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Ausprobiert: Pace - Auto-Bordcomputer per App nachrüsten

26.10.2016 | 13:11 Uhr |

‚Mach dein Auto zum Smartcar’ oder ganz ähnlich lautet der Verkaufsslogan von Pace. Wir gehen dem nach.

„An der Ausstattung gespart?“ passt vielleicht ebenso gut. Denn Pace liefert viele der Funktionen nach, die vielleicht fehlen: Bordcomputer mit Verbrauchs- und Reichweitenanzeige.

Denn fast jedes Auto hat mehr Sensoren als Anzeigen auf dem Armaturenbrett. Alleine für die Gemischaufbereitung, ABS oder ESP gibt es Geschwindigkeits- und Temperatursensoren, deren Messwerte dem Fahrer in vielen Fällen im Verborgenen bleiben. Manche Autos (meins…) haben nicht einmal eine Anzeige der Kühlwassertemperatur. Vielleicht fehlt auch der Drehzahlmesser. In diesen Fällen kann Pace helfen.

Lese-Tipp: Ausführlicher Test der finalen Version von Pace Link One im Juni 2017

Die Installation ist denkbar einfach. Den OBD-Dongle an den Diagnosestecker stöpseln (der befindet sich meistens unten am Armaturenbrett), die App starten und den Knopf drücken, das war es im Grunde schon. Auch im Alltag funktioniert alles beinahe reibungslos. Sobald man das Auto startet, dauert es einige Sekunden und die App merkt automatisch, dass wir eine Fahrt beginnen und meldet sich per Benachrichtigung. Nur ein Mal hat das nicht geklappt, erst nach manuellem Beenden der App entsteht die Verbindung. Dies bleibt auf knapp 550 gefahrenen Testkilometern der einzige Hänger.

Auch ein weiteres potenzielles Problem bleibt reine Theorie: sind Bluetooth-Dongle und App „schnell“ genug, um Daten wirklich in Echtzeit zu zeigen oder gibt es hier eine größere Verzögerung? Entwarnung: die App-Anzeige wird rund 2-3 mal pro Sekunde aktualisiert und hat nur wenige Zehntelsekunden Verzögerung, ist demnach fast so schnell wie jede andere Anzeige im Auto. Dies war bei ähnlichen Konzepten in der Vergangenheit beitrag_id link 2052478 schon ganz anders .

Keine neue Idee

Das Prinzip „OBD-Dongle sendet Diagnosedaten an eine App“ ist nicht neu. Bereits vor Jahren gab es WLAN-/Bluetooth- und UMTS-Dongles und Apps, die ganz Ähnliches leisteten. Vieles davon war jedoch nicht ausgereift, optisch fragwürdig oder letztlich wenig alltagstauglich. Pace ist nicht der einzige Vertreter der neueren, ausgereiften Lösungen.

Automatisches Fahrtenbuch erleichtert Steuererklärung

Einer der möglichen Hauptgründe für die Anschaffung von Pace ist dessen Fahrtenprotokoll. Jede Fahrt wird aufgezeichnet und auf Wunsch in einer Übersicht als PDF-Fahrtenbuch exportiert, das auch vom Finanzamt akzeptiert wird (nicht getestet). In dem Dokument werden private und geschäftliche Fahrten ausgewiesen, das Verhältnis zwischen den Fahrten und die Summe der geschäftlichen Fahrten.

Pace ist ein Kickstarter-Projekt und diese sind teilweise berüchtigt für nicht eingehaltene Versprechen und Probleme bei der Umsetzung. Gibt es so etwas bei Pace auch? Nur zu einem kleineren Teil. Beispielsweise die versprochene Anzeige von Beschleunigungskräften gibt es bei uns im Test nicht, vielleicht fehlen auch die Sensoren, die Messung sollte jedoch auch mit den iPhone-Sensoren möglich sein. Auch die angekündigte Echtzeitrückmeldung auf unseren Fahrstil sehen wir nicht. Als Käufer muss man sich aktuell darauf einstellen, dass Pace noch ein Stück weit „Work in progress“ ist. Wir haben Pace über die Webseite des Unternehmens vorbestellt und innerhalb weniger Wochen erhalten.

Die Praxis

Sobald die Pace-App erkennt, dass wir das Auto gestartet haben, startet die Fahrtansicht. Hier sehen wir verschiedene Echtzeitdaten wie Temperatur, Geschwindigkeit, Drehzahl, Verbrauch und je nach Auto weitere Daten. Zusätzlich zeigt Pace im unteren Bereich weitere Infos an. Beispielsweise die aktuelle Geschwindigkeitsbeschränkung, die per GPS aus einer Datenbank geladen wird. Die unterste Digitalanzeige ist wählbar. Hier schalten wir zwischen analogen Tachos, Umgebungskarte, Musiksteuerung und Ökonomieanzeige um. Letztere soll zeigen, wie hoch aktuell die Benzinkosten pro 100 km sind. Hier hakt es bei uns jedoch noch. Zwar können wir angeben, dass wir bei einem Zwischenstopp getankt haben, die Fahrtkostenaufstellung funktioniert bei uns aber noch nicht. Eventuell ein Bug, eventuell pendelt sich dies später mit der Zeit automatisch ein. Nach zwei Wochen passiert hier noch nichts. Stellen wir den Motor ab, beendet Pace die Fahrt automatisch. Das ist bei Zwischenstopps selbstverständlich nicht immer gewünscht, aber „Fahrten“ lassen sich im Nachhinein problemlos zusammenfügen.

Der transparente Fahrer?

Wenn die App so viele Daten über unsere Fahrstrecken und unser Fahrverhalten sammelt, stellt sich selbstverständlich die Frage nach dem Datenschutz. Hier sieht es nicht gut aus, wenn man diesbezüglich skeptisch ist. Zwar brüstet sich Pace damit, nur deutsche Server zu nutzen, dennoch sind die Datenschutzbestimmungen relativ großzügig. Denn Pace behält sich nicht nur vor, die Daten zu speichern, sondern sie auch an Dritte - darunter Versicherungen - weiterzugeben. Beispielsweise für den automatischen Notruf bei Unfällen. Auch bei Fehlermeldungen des Autos soll es automatische Werkstattangebote geben können. Für die Vermutung, Pace könnte beispielsweise unser Fahrverhalten oder gefahrenen Kilometer an unsere Versicherung melden, gibt es derzeit keinen Grund. Die reine Menge und Brisanz der erhobenen Daten ist jedoch bedenklich.

Wer auf seine Privatsphäre großen Wert legt, sollte einen großen Bogen um diese Kombination aus Lesegerät und App machen. Denn es ist nicht möglich, Pace ohne Konto zu nutzen. Wir konnten uns immerhin ohne Namen - nur mit einer E-Mailadresse anmelden. Die Angaben (Name/Kennzeichen) fehlen dann jedoch in dem Fahrtenbuch und macht dieses für das Finanzamt ungültig. Auch der automatische Unfallnotruf funktioniert mit einem derart leeren Profil nicht.

Fazit

Als Besitzer eines spartanisch ausgestatteten Autos ist Pace überwiegend eine gute Erfahrung. Die Verbrauchsanzeige alleine sorgt dafür, dass wir mit Pace rund einen Liter auf 100 km weniger verbrauchen als zuvor. Mehr Informationen, mehr Rückmeldung. Das automatische Fahrtenbuch erleichtert die nächste Steuererklärung hoffentlich deutlich. Der größte Nachteil ist wohl die Datensammelei des Anbieters.

Wäre rein lokaler Betrieb ohne Cloud-Anbindung möglich (selbst wenn manche Funktionen so grundsätzlich wegfallen müssten), wäre das Gadget eine dicke Empfehlung für alle Besitzer eines Autos ohne Bordcomputer. Alternativen sind hier andere und teils günstigere Lösungen, die jedoch meist weniger poliert wirken und weniger Funktionen bieten.

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