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Barrierefreiheit am Mac: Arbeit von zwei Jahrzehnten

09.10.2019 | 16:13 Uhr | Jan Schaller

Apple bemüht sich seit Jahren, eine barrierefreie Nutzung seiner Geräte zu ermöglichen. Mit den neuesten Versionen von MacOS und iOS wird dieses Ziel konsequent weiter verfolgt. Ein Überblick über die jüngsten Entwicklungen.

"Wake Up!" Und schon hört der Mac zu. "Open Photos!" Und die Fotos App öffnet sich. "Show Numbers!" Ziffern legen sich über jedes einzelne Bildschirmelement. In der Folge wird das so gewählte Foto per iMessage verschickt, ein Treffpunkt in Apple Karten markiert und auch dieser versendet. Alles nur mit der Stimme des Protagonisten.

Im knapp 90-sekündigen Demo-Clip zeigt Apple auf beeindruckende Art und Weise, was die Kalifornier unter barrierefreier Nutzung verstehen: Man soll seinen Mac, iPad oder iPhone so komplett nutzen können, wie es auch für Nutzer ohne Einschränkungen möglich ist. Das Promo-Video kommt dieser Vision schon sehr nahe, aber dafür ist es schließlich auch ein Werbevideo. Dennoch beeindruckt das Gesehene.

Das was an Science Fiction erinnert, ist das Resultat langjähriger Arbeit von Apples Team für Barrierefreiheit unter Führung von Sarah Herlinger und hört auf den Namen Voice Control. Voice Control soll die Barrierefreiheit unter MacOS, iOS und auch iPadOS drastisch verbessern, indem es eine vollständige Steuerung per Stimme ermöglicht, vorerst jedoch nur in den USA und auf Englisch, versteht sich. 

Apple fährt hier eine Doppelstrategie. Zum einen wird eine API, also eine Programmierschnittstelle bereitgestellt, damit App-Entwickler die volle Funktionalität von Voice Control nutzen können. Zum anderen sollen macOS Catalina und iOS 13 bzw. iPadOS schon eine eingebaute Grundfunktionalität mitbringen. Das Feature funktioniert also – zumindest grundlegend – systemweit. So erklärt Herlinger im Podcast "Parallel" , dass es immer möglich sein soll, per Sprachbefehle ein Nummernnetz über den Bildschirm zu legen. Jeder Knopf, Feld oder Label bekommt dann eine Nummer zugewiesen, sodass man zielsicher sagen kann, was man gerade drücken, regeln oder mit Text befüllen möchte. So können Bedienelemente, App Icons oder Dateien ausgewählt und gedrückt werden, auch wenn eine Anwendung die API noch nicht implementiert hat. Ob auch deutscher Nutzerinnen und Nutzer direkt von Anfang an in den Genuss kommen werden, ihre Geräte per Sprache zu steuern, ist allerdings noch offen.

Engagement über Jahre

Letztendlich ist Voice Control aber nur das vielleicht beeindruckendste Beispiel von Apples Bemühungen, seine Geräte möglichst zugänglich für alle zu gestalten. CEO Tim Cook sagte in einem Interview 2017 , dass Barrierefreiheit ein Menschenrecht sei. Große Worte. Und es ist das eine, was ein Firmenchef öffentlich sagt, etwas völlig anderes aber, was letztlich wirklich passiert. Allein: Apple lässt den Worten Taten folgen. Mal nur Symbolisches, mal wirklich handfeste Neuerungen wie eben Voice Control.

Barrierefreiheit ist dabei schon lange ein Thema. Bereits seit 10 Jahren finden sich Accessibilty-Features auf iOS-Geräten. Das iPhone 3GS machte den Anfang und führte Voice Over ein. Wenn Voice Over eingeschaltet ist, werden alle Elemente der Bedienoberfläche vorgelesen, wenn man sie berührt. Ein unschätzbarer Zugewinn für Blinde und Sehbehinderte. Über die Jahre kamen immer mehr Erleichterungen hinzu, sei es eine bessere Unterstützung für Hörgeräte oder "Live mithören". Gerade in lauten Umgebungen ist es für manche Menschen nicht einfach, das Gesagte zu verstehen und Umgebungsgeräusche herauszufiltern. Das iPhone kann hier als Mikrofon dienen und Stimmen direkt ans Hörgerät oder auch Airpods übertragen.

Dieses jahrelange Engagement wird auch entsprechend honoriert. Immer wieder erhält Apple Preise von verschiedenen Behinderten-Verbänden. 2018 verlieh beispielsweise das Zentrum für Hören und Kommunikation (CHC) den Eleanor-Roosevelt-Preis an das Unternehmen für seine Bemühungen, größtmögliche Barrierefreiheit zu erreichen.

Symbolik, die auch wirklich hilft

Zu den symbolischen Veränderungen hin zu größere Barrierefreiheit gehört auch, die sehr umfangreichen Einstellungsmöglichkeiten nicht mehr in den Untiefen der Einstellungen-App zu versenken. Bisher musste man in die Einstellungen gehen, dann auf "Allgemein" klicken und fand erst dort den Punkt "Bedienungshilfen". Vielen wird das wohl nicht einmal aufgefallen sein, obwohl sich hinter diesem unscheinbaren Punkt eine ganze Sammlung nützlicher Features versteckt. Mit iOS 13 bzw. iPadOS ändert sich das nun. Apple beendet das Versteckspiel und zieht den Menüpunkt auf die oberste Ebene, sodass er schneller zu erreichen und prominenter platziert ist.

Für mehr Sichtbarkeit wird auch eine weitere Neuerung ab Herbst sorgen. So wird der Einrichtungsprozess nun um den Punkt Barrierefreiheit ergänzt. Es wird nun nicht mehr nur nach Face oder Touch ID, dem WLAN-Passwort und anderen essentiellen Informationen gefragt, sondern auch, ob man bestimmte Bedienungshilfen nutzen möchte. Falls ja, können sie direkt zu Beginn an die persönlichen Anforderungen angepasst werden.

Beide Punkte kann man unter Symbolik abtun. Ich glaube aber, dass deutlich mehr dahinter steckt. Vielen dürfte nicht bewusst sein, welch umfangreiche Hilfsangebote zur Verfügung stehen. Und damit Apples Bedienungshilfen für einen selbst infrage kommen können, muss man auch nicht wie der Protagonist in Apples Werbevideo im Rollstuhl sitzen und in seinen motorischen Fähigkeiten massiv eingeschränkt sein. Das Angebot setzt in meinen Augen sehr viel niedrigschwelliger an. So kann man auch jetzt schon unter iOS 12 eine Art Dark Mode nutzen. Unter "Bedienungshilfen -> Display anpassen -> Farben anpassen" lässt sich die Option "Intelligent" auswählen, die dazu führt, dass helle Flächen dunkel werden – und umgekehrt. Im Gegensatz zu normalem Farbinvertieren geht das Betriebssystem aber behutsamer vor, was beispielsweise die Farben von App Icons unangetastet lässt, während Apps mit viel Weißfläche nun in Schwarz daherkommen. Sicher kein perfekter Dark Mode, der kommt schließlich im Herbst mit iOS 13. Auf jeden Fall aber schon nahe dran. Nicht umsonst nannte Sarah Herlinger, Apples globale Verantwortliche für Barrierefreiheit, Smart Inverted Colors und den neuen Darkmode "Geschwister".

Und so wird diese Möglichkeit auch jetzt schon für den ein oder anderen spannend sein. Selbst ohne eine Sehbehinderung im klassischen Sinne gibt es Nutzerinnen und Nutzer, die mit diesem dunkleren Erscheinungsbild besser zurechtkommen. Ich gehöre zu ihnen. Diese Möglichkeiten stärker in den Mittelpunkt zu stellen oder überhaupt erst ins Bewusstsein zu rücken hilft allen.

Barrierefreiheit zweckentfremden

Ein weiteres Feature, das eigentlich mit Blick auf Barrierefreiheit entwickelt wurde, garantiert aber auch nicht nur für diese Zielgruppe interessant sein wird, ist die Unterstützung von Mäusen. Zwar gab es auch schon in früheren Versionen die Möglichkeit, statt des eigenen Fingers Bedienhilfen mit einem Cursor zu nutzen, wenn man selbst nicht dazu in der Lage ist. Allerdings war hierfür spezielle Hardware nötig. Nun wird es möglich sein, eine x-beliebige USB-Maus und wohl auch Bluetooth-Mäuse ans iPad (und sogar das iPhone) anzuschließen, um es mit einem Cursor zu nutzen.

Apple bewirbt die neue Fähigkeit zwar zurückhaltend als Accesibility-Feature, welches sich nicht an den Mainstream-User richtet. Und auch der etwas klobige Mauscursor erinnert wenig an einen klassischen Mauszeiger. Dennoch kommt man nicht umhin festzustellen, dass man sein iPad nun mit einer Maus bedienen kann. Ich bin mir absolut sicher, dass man ein solches Set-Up in Zukunft durchaus auch bei Nutzern zu Gesicht bekommen wird, die ihr iPad eigentlich auch per Touch nutzen könnten. Wer sein iPad mit einer Tastatur nutzt und zum Beispiel unterwegs nur damit arbeitet, wird unter Umständen Probleme mit der Ergonomie bekommen. Das ständige Wechseln zwischen Tastatur und Touchscreen ist nicht immer effizient. Eine Maus kann hier durchaus eine Option sein. Nicht umsonst handelt es sich hierbei um das wichtigste Eingabegerät neben Tastaturen der letzten Jahrzehnte.

Mehr als nur ein Werbegag

Barrierefreiheit ist an vielen Orten bei Apple ein Leitgedanke. Auch Night Shift fällt in meinen Augen darunter, da es Menschen hilft, die Nutzung ihrer Apple Geräte angenehmer zu gestalten. Accessibility funktioniert halt auch im Kleinen.

Oder in der physischen Welt. Denn auch das ist nicht selbstverständlich, aber auch hier tun sich die Kalifornier wohltuend hervor. Es gibt beispielsweise eine Audiodeskription von Keynotes für anwesende Besucherinnen und Besucher. Ebenso verfügt jeder Apple Store über ein „Audio-Kit" für Hörbehinderte, um "Today at Apple"-Sessions und Genius Bar Termine zugänglicher zu machen.

Das zeigt für mich, dass Barrierefreiheit umfassend gedacht wird und nicht nur als "Nice to have".

Apple positioniert sich unter Tim Cook immer mehr als ethisch gutes Unternehmen. Neben Umweltschutz und einem besonderen Augenmerk auf Privatsphäre wird nun Barrierefreiheit deutlich prominenter platziert. Das ist natürlich auch davon getrieben, sich im Wettbewerb mit Google, Samsung und anderen zu abzuheben. Wie könnte es auch anders sein bei einem börsennotierten Unternehmen, das schon von Gesetzes wegen dazu verpflichtet ist, die Interessen seiner Anleger zu befriedigen.

Dennoch sind die Bestrebungen zu größerer Barrierefreiheit mehr als nur der nächste Versuch, den Aktienpreis nach oben zu treiben. Die Ernsthaftigkeit und der Umfang an Hilfen ist bemerkenswert und hilft vielen. Allein mit einem größeren Markterfolg lässt sich das nicht erklären. Dazu ist die Zielgruppe zu klein und der Aufwand zu groß. Eine Rolle spielt es freilich dennoch. Das ist in meinen Augen aber unerheblich, denn Technik, die sich leichter benutzen lässt, kommt auch denen zugute, die nicht unbedingt darauf angewiesen sind. Und wenn sich eines festhalten lässt, dann das: Inklusive Technik ist gute Technik.

Wer mehr über Barrierefreiheit unter macOS, iOS und iPadOS erfahren möchte, kann sich hier sehr ausführlich informieren .

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