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3D-Audio mit Dolby Atmos: So klingt's, das bringt's

10.06.2021 | 08:45 Uhr | Peter Müller

Apple will Musik auf die nächste Stufe bringen, für 3D-Audio mit Dolby Atmos muss man die Ohren aber ein wenig spitzen.

Was ist 3D-Audio mit Dolby Atmos – auf Englisch "Spatial Audio" genannt – und wozu braucht man das eigentlich? Apple selbst gibt mit einem kurzen Audio-Guide seit gestern Auskunft auf Apple Music. Unter 3D-Audio verstehe man einfach eine weitere Stufe der Wiedergabe, die dem realen Erleben von Musik im Konzerthaus oder der Open-Air-Bühne näher kommen soll.

Als Beispiel zieht Apple nicht von ungefähr den Marvin-Gaye-Song "What's Going On?" aus dem Jahr 1971 heran, der eine wesentliche Rolle in der Apple-TV+-Dokumentation "1971: Das Jahr, in dem die Musik die Welt veränderte" von Asif Kapadia spielt. Vor 50 Jahren ging gerade erst das Mono-Zeitalter in der Musikproduktion zu Ende, die Aufnahme klingt so, als spiele sich das Geschehen direkt vor einem ab. Auf beiden Hörmuscheln kommt das gleiche Signal an. In der Bluetooth-Speaker-Ära feiert Mono fröhliche Urständ, die meisten einfachen Lautsprecher sind Mono – und lassen sich nicht zu einem Stereopaar koppeln. Bei Kopfhörern ist das glücklicherweise anders.

Unterschiede äußern sich subtil

Und die brauchen wir auch, um den Unterschied zu hören. Von Mono zu Stereo ist ein gewaltiger Schritt, die Instrumente kommen gefühlt aus der Richtung, auf der sie auch auf der Bühne standen, Bass leicht rechts von der Mitte, in der die Stimme dominiert, das Saxophon etwas links versetzt. Man muss es beim Mix ja nicht übertreiben, wie es etwa auf frühen Platten von Bob Dylan passiert war: Gesang weit rechts, Gitarre weit links – an sich auf dem Kopfhörer kaum zu ertragen.

Mit 3D-Audio will Apple nun die Musik nicht nur von seitlich vorne kommen lassen, sondern aus dem gesamten Raum. So, als ob man nicht vor der Bühne stünde, sondern sich direkt zwischen die Musiker respektive ihre Instrumente begeben hat. Das gelingt auch bei dem 50 Jahre alten Soul-Klassiker, man muss aber schon ein wenig konzentriert hinhören. So richtig zwischen die Musik gelangt man nicht, es öffnet sich aber ein klar breiteres Spektrum und man hört einige Klänge, die im Stereobild nicht so klar waren – und im Mono-Mix vollkommen untergingen.

Nun ist die Aufnahme von "What's Going On?" nicht für Raumklang ausgelegt und trotz gewisser Komplexität im Arrangement und Vortrag ist Soul keine Klassik. Auch die gibt es jetzt in 3D Audio, ebenso andere Genres wie Rock, Hip-Hop, Country, Jazz oder Hits. Die Wiedergabelisten umfassen jeweils um die 100 Titel, wir können uns also ein wenig tiefer reinhören. Das gesamte Angebot von Apple Music will Apple auf Lossless Audio umstellen, also verlustfrei komprimierte Musik in CD-Qualität und sogar darüber. Einen Unterschied zum bisher verwendeten AAC hört man aber nur mit passender Hardware, drahtlos geht da gar nichts – weswegen auch die Airpods ausscheiden. Diese sind aber mit ihren W1- und H1-Chips in der Lage, 3D-Audio zu dekodieren und entsprechend wiederzugeben, ebenso einige Modell der Apple-Tochter Beats.

Das Panorama wird breiter, die Trennung der Instrumente klarer

Auf der Suche nach Unterschieden hören wir uns einerseits mit den Airpods Pro ein wenig durch das Angebot und zum Vergleich mit dem Qualitätsniveau der Airpods Pro entsprechenden Kopfhörern, mit und ohne Kabel. Die Referenzgeräte sind in der Wiedergabe von in Stereo gemischter Musik den Airpods Pro nicht unterlegen, man sollte also einen Unterschied zwischen Stereo und 3D hören.

Versuchen wir das zunächst im Konzerthaus von Luzern mit dem dortigen Orchester, das Richard Strauss' "Also sprach Zarathustra" aufführt, Sie wissen schon: das mit den Pauken. Klingt auch mit guten Stereolautsprechern fein, mit Airpods Pro braucht man keine Wunder erwarten, aber gefühlt geraten wir ein wenig näher an die Pauken heran, während das Windspiel scheinbar links über unserem Kopf zu hören ist. Der Gesamteindruck: Das Stereospektrum hat sich deutlich geöffnet. So etwas wie Rundumklang bekommen wir nicht. Aber vielleicht einen Eindruck, den der Dirigent am Pult hat.

Ob ein Album schon in Lossless oder gar als 3D-Audio vorliegt, verraten entsprechende Symbole in der Musik-App
Vergrößern Ob ein Album schon in Lossless oder gar als 3D-Audio vorliegt, verraten entsprechende Symbole in der Musik-App

Anderes Genre: Rock, "Wanted Dead Or Alive" von Bon Jovi. Geht hier aber auch mit einem Windspiel und anderem Geklimper los, ehe Richie Sambora mit der Westerngitarre einsetzt und John Bongiovì losjodelt. Die wie ein Kojote verzweifelt jaulende E-Gitarre ist verdammt weit hinten rechts zu hören – das Solo danach natürlich da vorne, wo es hingehört. In Bryan Adams "Summer of 69" aus der gleichen Ära erleben wir ein klar erweitertes Panorama der Rhythmusgitarre, die auf beide Seiten nach außen gemischt ist.

Nun sind diese Aufnahmen etwas älter – die von Dolby verwendeten Algorithmen ziehen den Sound gewissermaßen ein wenig in die Breite, insgesamt wird nach dem Mastering nicht mehr Information vorliegen, aber für ein breiteres Spektrum. Das kann theoretisch zu Lasten der Auflösung gehen, was wir so aber nicht hören können.

Mal in etwas neuere Musik reingehört, erst kürzlich aufgenommen, mit den Möglichkeiten von Dolby Atmos zumindest im Hinterkopf des Toningenieurs. Auch bei The Weeknd, St. Vincent oder Billie Eilish sind Unterschiede zu hören, was die Breite und gewissermaßen die Klarheit des Sounds betrifft. Wir fragen uns aber dennoch, wo die Grenzen sind, die man noch mit Airpods darstellen kann, die ja Stereokopfhörer sind und kein 5.1-System, bei der die Musik teilweise von hinten kommen sollte und der Bass gewissermaßen von überall.

Den besten Vergleich zwischen Stereo und 3D-Audio bekommt man aber, schaltet man den Raumklang auf den Airpods ab. Dazu geht man über die Systemeinstellung für Bluetooth mit einem Tipp auf das Symbol "i" auf die Einstellung des Kopfhörers, hier wird dann ein Schieberegler sichtbar. In den kommenden Systemen iOS 15, iPadOS 15 und macOS Monterey wird es in der Musik-App einen Schalter geben, der für Stereo-Tracks Raumklang simuliert, da sollten ähnliche Algorithmen im Spiel sein wie beim Neumastering alter Aufnahmen für 3D-Audio. Die wahre Magie wird dann aber erst kommen, wenn schon beim Mischen der Aufnahmen Raumklang geplant ist . Apple wird noch in diesem Jahr ein Update für Logic Pro bringen, das entsprechende Tools enthalten wird.

Was es bringt

Braucht man Dolby Atmos? Die Frage ist diesmal ein wenig müßig, denn natürlich kommt man auch mit einem guten Stereomix und passenden Kopfhörer klar, dafür sind die meisten Aufnahmen ja auch abgemischt. Aber man bekommt es bei Apple Music für viele Songs und das ohne Mehrkosten. Um einen Unterschied bei der Auflösung von Apple Lossless zu AAC zu hören, ist hingegen zusätzliches Equipment notwendig, nicht einmal die Airpods Max können das im Kabelbetrieb reproduzieren. Aber auch Lossless gibt es ohne Aufpreis, was vielleicht dann doch Anlass sein könnte, die Mono-Bluetooth-Speaker der zu Ende gehenden iTunes-Ära einzumotten und sich eine vernünftige Anlage anzuschaffen. Noch viel mehr freuen wir uns aber auf den nächsten Besuch im Konzerthaus oder des Open-Air-Festivals.

Neu laden erforderlich

Wie Apple in einem Support-Dokument erläutert , muss man 3D-Audio-Tracks, von denen man bereits Versionen in Stereo auf seine Geräte geladen hat, neu herunterladen. Dabei löscht man zunächst die Stereofassung, die man auch zu hören bekommt, wenn man eine Wiedergabeliste aus Apple Music hört. Wenn ein Song bereits auf iPhone, iPad oder Mac geladen ist, kommt der auf die Ohren und nicht die Streaming-Version, die eine höhere Auflösung hat. Immerhin warnt ein Popup, wenn bestimmte Tracks in 3D-Audio vorliegen und man sich also eine neue Version laden kann, ein automatischer Austausch findet nicht statt. Gleiches gilt für Apple Lossless, wer sich aber mit allerlei hochwertiger Hardware die Mühe macht, überhaupt einen Unterschied zu AAC zu hören, wird vor dem letzten Schritt auch nicht zurückschrecken.

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