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Die Touch Bar in der Praxis: Lohnt sich der Aufpreis?

02.12.2016 | 12:12 Uhr |

Die neuen Macbook Pro haben einen Touchscreen statt Funktionstasten. Tolle Idee, die in der Realität noch nicht ganz hält, was sie verspricht

Neue Eingabemethoden- und -Geräte erfordern immer Eingewöhnung und Anpassung. Zwei Herausforderungen, die viele Menschen nicht unbedingt besonders schätzen. Dies gilt auch für die neue Touch Bar des Macbook Pro . Keine Funktionstasten, sondern eine Touch-Displayleiste, für die Apple ein eigenes, der Apple Watch ähnliches, Subsystem aus Hard- und Software in das Macbook eingebaut hat – wofür sogar der Akku gegenüber dem Modell ohne Touchbar schrumpfen musste.

Zunächst spricht für die Touch Bar, dass die Funktionstasten unter macOS ohnehin kaum eine Rolle spielen. Kein F5 im Browser oder Alt-F4, um Programme zu beenden. Deshalb hatte Apple die Funktionstasten schon vor vielen Jahren primär für die Mediensteuerung, Lautstärke, Displayhelligkeit und Ähnliches umfunktioniert. Die Touch Bar geht hier noch deutlich weiter und soll kontextbezogene Tasten mit grafischer Darstellung anzeigen und so Arbeitsabläufe einfacher machen.

Die Einstellungen für die Touch Bar
Vergrößern Die Einstellungen für die Touch Bar

OLED mit Retina-Auflösung

Die Touch Bar ist in erster Linie ein Touchscreen. Die Auflösung der Touch Bar liegt bei 2170 mal 60 Pixel. Apple sagt dazu: Retina-Auflösung und OLED-Technik. Das klingt zunächst sehr gut. Dazu sei die Touch Bar so konstruiert, dass der ideale Betrachtungswinkel so angelegt ist, wie der Nutzer vor dem Laptop sitzt. Wie gut schlägt sich die Touch Bar als Display? Relativ enttäuschend. Denn trotz „OLED“ und „Retina“ wirkt die Darstellung auf der Touch Bar ein wenig blass und pixelig.

Final Cut ist bereits an die Touch Bar angepasst
Vergrößern Final Cut ist bereits an die Touch Bar angepasst

Das mag Meckern auf hohem Niveau sein, denn immerhin reden wir hier von Tasten, die Ihre Funktion adaptiv in Echtzeit und in Farbe zeigen, Fotominiaturen oder Piktogramme darstellen können. Dennoch wirkt die Darstellung auf der Touch Bar deutlich schlechter als auf dem Hauptbildschirm des Macbook. Apple hat hier die Prioritäten zwischen Darstellung, Stromverbrauch und Preis nicht unbedingt voll zu Gunsten der Darstellung ausfallen lassen. Aber womöglich war es ohnehin nicht einfach, einen Zulieferer zu finden, der einen Touchscreen mit 2170 mal 60 Pixeln liefern kann.

Selbstverständlich auch Pages, Apples Schreibprogramm
Vergrößern Selbstverständlich auch Pages, Apples Schreibprogramm

Touch Bar in der Praxis

Immer nützliche Tasten zur Hand haben, die zum Kontext unser Arbeit oder Unterhaltung passen. Das ist die Erwartung an diese neue Tastaturerweiterung. In vielen Szenarien ist auch so. Beispielsweise die Scrubbingleiste, die durch Internetvideos spulen lässt, ist eine kleine, aber tolle Idee. Youtube- oder Facebook-Videos zu spulen und dabei im ungestörten Vollbildmodus ohne jedes Overlay zu bleiben: super! Sogar nicht überspringbare Youtube-Werbung kann man so bis zum Ende vorspulen, was sonst nicht geht.

Mit Fotos in macOS zeigt die Touch Bar ihre Qualitäten
Vergrößern Mit Fotos in macOS zeigt die Touch Bar ihre Qualitäten

Auch in anderen Situationen ist die Touch Bar toll. Die vom iPhone bekannten Wortvorschläge beim Schreiben in Safari-Textfeldern ist prima. Auch einigen Apple-Anwendungen ist die Touch Bar bereits prima integriert. Safari-Tabs mit kleiner Vorschau wirken super, ebenso bei Systemdialogen, deren Auswahlmöglichkeiten auf der Touch Bar angezeigt werden.

Manche Apps werden produktiver mit der Touch Bar.
Vergrößern Manche Apps werden produktiver mit der Touch Bar.

In angepassten Programmen zeigt die Touch Bar kontextabhängige Zusatztasten an. Formatierungswähler für Texte, Steuerungsknöpfe, Kurzbefehle und so weiter. Das ist in vielen Fällen nett bis sehr praktisch.

Der Aufbau der Touch Bar

Um zu verstehen, wie die Touch Bar aufgebaut ist: Es gibt hier grundsätzlich mehrere Bereiche, die App-Tasten und den Kontrollbereich. Letzterer sitzt rechts und enthält die Steuerung für Displayhelligkeit und Co. Der App-Bereich ist der größere, der beispielsweise Scrub-Leiste oder spezielle Tasten einer Anwendung enthält. Unterstützt eine Anwendung die Touch Bar nicht, zeigt diese nur den Kontrollbereich rechts und die Escapetaste links an. Der große App-Bereich bleibt leer.

Auch Hilfsprogramme wie der Rechner profitieren davon
Vergrößern Auch Hilfsprogramme wie der Rechner profitieren davon

Das ist leider außerhalb des Apple-Universums noch selten anders. Apples eigene Anwendungen sind meist bereits gut angepasst. Dabei gibt es auch nette kleine Überraschungen: Eine Bildschirmaufnahme (Screencapture) mit dem Quicktime-Player zeigt, wie lange die Aufnahme läuft, wie groß die Datei bereits ist und hat einen Stop-Knopf, um die Aufnahme zu beenden. Toll! In vielen verbreiteten Anwendungen passiert jedoch nichts – Microsoft Office zum Beispiel - und gerade ältere Versionen von Programmen werden wohl leider nie eine Unterstützung der Touchbar erhalten.

Was bringt Touch ID auf dem Mac?

Mit der Touch Bar kommt auch Touch ID auf das Macbook. Dies ist beim iPhone und iPad inzwischen schon gut etabliert und hat erfolgreich die Codesperre abgelöst, beziehungsweise ergänzt. Am Mac ist dies eine Neuheit. Touch ID soll hier Passwörter ersetzen und durch kurzes Fingerauflegen ersetzen. Dies stimmt in der Praxis auch, aber nur bedingt. Bei einem Neustart benötigt das Macbook immer das Nutzerpasswort. Installationen aus dem App Store lassen sich aber per Finger autorisieren, ebenso wie die Anmeldung nach dem Ruhezustand.

Oder die Systemsteuerung
Vergrößern Oder die Systemsteuerung

Ansonsten ist Touch ID bisher noch eher nutzlos. Es ist leider nicht möglich, alle seine Passwörter on- und offline mit Touch ID zu ersetzen. Dies wird in der Zukunft vielleicht möglich sein, aktuell noch nicht. Auch für Softwareinstallationen außerhalb des App Stores müssen wir meistens weiterhin unser Admin-Passwort manuell eintippen. Stand heute: sehr nett, aber noch nicht so hilfreich, wie es sein könnte.

Unter dem Touch-ID-Feld liegt auch der Power-Button des Macbook. Dieser hat bei dieser Generation kaum noch eine Funktion. Es schaltet sich automatisch ein, wenn der Displaydeckel geöffnet wird. Das Ausschaltmenü erscheint ebenfalls nicht mehr, wenn man den Powerknopf kurz drückt. Einzig für eine Notabschaltung (10s gedrückt halten) ist der Knopf noch wichtig.

Touch Bar manuell konfigurieren

Der größte Vorteil der Touch Bar: Sie lässt sich manuell vom Nutzer anpassen. Welche Tasten wollen wir, welche können verschwinden oder hinter einem Aufklappmenü lauern? Für allgemeine Systemfunktionen ist dies in den Systemeinstellungen problemlos möglich. Wer immer eine Taste für die Displaysperre oder „nicht stören“ auf der Touch Bar nutzen möchte, kann dies einfach tun.

In anderen Fällen bringt die Touch Bar leider noch wenig. Beispielsweise ist Microsoft Word noch nicht unterstützt. Und wenn ein Programm mit der Touch Bar nicht zusammenarbeitet, dann ist das aktuell nicht zu ändern. Leider ist es nicht möglich, beispielsweise sein Lieblings-Tastaturkürzel eines Programms manuell als Touch-Bar-Taste zu programmieren.

Auch die vorgegebenen Touch-Bar-Aktionen in Programmen, die Apples neue Leiste voll unterstützen, sind fix, wenn auch kontextabhängig. Umsortieren oder andere Befehle auf der Bar ablegen: nicht möglich.

Mit der eingebauten Touch ID ist es möglich, den Rechner zu entsperren oder dereinst mit Apple Pay auf Websites zu bezahlen.
Vergrößern Mit der eingebauten Touch ID ist es möglich, den Rechner zu entsperren oder dereinst mit Apple Pay auf Websites zu bezahlen.

Fazit: Lohnt das Touch-Bar-Modell?

Die vielen negativen Punkte klingen, als wäre die Touch Bar tatsächlich nur ein Gimmick ohne großen Alltagsnutzen. Das stimmt jedoch nur bedingt. Ja, das Konzept und die Umsetzung sind noch deutlich ausbaufähig. Mehr Anpassung, mehr Freiheit der Konfiguration. Wer tatsächlich produktiv arbeitet, der hat meistens seine eigenen kleinen Trampelpfade in Form von Lieblingsshortcuts oder favorisierten Abläufen, die von der Touchbar nicht zwingend so abgebildet werden.

Das Macbook Pro mit Touch Bar ist nicht nur eine Variante, sondern in Apples Produktpolitik das „richtige“ 13-Zoll-Pro, während das Non-Touchbarmodell eher als ein neues 13-Zoll-Macbook-Air positioniert wird, trotz der gleichen Optik. Das Touch-Bar-Modell hat mit dem Intel 6267U und Iris 550 deutlich mehr Power und mit vier Thunderbolt-Ports mehr Raum für die Arbeitsperipherie.

Die Touch ID ist neben dem Einschaltknopf untergebracht.
Vergrößern Die Touch ID ist neben dem Einschaltknopf untergebracht.

Wir erkaufen uns die Touch Bar mit einem etwas kleineren Akku gegenüber dem kleineren Modell und noch mehr fest verlöteten Bauteilen (SSD). Dazu erhöht die Touch Bar die Komplexität. Ein weiteres Element, das mit eigenen Schnittstellen von Entwicklern gezielt unterstützt werden muss. Und falls Apple entscheiden sollte, die Touch Bar in Zukunft wieder wegzulassen, wird sich kaum ein Entwickler diese Mühe noch machen wollen.

Um die Frage "Lohnt es sich, den Aufpreis für die Touchbar zu zahlen?" zu beantworten: Wir können keine universelle Empfehlung aussprechen. Es ist ein neues Konzept, das noch nicht voll im Mac-Ökosystem angekommen ist. Es hat in einigen Fällen bereits heute handfeste Vorteile und zeigt viel Potenzial. Aber es für sich genommen kein Kaufgrund für das neue Macbook Pro. Als Neuheit und Spielzeug funktioniert die Bar gut.

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