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Das iPhone als Diabetes-Manager

04.03.2022 | 15:30 Uhr |

Noch kann die Apple Watch nicht den Blutzucker messen, doch das iPhone kann bereits jetzt Betroffenen beim Management der Erkrankung helfen.

Die Apple Watch entwickelt sich immer mehr zu einem Gesundheits-Gadget: sie beobachtet die Herzfrequenz und macht ein EKG um Vorhofflimmern festzustellen, misst die Sauerstoffs√§ttigung, warnt vor zu lauten Ger√§uschen und protokolliert die Fitness und den Schlaf. Schon seit einigen Jahren warten einige Apple-Kunden aber auf eine Funktion, die einen Durchbruch bedeuten w√ľrde: Das Messen des Blutzuckerspiegels √ľber einen Sensor an der Unterseite der Apple Watch . Menschen, die ein Risiko f√ľr einen Diabetes haben oder daran erkrankt sind, w√ľrde dies eine nicht-invasive und kontinuierliche Kontrolle ihres Blutzuckerspiegels erlauben, ohne sich st√§ndig in den Finger pieksen zu m√ľssen.

Medizintechnik muss zuverlässig funktionieren

Glaubt man j√ľngsten Berichten , dann wird diese Funktion in der Apple Watch auch noch einige Jahre auf sich warten lassen, denn sie ist keine Lifestyle-Funktion wie der eingebaute Schrittz√§hler, bei dem eine ann√§hernde Genauigkeit ausreicht. Eine Blutzuckermessung mit einem Hautsensor muss in gleichem Masse medizinisch genau und zuverl√§ssig sein, wie die klassische Messung mit einem Tropfen Blut aus dem Finger und anschlie√üender Analyse in einem separaten Messger√§t. Dieses Ma√ü an Zuverl√§ssigkeit l√§sst sich nur durch klinische Studien mit ausreichend Testpersonen validieren. Die Blutzuckermessung w√ľrde dann einem zugelassenen Medizinprodukt entsprechen. Das kostet Zeit, vor allem in den USA vor der amerikanischen Gesundheitsbeh√∂rde FDA. Hinzu kommt, dass der Sensor nicht nur im Labor, sondern auch im Alltag technisch zuverl√§ssig arbeitet muss.

So muss der Diabetes-Patient diesbez√ľglich noch Geduld zeigen. Doch auch die heutigen Generationen von Apple Watch und iPhone k√∂nnen Patienten beim Management ihrer Erkrankung gut helfen. Dabei passiert das Wichtigste quasi nebenbei, n√§mlich auf psychologischer Ebene: alleine dadurch, dass sich der Patient √ľber die Technik intensiver mit seiner Krankheit und dar√ľber mit seiner Gesundheit allgemein mehr besch√§ftigt, ist er eher bereit, Schw√§chen und Optimierungsm√∂glichkeiten in seinem Lebensstil zu erkennen und etwas daran zu √§ndern. Auch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er seine Therapie noch genauer befolgen wird, da er √ľber Apple Watch und iPhone ein gutes Feedback erh√§lt, das ihm Sicherheit und Motivation gibt, dass er beim Management seines Diabetes selbst aktiv mitwirken kann.

iPhone und Apple Watch als Gesundheitsmanager

Zum anderen wirkt die technische Unterst√ľtzung nat√ľrlich medizinisch, direkt auf die Erkrankung. Denn die einfache Erfassung und Dokumentation der Messwerte erlaubt es zu kontrollieren, ob der Blutzucker gut eingestellt ist, ob die Dosis und eingesetzten Medikamente gut wirken, auf Entgleisungen zu reagieren, dem Arzt die Messwerte vorzulegen, an Messungen und Medikamenteneinnahme zu erinnern. Vieles davon wurde vorher vielleicht nur √ľber ‚Äědaran denken‚Äú oder aufschreiben erledigt ‚Äď und √∂fter auch mal dadurch vernachl√§ssigt oder vergessen oder falsch eingetragen. ‚Ä®‚Ä®Wer regelm√§√üig seinen Blutzucker messen will oder muss, hat dies m√∂glicherweise bisher mit einem herk√∂mmlichen Blutzuckermessger√§t und durch Aufschreiben der gemessenen Werte in einem Messtagebuch erledigt. Das erfordert, vor allem bei mehrmaligem Messen t√§glich, ein hohes Ma√ü an Disziplin. Eine grafische Auswertung der Messdaten, die einen Verlauf abbilden k√∂nnen, ist so direkt nicht m√∂glich. Auch kann das Messtagebuch verloren gehen.

Blutzuckermessgerät von Beurer
Vergrößern Blutzuckermessgerät von Beurer
© Beurer

Moderne Blutzuckermessger√§te senden die Messdaten automatisch per Bluetooth nach dem Messen an die dazugeh√∂rige App auf dem iPhone. Die meisten Hersteller von Blutzuckermessger√§ten wie zum Beispiel Medisana, Beurer, iHealth oder OneTouch haben ihre Ger√§te mittlerweile so ausgestattet. In der App des Herstellers hat der Patient dann fortan seine aktuellen Messdaten immer dabei, kann sie sich zur besseren Darstellung eines Verlaufs grafisch darstellen lassen, seinem Arzt ein PDF mit den Daten per E-Mail zur Auswertung schicken. Wer seine √ľbrigen Gesundheitsdaten wie Fitness, Puls, Gewicht, Blutdruck und dergleichen lieber in Apples Health-App zentral sammelt, kann zumindest bei den Apps von Medisana, Beurer, iHealth und OneTouch seine Blutzuckermessdaten dort importieren. Bei anderen Herstellern sollte man das vor dem Kauf eines Blutzuckermessger√§tes abkl√§ren, wenn ein Datenabgleich mit Apple Health gew√ľnscht ist.

Blutzuckermessgerät von iHealth
Vergrößern Blutzuckermessgerät von iHealth
© iHealth

Patienten, die kontinuierlich ihren Blutzucker messen m√ľssen, greifen h√§ufig auf CGM-Klebesensoren (CGM = Continous Glucose Monitoring) wie von Freestyle oder Dexcom zur√ľck. Sie werden wie ein Pflaster zum Beispiel am Oberarm aufgeklebt und eine kurze flexible Nadel misst alle paar Minuten automatisch den Glukosegehalt in der Gewebefl√ľssigkeit des Unterhautfettgewebes. Die Messdaten funkt der Sensor per NFC (Nahfeldkommunikation) oder Bluetooth an die Hersteller-App auf dem iPhone, Dexcom stellt auch eine App f√ľr die Apple Watch bereit. Die Apps dokumentieren nicht nur die Messdaten, sondern warnen den Patienten auch, wenn eine Messung zu hohe Werte ergeben hat oder wenn eine gef√§hrliche Unterzuckerung droht.

Blutzuckermessgerät von Medisana
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© Medisana

Diabetes per App kontrollieren

Um Applewatch oder iPhone zum Diabetes-Management zu nutzen, muss man aber nicht unbedingt in neue Ger√§te investieren. Es gibt gute (oft auch kostenlose) Diabetes-Apps, die auf dem iPhone und der Apple Watch laufen und beim Management der Krankheit helfen. Sie verbinden sich nicht nur mit dem Blutzuckermessger√§t des Patienten, sofern es Bluetooth versteht, und dokumentieren so die Messwerte. Sie unterst√ľtzen auch den Patienten: je nach App erinnern sie auch an die Medikamenten- und Insulineinnahme, Messzeitpunkte, alarmieren bei tendenziell zu hohen Blutzuckerwerten, verwalten auch Blutdruck, Bewegung oder Gewicht, um einen gesunden Lebensstil zu f√ľhren, und helfen beim richtigen Umgang mit Lebensmitteln.

Apple Health: Verwaltung der Werte
Vergrößern Apple Health: Verwaltung der Werte

Gute Apps sind jedoch schwer zu finden, schlie√ülich gibt es Dutzende allein im deutschsprachigen App-Store. Die Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Technologie der Deutschen Diabetes-Gesellschaft hat zusammen mit Partnern in ihrem (mittlerweile pausierten, da in √úberarbeitung befindlichen) Projekt DiaDigital Diabetes-Apps gepr√ľft und mit einem Qualit√§tssiegel ausgezeichnet. Die Experten empfehlen u.a. die Apps Diabetes Tagebuch von Jommi Online und Mytherapy von Smartpatient. Sie helfen dem Patienten bei seiner Erkrankung und legen Wert auf Datenschutz. Fast schon als Kumpel des Patienten, der ihn auch ermahnt und motiviert und auffordert, wenn er beim K√ľmmern nachl√§ssig wird, sieht sich die aus √Ėsterreich stammende App mysugr , die laut eigenen Angaben weltweit rund zwei Millionen Nutzer haben soll.

Wer ein Blutzuckermessger√§t ohne Bluetooth besitzt oder seine Messwerte nicht automatisch an das iPhone √ľbertragen, sondern lieber manuell notieren will, kann die iPhone-App Diabetes connect anschauen, um seine Messdaten einzutragen. In die Rubrik Tagebuch lassen sich die Blutzucker-Werte eintragen, daneben auch Blutdruck und Puls sowie Gewicht und diese Daten grafisch darstellen. Die App erzeugt auch ein PDF aus den Daten, um es zum Arzt zu senden. Ferner lassen sich Mahlzeiten und Sport hinzuf√ľgen sowie Insulin und Medikamente verwalten.

Eine Frage des Datenschutzes

Jedoch muss man den meisten App-Anbietern blind vertrauen, dass sie mit den pers√∂nlichen Daten ihrer Kunden nicht hausieren gehen. Schlie√ülich speichern fast alle Apps die Messdaten in der Cloud. Das bringt zwar Sicherheit, denn die Daten k√∂nnen dadurch nicht verloren gehen und stehen √ľberall zur Verf√ľgung. Wo die Server stehen und ob sie der europ√§ischen Datenschutzverordnung unterliegen, das verraten die Anbieter jedoch nicht immer in ihrer Datenschutzverordnung. W√§hrend beispielsweise Medisana (speichert in Deutschland) und iHealth (Frankreich) ihre Server in der EU stehen haben und damit der europ√§ischen Datenschutzrichtlinie unterliegen, speichern Beurer, OneTouch, Dexcom und Freestyle die Daten ihrer Kunden auch au√üerhalb der EU.

Da der Patient zudem immer ein Kundenkonto einrichten muss, sollte man darauf achten, zum Anmelden eine bislang unbenutzte Mail-Adresse zu verwenden, die zudem keine pers√∂nlichen Informationen enth√§lt wie Name oder Adresse. Das erschwert bei unberechtigtem Datenzugriff, die eigenen Messdaten mit anderen Accounts des Patienten zu verkn√ľpfen.

Die Apps sind zudem immer nur als Tool zu verstehen. Patienten sollten keine Eigendiagnose anhand der Daten und Statistiken stellen, √Ąnderungen am Verlauf immer mit dem Arzt besprechen und nicht etwa eigenm√§chtig die Therapie √§ndern. Experten raten zudem, sich nicht von den Daten abh√§ngig zu machen, sondern sie nur therapiebegleitend zu sehen.

Der Notfallpass der Health-App
Vergrößern Der Notfallpass der Health-App

Besonders f√ľr Diabetiker, die Insulin spritzen, k√∂nnen auch die Notfall-Funktionen von Apple Watch und iPhone n√ľtzlich sein, um beispielsweise bei einer drohenden Unterzuckerung bei einer Wanderung fernab der Zivilisation oder abends unterwegs auf menschenleerer Stra√üe, Hilfe rufen oder Angeh√∂rige informieren zu k√∂nnen. In so einem Fall kann auch eine aktivierte Sturzerkennung in der Apple Watch sowie gepflegte Notfallkontakte und ein informativer Notfallpass im iPhone lebensrettend sein. Ist keine Apple Watch gew√ľnscht oder vorhanden, k√∂nnen auch Sturzarmb√§nder anderer Anbieter √ľber das iPhone Hilfe holen.

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