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Macphisto (8): Warum Mathematik gerade jetzt so wichtig ist

25.03.2020 | 13:26 Uhr |

Macphisto macht sich Gedanken, was in der Krise helfen könnte. Pseudowissenschaft und Aberglaube sind es eher nicht.

Da steht er nun, der arme Tor und klagt: „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin – und leider auch Theologie – durchaus studiert, mit heißem Bemühn.“ Hätte er sich lieber einmal auch mit Mathematik beschäftigt. Mit der Exponentialfunktion, mit Stochastik und Kombinatorik.

Für den historischen Magister, gar Doktor ja, muss Macphisto aber eine Lanze brechen: Euler und Gauß kamen weit später als jener Johann Georg Faust, der mutmaßlich um 1480 in Knittlingen im Kraichgau geboren wurde – jener Gegend, in der ein gewisser Hopp so viel Geld verdient hat, um sich nun um medizinische Forschung verdient zu machen und nicht um Blendwerk wie sein historischer Landsmann.

Es irrte aber nicht nur Johann Georg zu seiner Zeit, das mathematische und medizinische Wissen, das schon die Hochkulturen des Altertums erlangt hatten, sickerte gerade erst wieder über den Umweg der arabisch-persischen Welt in das Zentrum Europas zurück. Die islamische Welt hatte das Wissen der alten Griechen über Jahrhunderte bewahrt und erweitert, während Bildung im Einflussbereich Roms kein Wert an sich war – und allenfalls hinter dicken Klostermauern etwas galt.

Die Welt ist heute definitiv eine andere, Macphisto erkennt aber Muster, nicht nur in Zahlen. Die 666 sei ihm und seinen Kollegen ja von einem Johannes ein paar Jahrhunderte vor dem Kraichgauer, der angeblich einen Pakt mit dem Tiefgeschoss einging, als Hausnummer zugewiesen worden. Macphisto wiederholt sich ungern : Damit war Kaiser Nero genannt, der gewiss ein Tyrann war, aber kein Brandstifter.

Die Muster, die Macphisto sieht, sind auch anderer Natur: Die Herkunft der Bedrohung aus fernen Weltgegenden. Die Symbiose der vier Reiter, die da heißen Krankheit, Hunger, Krieg und Tod und von denen selten einer allein kommt. Bevor nun aber wieder der brave Bürger auf die Völker weit hinter der Türkei zeigt und schreit: „Heinrich, mir graut vor dir!“, sei er daran erinnert, dass in Johann Georgs Zeitalter Infektionen vom Kraichgau und anderen Gauen aus die geschrumpfte Welt im Eiltempo erreichten und Völker weltweit dezimierten. Was den Zeitgenossen damals dagegen einfiel, war, die neu entdeckten Mitbewohner der Welt zu fragen, wie sie es denn mit der Religion hielten und sie rechtzeitig zu taufen, bevor sie ihren letzten Röchler taten.

Die Mitarbeiter hier im untersten Stockwerk mögen es Macphisto verzeihen, wenn er aus dem Nähkästchen plaudert: Es hat gar keinen Pakt gegeben. Das war nur Volksglauben, die ein hoch und vielseitig begabter Beamter aus dem Hessischen in zeitlose Verse schmiedete. Johann Georg Faust war zu seiner Zeit lediglich vom Aberglauben abgekommen und nutzte – auch aus fernen Ländern importierte – wissenschaftliche Erkenntnisse, um das Volk mit allerlei Tricks auf Jahrmärkten zu unterhalten und zu blenden – auch zu jener Zeit war die fortschrittlichste Technologie für Laien nicht von Magie zu unterscheiden.

Es irrt der Mensch, so lang er strebt, diesen Irrtum zu erkennen, das ist der wahre Fortschritt und der Unterschied zwischen Aberglaube und Wissenschaft. So hängen die einen einer 200 Jahre alten Irrlehre nach, die nur damals nicht völlig abwegig klang, während andere sich auf fortschrittliche Technologie und geteiltes Wissen verlassen, um der Pandemie Herr zu werden.

Der gescheite und gescheiterte Geist steht heute verzweifelt in seiner Studierstube und klagt: „Hab nun, ach! Leider zu wenig Mathematik und Chemie studiert, trotz heißen Bemühens. Da steh’ ich nun, ich dummer Tor. Und sehe, dass die Laffer-Kurve genau so wenig die Welt erklärt wie die Lehre von der Ähnlichkeit der Substanzen.“ Der Pudel, der im Kern stets das Böse will und doch das Gute schafft, ist aber schon unterwegs.

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