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iPad Pro: Symptom eines kaputten Tabletmarkts

10.06.2021 | 18:00 Uhr |

Das iPad Pro ist für den Tablet-Markt Fluch und Segen zugleich. Technisch herausragend, ist es der Konkurrenz doch soweit voraus, dass Innovationen auf der Strecke bleiben.

Von einem technischen Standpunkt aus ist das iPad, insbesondere das iPad Pro, das Vorzeigeprodukt Apples. Das iPhone verkauft sich natürlich weitaus besser und die Airpods waren definitiv ein Trendsetter, aber betrachtet man diese Geräte aus dem Hardware-Blickwinkel, ist das iPad Pro in Apples Ökosystem einzigartig. Denn jedes Apple-Gerät hat starke Konkurrenten, seien es Smartphones, Smartwatches, Kopfhörer oder auch Computer. Das iPhone ist ein überragendes Smartphone, aber es muss sich trotzdem mit Samsung, Huawei und Co. messen lassen. Und das ist ein enges Duell.

Von einem engen Duell kann man bei dem iPad Pro nicht sprechen. Sicher, der Tablet-Markt platzt geradezu vor Auswahl und vor allem Microsoft mit seinen Surface-Geräten, einem Hybrid aus Windows-Laptop und Tablet, fährt schwere Geschütze auf. Trotzdem genießt das iPad Pro seit seiner Vorstellung eine Sonderrolle, die sich vor allem aus der hohen Verarbeitungsqualität und der enormen Leistung ergibt. Denn Jahr für Jahr stellt das iPad neue Geschwindigkeitsrekorde auf, die inzwischen auch die meisten Laptops in den Schatten stellen. Der Abstand zur Konkurrenz ist so groß, dass sich das iPad Pro an der Spitze der Benchmarks festgesetzt hat und nur vom iPad Pro der nächsten Generation abgelöst wird. Auf der Fachseite Benchmarks.ul.com sind die ersten neun Plätze des Rankings von iPads belegt, bevor auf Platz zehn das erste Android-Gerät folgt.

Das iPad Pro dominiert die Benchmark-Charts.
Vergrößern Das iPad Pro dominiert die Benchmark-Charts.
© benchmarks.ul.com/

Die letzten Schwächen werden ausgemerzt

Diese Tatsache wird später noch wichtig werden, aber springen wir an dieser Stelle wieder in die Gegenwart. Im April dieses Jahres hat Apple die fünfte Generation des iPads Pro vorgestellt, neu sind vor allem das Mini-LED-Display im größeren 12,9-Zoll-Modell sowie der M1-Chip, den wir schon aus dem Mac kennen und auch im kleineren Formfaktor zum Einsatz kommt. Die eine Neuerung ist clever und überfällig, die andere offenbart Apples komfortable Situation, die für uns Verbraucher aber negative Auswirkungen hat. Beginnen wir erst einmal mit dem Display

Apple schickt das veraltete LC-Display in Rente – zumindest teilweise. Ersatz ist die Mini-LED-Technologie, die erstmal nur im 12,9 Zoll iPad Pro verbaut wird. Dabei handelt es sich im Grunde "nur" um eine Weiterentwicklung der klassischen LC-Displays, wo statt einigen wenigen insgesamt mehrere Tausend LEDs zum Einsatz kommen, die sehr genau Bereich des Displays ausleuchten können. Das verbessert die Schwarzwerte, verhindert Ghosting und schafft ein Bild, das schon sehr nah an OLED-Bildschirme herankommt. Der Vorteil: Mini-LED ist gegenüber OLED deutlich günstiger.

Statt einigen Dutzend kommen im neuen Display tausende Mini-LEDs zum Einsatz.
Vergrößern Statt einigen Dutzend kommen im neuen Display tausende Mini-LEDs zum Einsatz.
© Apple

Das Apple dem Display, das bereits eine Bildwiederholrate von 120 Hertz bietet, ein Upgrade verpasst, wurde auch Zeit. Und damit soll nicht gesagt werden, dass das klassische LC-Display (Apple nennt es "Liquid Retina Display") schlecht ist, aber mit den OLED-Displays der Konkurrenz kann es nicht mithalten. Vor allem Samsung ist für die hervorragende Bildschirmqualität bekannt, immerhin baut das Unternehmen auch die Displays für das iPhone. Das Display war der letzte Punkt, bei dem Android-Tablet im Vergleich zum iPad Pro noch punkten konnten und mit dem Upgrade auf Mini-LED schließt Apple zur Konkurrenz auf.

Das Display des iPad Pro ist also auf dem neuesten technischen Stand und auch ansonsten gibt es nur wenig, was die Konkurrenz dem iPad Pro entgegensetzen kann. Aus der Preis-Leistungs-Sicht gibt es natürlich bessere Angebote, hier hat sich Apple selten einen Orden verdient, aber wer das beste Tablet auf dem Markt kaufen möchte, greift zum iPad Pro. Mit dem neuen M1-Chip hat Apple außerdem die Leistung gegenüber dem Vorgänger (bereits das leistungsstärkste Tablet auf dem Markt) nochmal um 50 Prozent erhöhen können.

Verbesserungen: Ja. Innovationen? Nein.

Mit dem iPad Pro haben wir also ein Tablet, das leistungstechnisch unangefochten ist. Zubehör wie Apple Pencil und das Magic Keyboard sind zwar sündhaft teuer, fügen sich aber nahtlos in das Erlebnis mit ein und sind auch qualitativ oberste Schublade. Und genau hier beginnt das Problem. Denn während sich Apple in der komfortablen Lage befindet, ein Produkt im Portfolio zu haben, das die Konkurrenz weit hinter sich lässt, sind wir Verbraucher am Ende die Leidtragenden. Denn diese Monopolstellung hat direkte Auswirkungen, sowohl auf die Preispolitik, als auch auf den Mangel an Innovationen im iPad Pro. Und dieser Mangel existiert.

Lassen wir die alljährlichen gigantischen Leistungssprünge mal außen vor, hat sich das iPad Pro in den letzten Jahren kaum verändert. 2020 kam der LiDAR-Sensor, der aus technischer Sicht zwar spannend ist, aber eine sehr spezielle Zielgruppe anspricht. Entwickler von AR-Anwendungen und Pokemon-Go-Spieler haben sich sicher gefreut, für die meisten Nutzer hat der Sensor aber keinen großen Nutzen. Das Kamera-Modul wurde auf den neusten Stand gebracht und die Leistung minimal verbessert, und das war es auch schon an Neuerungen im iPad Pro 2020. Und ähnliches beobachten wir in diesem Jahr. Das neue Display des iPad Pro ist hervorragend, es bleibt aber dabei, dass Apple keine neuen Maßstäbe setzt, sondern lediglich in einem etwas vernachlässigten Bereich zur Konkurrenz aufschließt. Die Leistung macht einen riesigen Sprung, besetzte aber schon zuvor unangefochten den Thron und ich bin nicht der einzige, der sich fragt, was wir als Nutzer mit dieser Rechenkapazität überhaupt anstellen sollen.

Mit dem M1-Chip macht das iPad Pro einen Leistungssprung von 50 Prozent.
Vergrößern Mit dem M1-Chip macht das iPad Pro einen Leistungssprung von 50 Prozent.
© Apple

Darüber hinaus halten sich die Neuerungen in Grenzen. Das iPad Pro gibt es jetzt auch mit 5G, das kennen wir bereits von anderen Tablets. Der maximale Speicher wurde auf 2 TB erhöht, auch nicht gerade eine technische Revolution. Am spannendsten ist wohl die Tatsache, dass der USB-C-Anschluss jetzt auch Thunderbolt 4 unterstützt und sogar ein Pro Display XDR mit 6K-Auflösung angeschlossen werden kann.

Die Konkurrenz ist gefragt

Das sind Upgrades der Kategorie "Nice to have", mehr aber auch nicht. Um dem eingestaubten Tablet-Markt wieder frisches Leben einzuhauchen, wäre eine technische Innovation, etwas noch nie dagewesenes vonnöten. Von einem Hersteller, dessen Geräte sich bereits deutlich von der Konkurrenz abheben und technisch teils Jahre voraus sind, sind solche Innovationen aber nicht zu erwarten. Deshalb kann Apple auch über 2.500 Euro für ein iPad Pro mit Top-Spezifikationen verlangen, weil es gerade in diesem hochpreisigen Segment den Markt beherrscht. Für uns Nutzer bleibt nur zu hoffen, dass Hersteller von Android-Tablets den Kampf wieder aufnehmen und konkurrenzfähige Luxus-Tablets auf den Markt bringen. Das sorgt für Konkurrenz und somit zu mehr Druck in Richtung Innovationen und Preiskampf. Und davon profitieren wir am Ende die Endverbraucher.

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