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Was Sie schon immer über die EM wissen wollten

20.05.2016 | 14:02 Uhr |

In drei Wochen geht es los und dann kommt keiner mehr dem Wahnsinn aus: In Frankreich steigt die 15. Fußball-EM.

Vergessen Sie ab dem 10. Juni ruhige Abende im Biergarten oder auf der Flaniermeile: Public Viewing! Vergessen Sie interessante Gespräche mit den Kollegen in der Mittagspause: Nur noch Fußball! Und vergessen Sie, irgendetwas anderes als über die Fußball-Europameisterschaft in der Zeitung zu lesen: Alle schreiben über das Turnier in Frankreich, also wir jetzt auch.

Aber hier sind ein paar Fakten, die Sie vielleicht noch nicht kannten und die Gelegenheitsfans in ihrem Umfeld vielleicht auch nicht. Glänzen Sie mit Detailwissen zu allerlei Fakten rund um die EM. Am 10. Juli steigt das Finale und dann ist alles vorbei – bis in zwei Jahren zur WM in Russland erneut das Fieber steigt.

Kapitel 1: Die Geschichte der EM

Wer war denn der erste Europameister? Hier haben wir eine überraschende Antwort. Denn das war die Ukraine. Und Georgien. Aber vor allem Russland. Eben alle zusammen in einer Mannschaft der Sowjetunion mit drei Georgiern, einem Ukrainer namens Juri Woinow und sieben Russen. Das Finale im Jahr 1960 wurde in Paris gespielt. Das passiert dieses Jahr auch, wobei 2016 streng genommen die EM im Vorort Saint Denis enden wird.

Die Europameisterschaft hatte einen Vorläufer, den es schon gut 30 Jahre vorher gegeben hatte: Den Europapokal der Nationalmannschaften. Daran nahmen vorwiegend Länder teil, die früher ganz oder teilweise dem Habsburgerreich angehörten. Österreich, Polen, Ungarn die Tschechoslowakei und Italien. England hatte als Mutterland des Fußballs 1930 auch die erste  Weltmeisterschaft ignoriert und hatte diesen Wettbewerb schon gleich gar nicht auf dem Schirm. In Deutschland waren in den 30er-Jahren leider ganz andere Arten der Leibesertüchtigung in Mode, Fußball wurde erst lange nach dem Krieg professionell. Anders als etwa in Ungarn. Der Europapokal der Nationalmannschaften wurde im Ligamodus ausgespielt, die Wettbewerbe zogen sich über zwei, drei Jahre hin - zuletzt in den Fünfziger Jahren.

Auch die ersten beiden Euromeisterschaften in den Jahren 1960 und 1964  waren  offiziell noch Europokale der Länder, mit Qualifikation in Gruppen (Ligamodus), Viertelfinals mit Hin- und Rückspiel, sowie einem "Final Four" an einem Ort: zwei Halbfinals, Spiel um Platz drei und Finale. Zum Ausrichter wurde einer der Halbfinalisten bestimmt, das war eben 1960 Frankreich, es folgten Endrunden in Spanien (1964), Italien (1968), Belgien (1972) und Jugoslawien (1976). Erst im Jahr 1980 gab es das erste Achterturnier, in Italien.

Die Engländer haben die EM noch eine ganze Weile lang ignoriert, immerhin nahmen sie an Weltmeisterschaften teil und haben wundersamer Weise die Ausgabe von 1966 tatsächlich auch gewonnen. Aber auch die Deutschen haben sich erst ab dem Wettbewerb von 1968 dafür interessiert, der vormalige Bundestrainer Sepp Herberger fand das Gekicke zwischen den Weltmeisterschaften eher störend.

Sein Nachfolger Helmut Schön hatte auch gleich einen üblen Start in die Euro und musste die erste und einzige Nichtqualifikation für den DFB verantworten, ein 0:0 in Tirana reichte nicht aus. Dafür klappte es dann beim nächsten Anlauf gleich mit dem Titel, den die womöglich beste DFB-Mannschaft der Geschichte holte. Im Viertelfinale gab es sechs Jahre nach dem verlorenen WM-Finale mit einem berauschenden 3:1 den ersten Sieg in Wembley überhaupt, Hoeneß, Netzer, Beckenbauer, Müller und Heynckes zauberten dann im Finale von Brüssel einen 3:0-Erfolg gegen die Sowjetunion auf den Rasen.

Wie heißt der Ball? Beaujolais? Nein - "Beau Jeu", also "Schönes Spiel". Na, hoffen wir drauf.
Vergrößern Wie heißt der Ball? Beaujolais? Nein - "Beau Jeu", also "Schönes Spiel". Na, hoffen wir drauf.
© adidas

Kapitel 2: Die Rekorde

Es folgten zwei weitere Titel für den DFB, der damit  Rekordsieger ist. Von der Sorte gibt es aber noch einen: Spanien, das auch drei Titel gesammelt hat. Die Deutschen gewannen 1972 in Brüssel, 1980 in Rom und 1996 in Wembley (!), die Spanier waren 1964 daheim erfolgreich, 2008 in Wien und 2012 in Kiew. Gastgeber Frankreich könnte mit einem Titelgewinn zum dritten Rekordsieger erwachsen, bisher gewann die Equipe Tricolore in den Jahren 1984 das Finale daheim und 2000 in Rotterdam.

Deutschland ist auch Rekordvizeeuropameister und damit also auch unter der Finalverlieren top. Dreimal ein EM-Finale verloren hat neben dem DFB (1976, 1992 und 2008) aber auch noch die Sowjetunion (1964, 1972 und 1988).

Kapitel 3: Spitz auf Knopf

Ein EM-Finale war’s, in dem erstmals bei einem großen internationalen Turnier ein Elfmeterschießen entschied. Die älteren werden sich an den Juni-Abend 1976 in Belgrad erinnern, einige nur ungern. Angeblich sucht einer der maßgeblichen Beteiligten noch heute den Ball, den er über die Latte drosch: Uli Hoeneß. Mit dem Fehlschuss des jungen Außenstürmers war das Spiel aber noch nicht vorbei, den letzten Elfer für die Tschechen und Slowaken löffelte ein gewisser Antonin Panenka in die Mitte des Tores, während Sepp Maier schon in der von ihm aus gesehen rechten Ecke lag und nur hilflos hinterher sehen konnte.

Erfunden hat das Elfmeterschießen in der heute noch praktizierten Form ein Schiedsrichter aus Bayern: Karl Wald. Schon eine Ironie, dass es der Bayern-Spieler Hoeneß war, der die Sache so richtig populär machte. Aber seither hat keine deutsche Nationalmannschaft mehr ein Elfmeterschießen verloren.

Die größten Elfer-Deppen der EM-Geschichte sind hingegen die Niederländer: Im Halbfinale 2000 schafften sie das Kunststück von  fünf Fehlschüssen gegen Italien. Zweimal verballerten sie in der regulären Spielzeit, drei weitere Elfer gingen im Elfmeterschießen nicht rein. Die allergrößten Elfer-Deppen der Geschichte sind aber natürlich die Engländer, die haben bei der EM schon drei Elfmeterschießen verloren: 1996 im Halbfinale daheim gegen Deutschland, 2004 im Viertelfinale in und gegen Portugal sowie 2012 gegen Italien. Daraus aber zu schließen, dass bei einem hypothetischen Elfmeterschießen Deutschlands gegen England im Halbfinale oder Finale Gary Lineckers Spruch von wegen "in the end the germans win" ganz automatisch wahr wird, ist mehr als abenteuerlich. Elfmeterschießen haben zwar eine psychologische Komponente, doch ein jedes beginnt wieder bei Null.

Warum muss Elfmeterschießen sein? Es gibt keine bessere Möglichkeit, ein Unentschieden nach Verlängerung aufzulösen. Einen Los-Entscheid, respektive einen Münzwurf hat es auch schon mal gegeben: Halbfinale bei der EM 1968, Italien gegen Sowjetunion. Die Verlosung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Schiedsrichterkabine statt, der Vertreter der Sowjetunion bestand zunächst auf einen Probewurf, den er dann auch gewann. Im entscheidenden zweiten Wurf fiel die Münze auf Italien. Das musste im Finale gegen Jugoslawien dann sogar in ein Wiederholungsspiel. Bei dem dicht gedrängten Spielplan mit K.O.-Spielen ab dem Achtelfinale ist das heute undenkbar – zumal ja auch ein Wiederholungsspiel unentschieden enden könnte. Das ein oder andere Elfmeterschießen wird beim Turnier 2016 ab dem Achtelfinale wieder dabei sein – freuen wir uns drauf.

Und die Entscheidung vom Punkt ist immer noch besser, als das, was man Mitte der Neunziger für eine Zeit lang aus dem Eishockey entlehnt hatte: Das Golden Goal. Läuft so ähnlich ab wie früher auf dem Bolzplatz, wenn das nächste Tor entscheidet. In der Verlängerung ist das erste, wenn keines fällt, gibt es dennoch Elfmeterschießen. Im Eishockey heißt das sudden death und so ähnlich läuft es auch ab: Zweimal hat ein Golden Goal ein Finale entschieden, 1996 war es Oliver Bierhoff, der den Tschechen (mittlerweile ohne die Slowaken) den "plötzlichen Tod" brachte und 2000 war es David Trezeguet, der die Italiener killte. Kurios: Sein Kollege Silvain Wiltord hatte erst in der vierten Minute der Nachspielzeit den Ausgleich geschossen, der die Verlängerung erst ermöglichte. Die Italiener sind an dem Abend in Rotterdam gewissermaßen gleich zweimal gestorben. Aber es gibt eine noch unglücklichere Idee: Das Silver Goal. Fällt in der ersten Hälfte der Verlängerung ein Tor, ist das Spiel noch nicht zu Ende, sondern es werden die 15 Minuten zu Ende gespielt. Der "Tote" kann dann also nochmal zurück kommen. Was in der Praxis nicht passierte, einmal entschied ein solches Silvergoal ein EM-Halbfinale, das Spiel Griechenland gegen Tschechien  im Jahr 2004. Charisteas hatte aber auch erst kurz vor Ende der ersten Halbzeit der Verlängerung getroffen, zu wenig Zeit für die Wiederauferstehung der Tschechen. Die Griechen wurden danach sogar noch Europameister, in ihrer Qualifikationsgruppe für das Turnier 2016 wurden sie hingegen Letzter. Noch hinter den Färöer-Inseln.

Das offizielle Logo der Europameisterschaft 2016 rückt den Pokal, um den es geht, in den Vordergrund.
Vergrößern Das offizielle Logo der Europameisterschaft 2016 rückt den Pokal, um den es geht, in den Vordergrund.
© UEFA

Kapitel 4: Der Modus

Gute Nachricht für Leute, die ungern Fußballspiele sehen, in denen es nur noch um die sprichwörtliche goldene Ananas geht: Es gibt seit 1984 (EM in Frankreich!) kein Spiel um den dritten Platz mehr. 1980 war das zwischen der Tschechoslowakei und dem Gastgeber Italien einer der schlimmsten Grottenkicks aller Zeiten, vielleicht deshalb. Ein Elfmeterschießen musste entscheiden, das schon wieder die Tschechoslowaken für sich entscheiden, auch wenn kein Panenka mehr dabei war.  Wer also in der K.O.-Runde verliert, ist raus. Siegen oder fliegen heißt es, vor vier Jahren war das dem DFB-Team passiert: Nach dem verlorenen Halbfinale in Warschau ging es nicht mehr zurück in die Ukraine sondern heim. Mal sehen, wann heuer der Flieger zurück nach Frankfurt geht – und ob vielleicht wie vor zwei Jahren beim Rückflug aus Rio de Janeiro ein Pokal mit an Bord ist.

Erstmals sind bei einem Endturnier 24 Teams mit dabei, der mittlerweile von allen Fußballämtern wegen Korruption gesperrte vormalige UEFA-Präsident Michel Platini wollte das so. Das macht aber den Modus eines Ausscheidungsturniers etwas kompliziert, 24 ist nun mal keine Potenz von 2 wie es die 16 ist (Turniere von 1996 bis 2012) oder die 32 (WM-Turniere seit 1998, Frankreich). Vorrundengruppen mit sechs Mannschaften hätten zwar einen gewissen Charme, könnten aber schon an deren vierten Spieltag langweilig werden, vor allem dann, wenn vier von sechs weiterkämen. Eine Zwischenrunde mit vier Dreiergruppen hat sich auch nicht bewährt (WM in Spanien, 1982). Also greift man auf den Modus zurück, in dem die FIFA von 1986 (Mexico) bis 1994 (USA) die WM spielen ließ: Sechs Gruppen mit je vier Teams, die jeweils ersten beiden sowie die vier besten Dritten kommen in das Achtelfinale. Die Gefahr besteht dann aber, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden und ein Gruppendritter, der es mit zwei sehr starken Teams zu hatte, trotz respektabler Ergebnisse nicht weiterkommt, dafür aber einer, der nicht ganz so starke Gegner hatte. Was hinzu kommt: Zwei Wochen lang wird gespielt, dann fahren erst acht von 24 Teams nach Hause. Schon ein paar Tage später müssen acht weitere Achtelfinalverlierer die Heimreise antreten. Der Modus lässt aber Mannschaften, die sich im Laufe eines Turniers zu steigern pflegen, bei einer unerwarteten Niederlage zum Auftakt noch etwas Hoffnung: Normalerweise sollten ein Sieg und ein Unentschieden für das Weiterkommen reichen. Also keine Sorge, der DFB wird es schon bis mindestens ins Achtelfinale schaffen.

Kapitel 5: Die Gegner

Auch mit diesen Gegnern, die manche für leicht halten – das typische Losglück des DFB halt wieder – andere aber durchaus auf Augenhöhe sehen.

Im ersten Spiel trifft die Mannschaft auf einen Bekannten aus alten Zeiten, mit dem man sich vor der WM 2002 in der Qualifikation duellieren musste:  Die Ukraine, die sich das erste Mal für eine Endrunde qualifiziert hat. Okay, sie sind nicht das erste Mal dabei, aber als Co-Gastgeber waren sie 2012 gesetzt. Und als Teil der Sowjetunion waren die Ukrainer im Jahr 1960 Europameister  und danach noch dreimal Vize. Unterschätzen darf man die Vertreter einer etablierten Fußballnation also nicht.

Die Einteilung der Gruppen. Deutschland in Gruppe C, das Turnier beginnt am 10. Juni mit dem Match Frankreich gegen Rumänien.
Vergrößern Die Einteilung der Gruppen. Deutschland in Gruppe C, das Turnier beginnt am 10. Juni mit dem Match Frankreich gegen Rumänien.
© Fotolia.de, pixelproHD

Im zweiten Spiel wartet ein alter und sehr guter Bekannter: Polen, die schon Gegner in der Qualifikation für dieses Turnier waren (2:0 für Polen im Hinspiel, 3:1 für Deutschland im Rückspiel). Auch anlässlich der EM 2008 traf man sich in Klagenfurt (2:0 für Deutschland) anlässlich der WM 2006 in Dortmund (Neuville mit dem 1:0 in der Nachspielzeit!) und anlässlich der WM 1974 in Frankfurt (Die Wasserschlacht mit dem 1:0 von Gerd Müller, das für den Finaleinzug reichte). Da war dann aber auch noch ein Grottenkick als Eröffnungsspiel der WM 1978 in Argentinien (0:0). Also: Man kennt sich und man schätzt sich. Scherzhaft ging Borussia Dortmund eine zeitlang als Polonia Dortmund durch, wegen Spielern wie Jakub Blaszczykowski, Łukasz Piszczek, Ebi Smolarek und Robert Lewandowski. Wieder beim DFB mit dabei ist der in Polen gebürtige Lukas Podolski, Miro Klose aber leider nicht mehr. Und was die Polen offensiv so drauf haben, hat der mittlerweile für den FC Bayern tätige Robert Lewandowski mit seinen 30 Saisontoren in der Bundesliga gezeigt. Wenigstens kennen ihn die Innenverteidiger Mats Hummels und Jerome Boateng aus ihren Klubs und wissen womöglich, wie man ihn kontrollieren kann. Einfach wird das Spiel gegen Polen dennoch nicht.

Der dritte Gegner Nordirland ist in der Tat jetzt das erste Mal dabei. Wir kennen die Nordiren aber aus der Qualifikation zur EM 1984 in Frankreich(!). Da hat das deutsche Team zweimal gegen die Jungs in grün-weiß verloren, aber dank der beiden Siege gegen Österreich und einem fürchterlichen Gerumpel gegen Albanien im November 1983 in Saarbrücken dann doch die Qualifikation für das Turnier in Frankreich geschafft. Dort ist man in der Vorrunde hochkant rausgeflogen.

Apropos Vorrundenaus: Das passierte noch zweimal, 2000 in Belgien und 2004 in Portugal. Wir fassen zusammen: Drei Titel, drei verlorene Finals, drei mal in der Vorrunde raus – eine interessante Bilanz! Fehlt an sich nur noch dreimaliges Ausscheiden im Halbfinale. Zwei stehen schon in der Bilanz...

Und apropos Nordirland: Geniale Spieler wie der Nordire George Best oder auch Leute wie Jari Litmanen aus Finnland, Ian Rush aus Wales und Andrej Schevtschenko aus der Ukraine haben es nie zu einer Euro  geschafft (Schevtschenko wenigstens mal zu einer WM).  Insofern ist es doch gut, dass jetzt 24 Teams dabei sind und damit auch solche Fußballer wie Gareth Bale (Wales) oder Zlatan Ibrahimovic (Schweden), der vor zwei Jahren bei der WM zusehen musste. Bei den Nordiren sticht diesmal niemand heraus, aber genau das könnte das Team gefährlich machen. Ist das Turnier für die Deutschen am Ende schon vorbei, bevor es richtig angefangen hat? Nein, glauben wir nicht wirklich. Aber dann wäre deutlich vor dem 10. Juli Ruhe in der Kantine...

Kapitel 6: Die Technik


Die Euro ist so groß wie nie, der technische Aufwand der übertragenden Sender ist mitgewachsen. Neben Bildern im Live-Fernsehen (in Deutschland praktisch alles im Free-TV) dient auch das Internet als Übertragungsmedium. Ist vor allem dann interessant, wenn am dritten Spieltag der Vorrunde die Partien gleichzeitig laufen. Aber Vorsicht: Live-Spiele sollte man so live wie möglich sehen, am besten über terrestrisches TV, das hat die geringsten Verzögerungen. Stellen Sie sich vor, der Nachbar vor dem Antennenfernseher jubelt schon über ein Tor von Thomas Müller, während Sie erst sehen, wie Sami Khedira den Ball im Mittelfeld erobert und nach draußen zu Marco Reus passt...

Aber auch auf dem Rasen gibt es spannende Technik zu bestaunen. Erstmals bei einer EM eingesetzt: Torkontrolle per Videobeweis, mit dem im Tennis bewährten System Hawk Eye. Im Gegensatz zum Turnier in Wimbledon gibt es aber im Fußball keine Challenges, bei der die Beteiligten eine Schiedsrichterentscheidung anzweifeln dürfen und sich durch ein bewegtes Bild aus der Aufzeichnung entweder bestätigt oder widerlegt sehen. Nur im wichtigsten Fall tritt der Videobeweis in Kraft: Hat der Ball mit seinem vollen Umfang die Torlinie überquert, informiert das System den Schiedsrichter über einen Alarm auf seiner Armbanduhr. Macht wenig Sinn bei klaren Toren, hatte aber vor zwei Jahren bei der WM in Brasilien durchaus in einem Fall weiter geholfen. Dort kam ein ähnliches System eine anderen Herstellers zu Einsatz: Goal Control.

Vor vier Jahren gab es beim letzten Gruppenspiel der Ukrainer gegen England eine Situation, da hätte Hawk Eye helfen können. Dem Torrichter und sogar den regulären Fernsehkameras war die Sicht versperrt, das "Wembley-Tor" von Kiew war nicht sicher eins, aber auch nicht sicher keins. Die sieben Spezialkameras, die bei Hawk Eye und Goal Control pro Tor zum Einsatz kommen, haben eine bessere Sicht und hätten eine recht eindeutige Entscheidung ermöglicht.

Das Runde muss ins Eckige: Hawk Eye Ltd. ist ein Tochterunternehmen von Sony. Je sieben Kameras pro Tor sehen genau, ob der Ball die Linie überschritten hat, der Schiedsrichter bekommt einen Alarm auf das Handgelenk.
Vergrößern Das Runde muss ins Eckige: Hawk Eye Ltd. ist ein Tochterunternehmen von Sony. Je sieben Kameras pro Tor sehen genau, ob der Ball die Linie überschritten hat, der Schiedsrichter bekommt einen Alarm auf das Handgelenk.
© Hawk Eye Ltd.

Torkontrolle mittels Hawk Eye ist seit dieser Saison in der Bundesliga im Einsatz, hat aber noch bei keiner strittigen Entscheidung den Unterschied gemacht. Die Torkontrolle per Videobeweis könnte auch bald in anderen Ländern bereit stehen und auch in unterklassigen Ligen. Das mag der Grund sein, warum sich FIFA und UEFA für das System mit Kameras entschieden haben, denn es ist wartungsfreier und günstiger als das an sich technisch reizvollere und noch genauere System Goal Ref. Dieses hat das Fraunhofer Institut entwickelt und es setzt nicht auf Optik, sondern auf ein Magnetfeld, das zwischen den Torpfosten und der Latte aufgespannt ist. Ein Chip im Ball erkennt dann stets, ob das Spielgerät vor oder hinter der Linie ist, auch dann, wenn ein Knäuel von Spielern die freie Sicht unterbindet. Für einen chronisch klammen Drittligisten wie Preußen Münster, SV Wehen-Wiesbaden oder dem Chemnitzer FC wäre das in deren Stadien auf Dauer aber kaum zu bezahlen.

Kapitel 7: Die Zukunft

Die Zukunft der Europameisterschaft ist zumindest 2020 paneuropäisch. Auch so eine Idee von Michel Platini. Es ist schwer, für derart große 24er-Turniere ausreichend solvente Ausrichter zu finden, also verteilt sich das nächste Turnier auf mehrere Länder. Gab es für das 16er-Feld schon in den Fällen Niederlande/Belgien (2000), Österreich/Schweiz (2008) und Polen/Ukraine (2012). Wenn also nicht jedes Turnier in den großen und reichen Fußballländern wie Frankreich, Deutschland (vermutlich wieder 2024) oder England steigen soll, sind zwei oder mehr Gastgeber eher die Regel als die Ausnahme. Zum Jubiläum 60 Jahre Europameisterschaft sind aber gleich 13 Länder Gastgeber. An sich ist das ja ein schöner Gedanke, das große, gemeinsame Haus Europa, das jede noch so teure Belastung tragen kann, wenn es kooperiert. Die Spiele der Vorrunde, des Achtel- und des Viertelfinals sind in vier Jahren auf 12 Städte in 12 Ländern aufgeteilt, Deutschland wird von München repräsentiert. Das Final Four - Erinnerung an die Urzeit des Turniers – steigt dann in Wembley. Wenn wir heute schon mal tippen dürfen: Wie schon 2013 (Championsleague...) wird keine englische Mannschaft dabei sein, diesmal aber höchstens eine deutsche.

In den Jahren 2018 und 2019 steht die nächsten Qualifikation an, 55 Verbände bewerben sich um die 24 Plätze im Hauptfeld, die Gruppen werden erst Ende 2017 ausgelost. In den Zeitraum von 2018 bis 2020 fällt dann aber noch so eine Platini'sche Kopfgeburt, die UEFA Nations League. In vier Divisionen spielen die Länderteams also wieder so eine Art von Europapokalsieger aus, es soll zwischen den Divisionen A bis D, in denen jeweils in Vierergruppen gespielt wird, auch Auf- und Absteiger geben. Zumindest ist das der Plan, ob der umgesetzt wird, ist nach Platinis Ausscheiden aus dem Amt mehr als fraglich. Oder ob die Nations League mit der Qualifikation zusammengeführt wird - das wäre ja auch denkbar. Wäre dann aber schade um Spiele wie die gegen Gibraltar oder San Marino. Oder auch nicht...

Für das Jahr 2024 ist dann wieder ein 24er-Turnier mit einem Gastgeber geplant. Das könnte Deutschland sein, aber momentan steht aber das ganze Thema DFB, UEFA, Nationalmannschaft und überhaupt Europa auf der Kippe. Genießen wir also europaweite Feste, so lange wir noch können.

Kapitel 8: Wer gewinnt

Wahrscheinlich einer der üblichen Verdächtigen. Titelverteidiger Spanien. Weltmeister Deutschland. Gastgeber Frankreich. Defensiv-Spezialist Italien. Elfmetertrottel England. Oder eben jemand ganz anderes. Außenseitersiege sind nie ganz ausgeschlossen, obwohl weder Dänemark (Europameister 1992) noch Griechenland (2004) diesmal dabei sind. Das Beispiel Premier League 2015/16 lehrt, dass es manchmal ganz anders kommen kann. Die Wettquoten auf den neuen Meister Leicester City lagen vor der Saison bei 5000:1.

Für die Euro steht Albanien an letzter Stelle der Tableaus der Buchmacher, mit einer Quote von rund 500:1. Österreich (Alaba! Junuzovic! Prödl!) hat eine passable Quote von 50:1 und steht daher im Mittelfeld. Die Nachbarn haben’s in der Vorrunde mit Ungarn, Portugal und Island zu tun, die anderen Nachbarn aus der Schweiz spielen gegen Albanien, Frankreich und Rumänien. Unser Tipp: Österreich kommt weiter, die Schweiz nur vielleicht. Und wer weiß: Vielleicht spielt Deutschland ja im Achtelfinale gegen Österreich oder die Schweiz? Im Viertelfinale wartet unter Umständen Italien, sollte der DFB das überstehen, ist alles offen.

Aber eins ist sicher: Ab dem 11. Juli - dem Tag nach dem Finale – werden Sie vor Fußball wieder verschont. Für nicht ganz zwei Jahre.

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