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Windows am Mac: Parallels Desktop und Vmware Fusion im Vergleich

20.10.2020 | 07:54 Uhr | Stephan Wiesend

Parallels Desktop und Vmware Fusion sind in neuen Versionen verfügbar, beide unterstützen bereits Big Sur, Fusion ist erstmals sogar kostenlos nutzbar.

Wozu eine Virtualisierungssoftware?

Manche Spezial-Anwendung wie das Architekturprogramm DIALux oder die Planungssoftware MS Project gibt es nur für Windows, für Mac-Anwendern in vielen Branchen ein bekanntes Problem. Die Lösung: Mac-Anwender können diese Programme mit einer Virtualisierungssoftware wie Parallels oder Fusion nutzten, dazu bildet eine solche Software ein komplettes Windows-System im Betriebssystem nach. Man kann aber auch eine virtuelle Version von macOS nutzen und so alte Mac-Programme weiter verwenden, die nicht mehr unter der aktuellen macOS-Version funktionieren – oder eine neue Beta-Version von macOS testen.

Vmware Fusion herunterladen

Für den Mac gibt es eigentlich drei Lösungen: Parallels Desktop, Vmware Fusion und Virtual Desktop. Durch hohe Leistung und Bedienkomfort sind vor allem die Lösungen von Parallels und Vmware beliebt. Erst vor wenigen Monaten ist die aktuelle Version Parallels 16 erschienen, vor wenigen Wochen hat nun Vmware nachgelegt und Fusion 12 vorgestellt – mit einer für Parallels unangenehmen Überraschung.

Parallels Desktop 16 für 80 Euro kaufen

Kostenlose Version von Fusion

Eine Überraschung bei der Vorstellung von Fusion 12 ist die neue kostenlose Version Player: Nach Registrierung beim Vmware kann ein Heimanwender oder Student diese Version kostenlos nutzen, der Funktionsumfang entspricht der früheren Standardversion. Allerdings gilt die Lizenz nur für nichtkommerzielle Verwendung. Firmen müssen weiter zur teuren Pro-Version greifen, die dafür aber auch weitere Funktionen bietet. Player-Nutzer müssen außerdem auf Funktionen wie f ortgeschrittene Netzwerkfunktionen, vSphere-Unterstützung, Linked Clones oder verschlüsselte virtuelle Maschinen verzichten. Dies können die meisten Heimanwender aber wohl verschmerzen.

Performance

Bei früheren Performance-Vergleichen zog bisher immer die Lösung von Vmware den Kürzeren, Fusion hat aber aufgeholt: Beide Lösungen unterstützen DirextX 11, auch eGPU werden von beiden Programmen unterstützt. Der Vorsprung von Parallels bleibt aber auch bei den aktuellen Versionen erhalten: Im Test der Grafikleistung mit 3DMark11 schafft Parallels auf unserem Testrechner, einem Mac Mini 2018 knapp 1072 Punkte, Vmware nur 904 Punkte. Auch bei unserem zweiten Test, wir lassen die beiden Rechner den Browserbenchmark Basemark durchführen, gewinnt Parallels: Mit 207,8 statt 183,98 Punkten.

Bei Paralallels kann man zwischen mehreren Profilen auswählen.
Vergrößern Bei Paralallels kann man zwischen mehreren Profilen auswählen.

Dieser Performance-Unterschied von knapp zehn Prozent ist in der Praxis aber nur begrenzt relevant. Noch wichtiger ist vielleicht die Leistung bei Alltagsaufgaben wie dem Starten des virtuellen Systems oder das Anhalten bzw. Einfrieren einer virtuellen Maschine – Letzteres ist wohl die häufigste Alltagssituation. Das Anhalten der Maschine versetzt das Windows-System in den Standby – der aktuelle Zustand des Systems wird dabei komplett gespeichert, inklusive offenen Programmen. Man kann mit dem benötigten Windows-Spezial-Programm dann beim Einschalten sofort weiter arbeiten. Dieses Einfrieren und wieder Aufwecken dauert in unserem Test bei Parallels 7 Sekunden, bei Vmware ganze 30 Sekunden. Parallels bietet außerdem ein ausgeklügeltes System an Automatik-Funktionen, damit sich eine virtuelle Maschine bei Nichtnutzung automatisch deaktiviert und Ressourcen für den Mac freigibt. Bei einem Macbook minimiert dies zusätzlich den Akkuverbrauch. Der Neustart eines virtuellen Systems gelingt Parallels ebenfalls deutlich schneller: 18 Sekunden warten wir bei Vmware, 15 Sekunden beim Konkurrenten.

Bei Vergleich des RAM-Bedarfs gibt es nur geringe Unterschiede, Parallels erzeugte in unserem Test etwas weniger Speicherdruck. Kleine Unterschiede kann es allerdings bei der Unterstützung von Grafikprogrammen geben, hier sind oft Anpassungen möglich und es gibt Unterschiede in der Kompatibilität. So unterstützt Fusion OpenGL 4.1, Parallels Open GL 3.3.

Ein Vorteil von Fusion: Auch die kostenlose Version unterstützt bis zu 32 CPUs und 128 GB RAM, die Standardversion von Parallels nur maximal 4 CPUs und 8 GB. Erste die Pro-Version zieht hier mit Fusion gleich.

Installation und Bedienung

Die beiden Virtualisierungsprogramme sind ausgereifte Anwendungen, die auch Einsteiger problemlos nutzen können. Die Installation eines neuen Systems ist bei beiden Programmen einfach möglich, Assistenten helfen bei den verschiedenen Aufgaben. Der Austausch eines virtuellen Systems ist zwischen den beiden Systemen problemlos möglich – man kann beispielsweise eine länger mit Parallels genutzte Windows-Umgebung ohne große Probleme mit Fusion nutzen. Verwirrend ist für Einsteiger vielleicht eher die Fülle an Möglichkeiten, so ist auch das Migrieren eines PCs oder die Umwandlung einer Bootcamp-Partition möglich. Die Installation eines neuen Systems kann problemlos über ein Installationsimage, einen USB-Stick oder auch eine DVD erfolgen. Pluspunkt für Parallels: Über den komfortablen Installationsassistenten kann man sofort ein kostenloses System herunterladen und installieren. Angeboten werden zahlreiche Linux-Distributionen, Android, eine Windows 10-Entwicklungsumgebung und Mirosoft-Edge-Testumgebungen. Aber auch macOS 10.15.7 kann man unter Catalina direkt auswählen und installieren, das Tool lädt die benötigten Daten dann automatisch aus dem Netz.

Die Bedienung von Fusion ist problemlos, Paralllels bietet aber mehr Bedienkomfort.
Vergrößern Die Bedienung von Fusion ist problemlos, Paralllels bietet aber mehr Bedienkomfort.

Im Vergleich mit Fusion ist Parallels beim Bedienkomfort ebenfalls überlegen, wenn es um die Integration von Windows in macOS geht. Datenaustausch zwischen Mac und Windows ist nach der Installation bei beiden Lösungen problemlos möglich, bei der täglichen Nutzung bietet Parallels allerdings zahlreiche praktische Zusatzfunktionen. So hat man etwa über einen automatisch ergänzten Ordner im Dock direkten Zugriff auf alle Windows-Apps, man kann Cortana nutzen und die bei virtuellen Maschinen oft lästigen Wartungsvorgänge von Windows 10 manuell starten oder verschieben. Selbst die Touchbar kann man dank speziellem Editor nutzen und Windows 10 in eine Art Flugzeugmodus versetzen – man wird dann nicht mehr von Windows-Nachrichten belästigt. Sidecar unterstützt Parallels seit der Vorversion: Man kann so eine Windows-App auf seinem iPad nutzen und mit dem Apple Pencil Windows-Apps wie Corel Painter und Express bedienen. Eine weitere nützliche Beigabe von Parallels ist die Tool-Sammlung Toolbox. Dabei handelt es sich um eine Sammlung an Hilfsprogrammen für Mac und Windows, die auch als separates Produkt erhältlich ist. Sowohl unter Windows als auch auf dem Mac kann man die Tools installieren und verwenden. Eine ausgereifte Lösung für den Fernzugriff auf Macs und virtuelle Maschinen ist ebenso verfügbar, die Lösung Parallels Access.

Bei Parallels kann man kostenlose Systeme sofort herunterladen und damit arbeiten.
Vergrößern Bei Parallels kann man kostenlose Systeme sofort herunterladen und damit arbeiten.

Und Apple Silicon?

Das kommende macOS 11 Big Sur wird von beiden unterstützt, sowohl als Host- als aus Gast-Betriebssystem. Das sollte man wohl nicht unterschätzen: Laut Parallels hätten 25 Entwickler ein Jahr an dem Update gearbeitet. Unter anderem nutzt Parallels unter Big Sur keine Kernel Extensions mehr, sondern native Systemerweiterungen. Erstmals kann man etwa in einer virtuellen Version von Big Sur Metal-Programme 3D-Funktionen verwenden, was die Nutzbarkeit vieler Mac-Programme deutlich verbessert.

Zu der Kompatibilität mit Apple Silicon gab es von Parallels bisher keine neuen Informationen . Kurz nach der WWDC hatte Parallels zu diesem Thema eine Stellungnahme veröffentlicht, die aber noch viele Fragen offen ließ. Bei der Präsentation von Apples neuer ARM-Plattform war zwar Parallels unter Silicon zu sehen, allerdings mit einem Linux-System. Noch unklar ist deshalb die Unterstützung von Windows-Gastsystemen. Auf unsere Nachfrage wurde uns bestätigt, das Parallels mit Apple eng zusammenarbeitet, aktuell aber keine näheren Angaben gemacht werden dürfen. Apple Silicon ist für Virtualisierungssoftware auch deshalb interessant, da die neue Architektur kein Boot Camp mehr unterstützt.

Standard oder Pro?

Beide Lösungen sind in zwei Versionen verfügbar, einer Standard- und einer Pro-Version. Die Stärke der kostenpflichtigen Version Fusion Pro ist etwa die native Unterstützung von fortgeschrittenen Technologien der Mutterfirma Vmware. Fusion unterstützt KIND Kubernetes Cluster und vSphere 7.0 – beides Technologien, die für Privatanwender zwar irrelevant, für manche Firmenanwender aber ein echtes Kaufargument sind. Über einen vSphere-Server kann ein Anwender etwa auf eine ganze Bibliothek an VMs zugreifen.

Wie bisher gibt es von Parallels zwei Versionen und zwei Lizenzversionen: Alle Versionen sind per Abo nutzbar, zusätzlich gibt es die Standard-Version als eine uneingeschränkt lauffähige Version von Parallels, die 100 Euro kostet. Die beiden Versionen Parallels Desktop Pro und die Business Edition bieten weitere Funktionen und kosten 100 Euro pro Jahr. Ein Upgrade auf Parallels 16 ist für 50 Euro bzw. von der Standard- auf die Abo-Version für 50 Euro Pro Jahr zu haben. Ab macOS X 10.13 kann man Parallels Desktop nutzen, 4 GB RAM sind erforderlich. Mindestens 8 GB RAM sind aber empfehlenswert und auch ein SSD-Laufwerk und eine schnelle Grafikkarte sind zu empfehlen. Fusion gibt es für Macs ab macOS 10.15 als kostenlosen Player und kostenpflichtige Pro-Version für 222,61 Euro. Wohl eher selten: Für die kommerzielle Nutzung von Fusion Player kann man für 166,70 Euro eine Lizenz erwerben.

Unsere Empfehlung:

Parallels ist nach unserem Test eigentlich die schnellere Lösung und bietet den besten Bedienkomfort. Allerdings ist Fusion ebenfalls eine gut brauchbare und leistungsfähige Lösung, die für nichtkommerzielle Anwendungen sogar kostenlos ist – für viele Nutzer damit wohl das verlockendere Angebot. Interessant wird es aber wohl in einigen Quartalen: Dann stellt sich nämlich heraus, inwieweit Apple Silicon unterstützt wird. Und hier scheint Parallels bisher die besseren Karten zu haben.

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