereits einen deutlichen Sprung hingelegt. Die nächste bahnbrechende Weiterentwicklung wäre Messung von Blutdruck und noch besser Blutzucker per Spektroskopie. Technisch möglich ist das, die Frage besteht aber, wann diese Technik serienreif für das Handgelenk ist – schließlich kommt man dann mit einer Frequenz nicht mehr aus und brächte noch mehr Laserdioden.

Es könnte also ein evolutionärer Schritt in diesem Jahr anstehen – quasi Apple Watch Series 4S statt Series 5. Dazu passt auch, dass Apple im August nur vier neue Modelle bei der Eurasischen Union zur Freigabe beantragen ließ: Vermutlich zwei Größen und zwei Gehäusarten.

Werde diese dann eine Apple Watch Series 4S oder Apple Watch Series 4 Edition umhüllen? In der Beta-Version von watchOS sind laut Entwicklern Spuren zweier neuer Gehäuse aufgetaucht, die aus Titan und Keramik bestehen sollen, also dem Lineup neue Noten hinzufügen  würden. Nicht auszuschließen, dass diese Sondermodelle dann auch exklusiv einen neuen Chip bekommen, der den Akku ein paar entscheidende Stunden länger durchhalten lässt, um einen Schlaftracker zu bieten. Andererseits hatte Apple in der Vergangenheit bereits einmal ein bestehendes Modell einfach mit einem besseren Chip ausgestattet, aus der Apple Watch wurde so die Apple Watch Series 1, weitere Änderungen gab es nicht. Wahrscheinlicher klingt dann, Apple packt auch in beiden heute erhältlichen Gehäuse der Series 4 einen besseren Prozessor und nennt die komplette Reihe dann Series 4S. Wobei das "S" dann für "sleep" stehen könnte. Die Details des Schlaftrackers könnten aber die spannendste Geschichte des Abends liefern. Denn um wirklich eine Aussage über die Schlafqualität machen zu können, genügt ein Bewegungsmelder alleine nicht. Störungen wie Schlafapnoe fallen diesem nicht auf. In Kombination mit dem Pulssensor und der Rechenpower der Uhr sollten aber bessere Aussagen möglich werden als "um 22.24 eingeschlafen, drei REM-Phasen, um 5.30 Uhr vom Wecker geweckt". Wenn Apple das Thema mit dem gebotenen Ernst behandelt, wird die Erklärung der Technik geraume Zeit beanspruchen. Und wir freuen uns schon heute darauf, den Schlaftracker zu testen …

Kleine De-Tiles

iOS 13, iPad OS 13  und macOS 10.15 Catalina bekommen eine gemeinsame Neuerung: Die Apps "iPhone-Suche" und "Freunde finden" sind zur neuen Anwendung "Find My" zusammengelegt. Dafür wird es nach einem guten Jahr der Spekulation vermutlich auch schon bald neue Hardware geben, ein den Produkten von Tile ähnlicher Bluetooth-Tracker, den man an alle möglichen Alltagsgegenstände wie etwa Schlüsselbunde heften kann, ist laut MacRumors in einem internen Build von iOS 13 aufgetaucht. Einen finalen Namen hat das Apple-Tile wohl noch nicht, intern wird es als B389 bezeichnet. Auch das Icon könnte noch ein Platzhalter sein, der endgültigen Form aber durchaus ähnlich sehen: Eine kreisrunde Platte mit einem Apple-Logo in der Mitte.  Die Produkte von Tile hatte Apple vor einem Jahr bereits bei der Vorstellung der Siri Shortcuts erwähnt, was Spekulationen aufbrachte, Apple würde die Firma gleich kaufen wollen. Es sieht aber nun eher so aus, als würde Apple selbst Lösungen entwickelt haben, mit denen man wirklich alles finden kann, an das sich ein Anhänger knüpfen lässt: Alles finden mit Hilfe von Bluetooth LE wäre das Motto.

Zukunft AR

Die dritte Kamera auf den Rückseite des iPhone 11 Pro (Max) wird diesen dabei helfen, den vor ihnen liegenden Raum besser zu vermessen. Wichtig vor allem für AR-Anwendungen – Apple betont seit Jahren, intensiv daran zu arbeiten. Entwickler beschäftigen sich seit der WWDC mit dem ARKit 3, das fantastische neue Möglichkeiten auch für jetzt älter werdende iPhones bietet. Mit optimierten Wissen über Räumlichkeiten wird das AR-Erlebnis aber noch besser – aber auch die Trennung von Vorder- und Hintergrund bei Portraitaufnahmen schärfer.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit forscht Apple auch an AR-Brillen, ob schon bald ein Produkt daraus wird, darf aber als fraglich gelten. Eine solche Brille ist als "One more thing" im Jahr 2019 aber auszuschließen.

Eine Sache noch

Überhaupt: Packt Apple noch ein "One more thing" aus? Eher unwahrscheinlich. Denn drei iPhones und eine verbesserte Apple Watch sind ja nicht die einzigen Themen. Zu iOS 13 und iPad OS 13 sowie macOS 10.15 Catalina, tvOS 13 und watchOS 6 fehlt ja noch ein finaler Termin, dieser sollte unmittelbar vor dem Verkaufsstart der neuen iPhones liegen, vermutlich gegen Mitte nächster Woche geht es mit den Updates los. Neue iPad Pro wären zwar gewiss nicht verkehrt, sollten aber noch in diesem Jahr geringfügig verbesserte Modelle kommen, könnte das als Silent Upgrade irgendwann im Oktober passieren oder zusammen mit einem neuen Macbook Pro mit 16-Zoll-Bildschirm auf einer eigenen Veranstaltung im Oktober.  Anzeichen für völlig neue AirPods, einen professionellen OverEar-Kopfhörer und einen HomePod Mini gibt es derzeit keine, das wären einerseits echte Überraschungene, aber auch keine Produkte, die man als Höhepunkt an den Schluss der Keynote setzt.  Für ein neues Apple TV gilt das Gleiche. Aber gerade eine solche neue Hardware könnte ein Anlass sein, nochmals näher auf die kommenden Services wie Apple TV+ und Apple Arcade einzugehen. Deren Start hatte Apple vor einem guten halben Jahr für den Herbst versprochen. Und der ist jetzt da.

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