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Vom Mac Studio enttäuscht: Warum ich ihn an Apple zurückschickte

04.05.2022 | 16:25 Uhr |

Der neue Mac Studio mit M1-Ultra klang vielversprechend, nach einer attraktiven Alternative zum iMac Pro. Am Ende enttäuschte der Mac Studio leider so sehr, dass er wieder zu Apple zurückging.

Wie bestimmt viele andere auch, hoffte ich am 8. März 2022 während Apples ersten Keynote für dieses Jahr auf einen neuen 27- oder vielleicht sogar 30-Zoll-iMac-Pro. Der 24-Zoll-iMac ist mir einfach zu klein und der M1-Chip nicht „Pro“ genug. Zuvor arbeitete ich mit einem 2018er iMac Pro, der nicht wirklich in die Jahre gekommen war. Das Problem: Mehr oder weniger über Nacht war er plötzlich nicht mehr für einen flüssigen Videoschnitt mit Final Cut Pro X zu gebrauchen. Die Compressor App stürzte plötzlich beim Rendern ganz normaler 4K-Projekte ab oder begann erst gar nicht mit dem Export ins von mir gewünschte Format. Was war nur geschehen? Von offizieller Seite wurde das zwar nie bestätigt, aber da diese – nennen wir es mal „Unregelmäßigkeiten“ – erst nach den neuesten macOS- und Programm-Updates auftraten, vermutete ich, dass sogenannte “Softwareoptimierungen” zu Gunsten der neuen M1-Hardware daran nicht ganz unschuldig sein könnten.

Seit Februar verfügte ich bereits über das neue 16-Zoll große Macbook Pro mit M1-Max-Chip, 64 GB RAM und 1 TB SSD, was bis auf die Kapazität der SSD, das Flaggschiff der aktuellen Macbook-Pro-Baureihe ist. Auf diesem High-End-System war von den oben genannten Problemen nichts zu merken, was mich in meiner laienhaften Annahme zu bestätigen schien, dass Intel basierte iMacs wohl nicht mehr zu den von Apple support-würdigen Systemen zählten. Zumindest was die Anpassung von Final Cut und anderer Apple-Software anbelangt.

Opfer von Optimierungen?

Im Gegenteil, dieses Macbook Pro ist in jeder Hinsicht – wie Apple sagen würde – „awesome“. Und ich war nach seiner Anschaffung extrem „thrilled“ und „excited“, weil nun endlich nichts mehr abstürzte oder einfror und gleichzeitig meine Videoprojekte in völlig unerwartet kurzen Zeitspannen berechnet wurden. Der Skimmer läuft butterweich über die zunächst unbearbeiteten  und natürlich ungerenderten Clips – egal welcher Herkunft, die ebenso „smooth“ wie ruckelfrei in der Vorschau wiedergegeben werden. Nur der iMac Pro aus dem Jahre 2018 fühlte sich vor allem bei Apps vom eigenen Hersteller plötzlich an wie ein schwachbrüstiges Altgerät. Allerdings war mir das 16-Zoll-Display des Macbook Pro dann doch für eine umfangreiche und andauernde Videobearbeitung zu klein. Den 27-Zoll-Bildschirm eines iMac wollte ich nicht mehr missen. Daher eben der Wunsch, zusätzlich zum mobilen Schnitteinsatz noch ein adäquates Desktopgerät anzuschaffen. Am besten eben durch den Kauf eines neu vorgestellten iMac Pro.

Wie wir mittlerweile wissen, wurde die Keynote aber zum Abgesang auf einen bis zu diesem Zeitpunkt auch in der Fachwelt hoch geschätzten All-In-One-Mac, der eine lange Erfolgsgeschichte aufweisen kann. Dass dieser mir so lieb gewordene 27-Zoll-iMac nun nicht mehr dem Portfolio des kalifornischen Weltkonzerns angehören sollte, war für mich ehrlich gesagt nicht vorstellbar. Aber beim „Zöpfe abschneiden“, egal wie alt sie sind, ist Apple ja bekannter Maßen recht rigoros.

Zu schön, um wahr zu sein? 

Was Apple stattdessen mit der Ankündigung des neuen Mac Studio vorstellte, schien in meinen Augen eine sehr gute Alternative zum bisherigen iMac Pro zu sein. Nicht zuletzt, weil er an der Rückseite über vier Thunderbolt-Anschlüsse für externe Platten, einen 10-Gbit-Ethernet-Anschluß,  zwei USB-A-Ports, HDMI-Schnittstelle und eine 3,5-mm-Kopfhörerklinke verfügt. Völlig untypisch für Apple gibt es nun an der Frontseite zwei weitere USB-C- bzw. Thunderbolt 4-Anschlüsse (je nach Konfiguration des Gerätes), nebst SD-Kartenslot. Das war nun genau meine Vorstellung von einem Pro-Gerät. Hier hat Apple mal auf die Pro-User gehört und eine Flut von Schnittstellen integriert, wenn sie auch nicht alle dem neuesten Stand entsprechen (wie etwa der maximal 60Hz-taugliche HDMI-Anschluss in 2.0). Der Hauptgrund für meine Kaufbereitschaft war aber die werbewirksam in Szene gesetzte Ankündigung einer Leistungsverdoppelung, hervorgerufen durch zwei „zusammengesteckte“ M1-Max-Chips, fortan bezeichnet als „M1-Ultra“. Was technisch bisher fast unmachbar erschien, nämlich den Controller so zu steuern, dass er die anfallenden Tasks intelligent auf die beiden M1-Max Chips verteilt, sollte nach Aussagen der verantwortlichen Ingenieure nun zu Leistungsdaten jenseits des bisher Vorstellbaren führen. 

Mir, dem extrem begeisterten Technik affinen Anwender, war sofort klar: Genau den will ich haben. Anschlüsse satt und auch noch schneller als der M1-Max in meinem Macbook. Das war fast zu schön um wahr zu sein.

Natürlich entschied ich mich für die M1-Ultra-Variante, warum sollte es auch „nur“ der M1-Max im Mac Studio sein? Das hatte ich ja quasi schon in Form des Macbook Pro mit genau demselben Chip bereits auf dem Schreibtisch stehen. Daher erschien es mir nur allzu konsequent, den Mac Studio in einer höheren, vermeintlich besseren Ausbaustufe, also der Ultra-Version zu bestellen – versprach ich mir davon doch einen Performancegewinn in eben den Bereichen, in denen selbst der M1-Max mich noch nicht ganz überzeugen konnte. Welche das sind, werde ich gleich erklären.

Die Notwendigkeit, noch ein externes, ebenfalls im selben Atemzug vorgestelltes neues Apple-Display kaufen zu müssen, brachte meine bisherige Finanzplanung zwar völlig durcheinander, wurde von mir aber damit gerechtfertigt, dass man mit einem zusätzlichen Display ja auch Synergie-Effekte schafft, indem man in Zukunft nur noch den Rechner erneuert und das Display über viele Jahre behält. Also, zumindest in der Theorie. Dass ich mir noch einen Tag Bedenkzeit einräumte und meine Bestellung erst am 9. März vornahm, also einen Tag nach Vorstellung des „Ultra-Macs“, in der leicht schwächeren 48 Core-GPU Version, dafür aber mit 128 GB RAM und 1 TB SSD, führte zu einer verlängerten Lieferzeit von 6 Wochen. Hätte ich gleich am selben Tag nach Verfügbarkeit auf der Apple-Webseite zugeschlagen, dann wären es wohl nur knappe zwei Wochen Wartezeit gewesen. Mittlerweile muss man ja sogar 10-12 Wochen auf diese BTO-Version warten. Also will ich mich mal nicht beschweren.

Ich glaube, beim Mac piept's!

Nur wenige Tage nach der ersten Nutzung des Mac Studio begannen die ersten Zweifel, ob meine Entscheidung zu Gunsten des Mac Studio richtig war. Nicht, dass mein iMac Pro nicht auch ein durchgehendes Lüftergeräusch erzeugt hätte. Nur war dies im Normalbetrieb deutlich leiser. Daran hätte ich mich beim Mac Studio wahrscheinlich gewöhnt. Wenn nicht nach ca. 30 Minuten des Betriebes, also nicht etwa nach 30 Minuten extremer Leistungsabforderung durch das Rendern von 18 übereinander liegenden 8k-Streams, die man in Apples Vorstellung heutzutage ja locker mal zusammen bekommt, sich ein hochfrequentes Fiepen dazugesellt hätte.

Der hochgelobte Kupfer-Kühlkörper, der auch für das höhere Gewicht des Ultra-Modells gegenüber der Max-Version verantwortlich ist, scheint also nicht für eine „wohlklingende“ Lüfterdrehzahl zu sorgen. Oder die Lüfter drehen gar nicht wirklich schneller und erzeugen einfach nach einer gewissen Betriebszeit dieses Fiepen. Wie auch immer. Das fand ich dann schon besorgniserregend und eben nicht als „Gewöhnung über die Zeit“ tolerierbar. Gerade für Nutzer, die den Mac Studio unter anderem für Tonaufnahmen nutzen möchten, ist dies nicht sonderlich praktisch. 

Mac Studio vs. Macbook Pro

Da ja das Macbook Pro mit M1-Max-Chip zur Verfügung stand, wollte ich doch mal sehen, um wieviel schneller mir der Mac Studio Ultra meine 4k-Projekte rendert, oder ansonsten eine bessere Performance als das Macbook mit M1-Max-Chip innerhalb von Final Cut Pro X liefert.

Also schnell mal zwei kleine Final-Cut-Projekte (jeweils eines pro System, auf der internen Platte des Macbooks und des Mac Studios) angelegt, mit jeweils identischem Material und etwas Color-Grading, ein paar Standardblenden und vor allem der bekannt prozessorintensiven Rauschunterdrückung auf einzelnen ausgewählten Clips. Es werden ja auch mal Videoaufnahmen unter weniger gut ausgeleuchteten Bedingungen gemacht, bei denen die Signalverstärkung der Kamera eben ein gewisses Bildrauschen erzeugt. Um dieses zu minimieren, ist die Rauschunterdrückung aus der Final Cut Pro X „Effektschublade“ nämlich ganz gut geeignet.

Das Abspielen dieses noch ungerenderten Projektes erfolgte auf beiden Systemen mit der gleichen flüssigen Performance, bis auf die Clips, die mit einer Rauschunterdrückung versehen waren. Diese wurden bei beiden Rechnern nur bei Auswahl von „Leistung“ statt „besserer Qualität“ in der Darstellungsauswahl ohne Ruckeln abgespielt. Dafür sind diese Sequenzen dann aber leider etwas „matschig“ und unscharf. Wenn man die Wiedergabe in Final Cut mit besserer Qualität wählt, dann kommt es bei beiden Probanden, also leider auch beim Mac Studio Ultra, zu einer verruckelten Wiedergabe und stehenden Bildern in ungerenderten Projekten. Das hätte ich nach den von Apple angekündigten Leistungsdaten nicht erwartet und war auch einer der Gründe, warum ich geglaubt hatte, mir diesen Performancegewinn mit einem Ultra-Chip erkaufen zu können.

 

Noch mal zur Verdeutlichung: Ich spreche von einem ganz normalen 4K-Clip, der als Final-Cut-Effekt nichts anderes als eine Rauschunterdrückung bekommt. Keine zusätzliche Farbbearbeitung oder Zeitlupeneffekte oder ähnliche leistungsbeeinträchtigende Elemente. Da ich die Ursache in der Tatsache sah, dass ich halt mit dem nativen Clip und nicht mit einem zuvor von Apple empfohlenen ins Pro-Res-Format optimierten und umcodierten Clip arbeitete, habe ich es auch mal mit einem solchen Clip probiert. Das Ergebnis war aber identisch. Auch ein Pro-Res-Clip ruckelt bei Verwendung der Rauschunterdrückung und angewählter optimaler Bildqualität.

Das ist traurig und eben sehr ernüchternd. Aber Hauptsache, 18 parallele 8K-Streams laufen flüssig. Wenn man also diese vom Hersteller selbst erzeugte hohe Erwartungshaltung zugrunde legt, dann führt dieses Verhalten des Mac Studio in meinen Augen zu einer erheblichen Abwertung der Leistungsfähigkeit dieses Systems. Denn wir wollen doch annehmen, dass zumindest Standardprozesse einwandfrei berechnet werden und nicht fiktive Videoprojekte, mit völlig utopischen Spurzahlen, was die meisten Anwender kaum haben werden.

Macbook Pro + Studio Display: Die (aktuell) bessere Alternative

“Ok”, dachte ich, “dann kommt es eben im ungerenderten Projekt nur an den Stellen der Rauschunterdrückung zu Rucklern. Spätestens beim Rendern des Projektes in Final Cut Pro X wird der Mac-Studio seine Muskeln spielen und das M1-Max-Macbook „alt“ aussehen lassen.”

Leider musste ich mich auch von dieser Hoffnung jäh verabschieden. Die Renderzeiten waren bis auf die Sekunde identisch. Was allein deswegen schon verwunderlich ist, da der Mac Studio Ultra über eine Speicherbandbreite von 800 GB/s statt der 400 GB/s beim Macbook und eine 32 Core Neural Engine (16 Core beim Macbook) verfügt. Auch das Exportieren nach Übergabe des Projektes zur Compressor-App, förderte dasselbe Ergebnis zu Tage. Absolut identische Exportzeiten, unabhängig davon, welches Exportformat ich gewählt habe.

Es mag bestimmt auch Anwender geben, die eben andere Anforderungen an einen  Mac Studio mit Ultra-Chip haben und demzufolge vielleicht wirklich einen Performance-Vorteil erhalten. Für mich war aber nun der Punkt erreicht, an dem ich mir gegenüber nicht mehr mit halbwegs vernünftigen Argumenten die Anschaffung eines Mac Studios rechtfertigen konnte. Für stolze 5500 € überhaupt keine Vorteile, sondern sogar eher Nachteile akzeptieren zu müssen, kommt ja wohl nicht in Frage. Das führte dann zur Entscheidung, den massiven silbernen Block wieder fein zu verpacken und dem Hersteller zur weiteren Verwendung zur Verfügung zu stellen.

Nun nutze ich mein M1-Max Macbook zusammen mit dem Studio-Display. Die fehlenden Anschlüsse werden durch den Einsatz eines Caldigit TS3 Plus-Hubs ausgeglichen, das ich bereits vor Monaten mit dem Macbook-Kauf erworben hatte. Ich erwäge allerdings zusätzlich das neue für Thunderbolt 4 optimierte Caldigit TS4 anzuschaffen, wenn man es denn endlich irgendwo bekommen könnte. Und das Studio-Display liefert ja auch noch mal 3 USB-C-Anschlüsse mit immerhin 10 Gbit/s Bandbreite, so dass meine diversen externen SSDs dort mit ca. 500 MB/s im Write und Read-Modus unterstützt werden. Eine Samsung Portable SSD T7 (auf Amazon) am Studio-Display sogar mit ca. 750 MB/s. Das sollte doch ausreichen.

Übersicht: Thunderbolt-3-Docks für das Macbook Pro

Nun ist es wieder so leise im Zimmer, dass ich meine Musikaufnahmen mit Mikro direkt vor dem Rechner machen könnte. Die Performance ist bei den von mir zu erwartenden Anwendungen vergleichbar mit denen eines Mac-Studio Ultra. Und die zeitliche Ausnutzung des Macbooks, welches vom Studio-Display mit Strom versorgt wird, liegt nun bei 100 Prozent. Das nenne ich Effizienz und Nutzung der bereits zur Verfügung stehenden Ressourcen. Nach neuesten energetischen und ökonomischen Gesichtspunkten wird auch der zu erwartende Stromverbrauch nur knapp ein Drittel des Mac-Studio Ultra betragen, welcher ja immerhin mit 370 Watt kontinuierlicher Leistungsaufnahme angegeben wird. Und als angenehmer Nebeneffekt liefert mir das Macbook ja auch noch ein zweites Display, welches bei Final-Cut-Anwendung z.B. den Viewer zeigen könnte. Also insgesamt eine sehr vernünftige und gleichzeitig leistungsmäßig ebenbürtige Alternative zum Mac Studio. 

Das Protokoll führte Simon Lohman

Macwelt Marktplatz

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