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Virtuelle Großveranstaltungen in Krisenzeiten

11.04.2020 | 08:33 Uhr | Peter Müller, Halyna Kubiv

Es geht nur darum, die Infektionskurve flacher zu bekommen: Soziale Kontakte vermeiden, Abstand halten. Zahlreiche digitale Alternativen zur analogen Großveranstaltung erleichtern die notwendigen Maßnahmen.

Osterfeiertage, bestes Wetter – zumindest im Süden. Doch wir bleiben daheim, von sportlichen Tätigkeiten allein oder Spaziergängen mit der Familie oder anderen Mitbewohnern einmal abgesehen. Doch, man darf sich dann schon auch mal für eine Pause in die Sonne setzen oder legen und ein Buch lesen oder einfach nichts tun, aber: Abstand halten. Keine Versammlungen. Nur so kann man das Virus unter Kontrolle halten, die Entwicklung der Infektionszahlen der letzten Wochen zeigt das. Jetzt gilt es, damit weiter zu machen. Auf Zerstreuung und Erbauung muss man deshalb nicht verzichten

Der Fußball hatte es im März zunächst mit Geisterspielen versucht: Außer den Akteuren wie Spielern, Schiedsrichtern, Betreuern und den Leuten vom Fernsehen keiner im Stadion. Hat leider nicht den gewünschten Effekt gebracht, weil sich die Fans dann eben zu Tausenden vor den Stadien trafen, um zünftige Coronaparties zu feiern. Seither ruht der Spielbetrieb, nicht nur beim Fußball. Die Eishockeyliga in Deutschland war schneller und konsequenter und hat als erstes den Betrieb eingestellt, die Meisterschaft 2020 fällt aus. Der Fußball denkt indes wieder über Geisterspiele ab Anfang Mai nach, um die Saison doch noch zu Ende zu bringen.

Apple kommt seiner Verantwortung nach: Die WWDC wird virtuell , es müssen keine 5000 Entwickler im Juni aus aller Welt nach Kalifornien reisen, um dort 1000 Apple-Ingenieuren die Hände zu schütteln und von ihnen zu lernen, das geht auch alles von daheim aus, vor dem Bildschirm. Für hiesige WWDC-Besucher bedeutet das anstrengende Nachtsitzungen, ist aber sicher das weit kleinere Übel, als mit Jetlag und Lungenentzündung aus den USA heimzukehren.

Mit einiger Phantasie kann man also Großveranstaltungen in den virtuellen Raum verlegen. Was beim Sport wegen der Unvernunft der Fans bisher nicht geklappt hat, geht anderweitig. Wir fürchten zwar auch, dass eine WWDC-Keynote ganz ohne Publikum nicht den Bruchteil der Magie einer der üblichen Apple-Shows entfaltet, an Informationen wird es ihr hingegen nicht fehlen. In diesem Artikel betrachten wir andere virtualisierte Veranstaltungen.

Bildung: Keine Ferien, sondern Fernlernen

Seltsame Stimmung am Freitag, den 20. März: Die Kinder freuen sich, dass die Schule jetzt drei Wochen lang ausfällt und die freie Zeit nahtlos in die Osterferien übergeht. Auch wenn Schüler von der Pandemie vermutlich weniger zu befürchten haben, sind die Schulschließungen kein Grund zur Freude, die Gründe haben wir unserem Nachwuchs eindringlich erklärt. Zudem handelt es sich nicht einmal um verlängerte Ferien, sondern nur um Ausfall des Präsenzunterrichts. Lernen sollen die Kinder zu Hause. Etwa ihr IT-Projekt alleine oder in der Kleingruppe fortführen, oder die längst auf dem Plan stehende Lektüre lesen. Übungsaufgaben wiederholt rechnen ist natürlich kein Fehler, neue Arbeitsblätter bekommt man digital.

Und hier zeigte sich in den drei Wochen vor den Osterferien die Schwäche der Schulen in Deutschland, die weiterhin stark auf Frontalunterricht und auf Präsenz ausgerichtet sind. Konzepte für selbstständiges Lernen fehlen ebenso wie eine digitale Infrastruktur im Klassenraum und dem Schulranzen. Wie war doch gleich noch mal die Vision von Steve Jobs von vor zehn Jahren? Anstatt jede Menge an Schulbüchern sollen die Kinder lieber nur ein iPad herumschleppen. Das war schon etwas konkreter als die Idee von Schröders Bildungsministerin Edelgard Bulmahn etwa zehn Jahre zuvor, nach der jeder Schüler von seiner Bildungseinrichtung ein Laptop gestellt bekommen sollte. Passiert ist seither zwar nicht nichts, aber doch erschreckend wenig.

Immerhin gibt es die Unterrichtsplattform mebis , für die nach Hause geschickte Schüler von ihren Schulen Zugangsdaten geschickt bekommen haben. Wenig überraschend: Von Anfang an traten massive Serverprobleme auf, Anmeldung und Login waren zunächst nicht möglich, geschweige denn, sich Unterrichtsmaterialien zu laden und zu bearbeiten. Zeitweise war die Website komplett unerreichbar: Die Anbieter des mebis-Systems sprachen in einem Tweet davon, der Server sei Opfer einer DDoS-Attacke und man arbeite daran, ihn wieder zum Laufen zu bekommen. Immerhin ging die Website wieder online und blieb meistens in Betrieb, die Kinder lernten in der Home School mehr oder weniger fleißig.

Schon jetzt kann man erste Lehren aus dem Corona-Ausbruch ziehen, die das Land hoffentlich beherzigen wird, um bei der nächsten Pandemie besser gerüstet zu sein. Das Gesundheitssystem am Profit zu orientieren und kaputt zu sparen ist ebenso fatal, wie die Digitalisierung vor allem im Bildungsbereich zu verschlafen. Vielleicht benötigt es ja im Gesundheitswesen mehr staatliches Engagement statt der Doktrin von Profitabilität und im Bildungsbereich mehr Markt  und Flexibilität in Sachen Informationstechnologie. Letztendlich ist es für ein Fazit selbst an Ostern noch viel zu früh, das Schlimmste in der Krise könnte immer noch bevorstehen  – wir müssen mit dem auskommen, was da ist und auf unsere Disziplin und die Kreativität der Verantwortlichen vertrauen.

Immerhin: In Sachen Bildung gibt es neben den staatlichen Angeboten einen reichhaltigen Markt. Das beginnt bei Nachhilfeinstituten, die der Anordnung zur Schließung Folge leisteten und nur noch Fernunterrricht per Skype oder anderen Diensten gaben, und hört bei Unternehmen wie dem Duden-Verlag noch lange nicht auf. Letzterer bietet aber nun für zwei Monate einen Gratis-Premium-Zugang für sein Angebot Learnattack , eine Art digitale Nachhilfe.

Der Bayerische Rundfunk (BR) hat in seinem Bildungskanal BRalpha ein reichhaltiges Angebot von Bildungsfernsehen zusammengestellt , das ZDF präsentiert für junges Publikum jeden Alters ein Schulersatzprogramm in Form vieler Infotainmentsendungen in seiner Mediathek. Die digitalen Infrastrukturen scheinen zumindest in den Ballungsgebieten ausreichend für den starken Ansturm gerüstet zu sein, zur Not muss man sich in HomeOffice und HomeSchool aber absprechen. Für die Konferenz mit den Kollegen braucht es nicht immer Video und statt einen Stream zu glotzen, kann man auch mal ein Buch lesen. Reines Unterhaltungsprogramm gönnen wir uns erst nach Schul- und Büroschluss. Dazu müssen wir nicht einmal vor die Tür für ein Live-Erlebnis.

Kultur: Pianokonzert im HomeOffice

In Bayern haben seit Wochen alle Kinos geschlossen, Konzerthäuser haben schon vorher alle ihre Veranstaltungen bis einschließlich 19. April abgesagt, Verlängerung der Auszeit ungewiss. Für Musiker, die in der Regel selbständig schaffen und pro Auftritt bezahlt werden, natürlich ein wirtschaftliches Problem. Das gilt für alle Sparten: In der Populärmusik war vor dreißig Jahren ein Plattenvertrag noch wie eine Lebensversicherung, Touren hat man unternommen, um den Verkauf der Platte zu fördern. Tickets haben daher kaum mehr als die Vinyl- oder Siliziumscheibe gekostet. Heute ist es umgekehrt, selbst mit sehr erfolgreichen Streams ist kaum noch Geld verdient, Singles und LPs nehmen Musiker heute auf, um Publikum ins Konzert zu locken. Für die ganz Großen der Branche ist ein Hunderter für eine Karte auf einem einigermaßen akzeptablen Platz schon fast ein Schnäppchen.

Der Besuch der Oper oder des Konzertsaals ist somit nicht mehr teurer. Für die Kulturveranstalter sind Einnahmeverluste aber ein großes Problem, beinahe noch mehr als für die freischaffenden Künstler. Denn schließlich müssen komplette Infrastrukturen unterhalten werden, die fest angestellten Orchestermusiker und Chorsänger wollen weiter ihr Gehalt beziehen.

Aber für einen Künstler ist die ungeplante freie Zeit auch aus anderen Gründen ein Problem: Sänger wollen singen, Musiker wollen spielen. Und mehr als das: Dort, wo Menschen zusammenkommen, um gemeinsam mit den Künstlern Musik zu erleben, ist die Welt eine friedvollere und bessere.

Unter diesem Aspekt lädt nun der Pianist Igor Levit (fast) jeden Tag ab 19 Uhr zu einem Hauskonzert ein, das er live über seinen Twitterkanal @igorpianist streamt, mittlerweile waren es an die 30 Konzerte. Zugegeben, die Qualität von Bild und Ton lassen sehr zu wünschen übrig, stark abhängig von Internetgeschwindigkeit, Einschaltquote und natürlich Endgerät. Levit streamt unter anderem aus seiner Wohnung in Berlin, diese ist zwar so geräumig, dass ein Flügel gut Platz hat, aber eben kein Symphonieorchester, nicht mal ein Kammerorchester. Dennoch ist diese Art der Live-Musik weit näher einem echten Event als der Stream eines Albums. Das gäbe es von Levit zwar auch, anlässlich des Beethoven-Jahres hat er alle 32 Klaviersonaten des Meisters aufgenommen. Im Podcast 32xBeethoven des Bayerischen Rundfunks stellt er auch eine nach der anderen vor, in Klangbeispielen und Kommentaren. Hörenswert - als ob man neben ihm am Flügel säße uns sich Beethoven erklären ließe. In diesen Zeiten gibt vor allem die siebte Sonate mit ihrem Largo Trost, meint Levit.

Oper: Wien kommt nach Hause

Die New Yorker Metropolitan Opera (Met) hat schon vor einigen Jahren sein Publikum erweitert und sendet seine Aufführungen in Kinos weltweit. Hilft aber nicht weiter, wenn wie jetzt auch die Kinos schließen, gerade zu einem Zeitpunkt, da Met-Produktionen auf dem Spielplan stehen. Setzen wir uns in Anzug und Abendkleid dann eben vor den heimischen TVs und lassen uns in die Wiener Staatsoper entführen. Die sind zwar ebenso wenig wie die Met live auf Sendung, präsentieren aber jeden Abend eine andere Oper.  Die Vorstellungen sind gratis und stehen jeweils 24 Stunden zur Verfügung. Man benötigt aber ein Konto bei Cultureall.com – vielleicht kommt man ja auf den Geschmack und geht nach Ende der Krise auch mal so in die virtuelle Oper zu Wien, wenn das hiesige Haus nichts Interessantes auf dem Plan stehen hat. Auch Burgtheater, Volksoper oder Schauspielhaus laden zum virtuellen Besuch in Österreichs Hauptstadt. Wien ist aber nicht die einzige Kulturstadt, die ihr Programm in die Wohnzimmer der Welt sendet, schauen Sie einfach mal auf die Website ihres lokalen Opernhauses.

Kino: Daheim auch aktuelle Filme sehen

Ok, die üblichen Blockbuster wie "Parasite", "The Gentleman" etc. werden in wenigen Wochen auf den bekannten Video-on-Demand-Plattformen zur Verfügung stehen. Ob Netflix, Amazon Prime oder iTunes bzw. Apple TV+, die gängigsten Anbieter sind bekannt und brauchen keine gesonderte Vorstellung. Es gibt jedoch Anbieter abseits des Mainstrems, die weniger bekannte Filme im Programm haben, jedoch nicht aus dem B-Movie-Bereich, sondern eher Art House. Dazu gehört Beispielsweise der Nürnberger Filmverleih Grandfilm. Während der Schließzeit bietet Grandfilm einen besonderen Service an: den digitalen Kinobesuch . Auf dem Vimeo-Kanal des Filmverleihs kann man Filme aus dem Programm für knapp 10 Euro ausleihen, die Umsätze kommen Vimeo (á 1 Euro), Grandfilm (4,50 Euro) und einem lokalen Kino, das diesen Film im Programm haben würde, zu Gute. Nur noch Popcorn muss man selbst besorgen oder am besten selbst zubereiten, es ist nicht davon auszugehen, dass in den Märkten Mängel an den Ausgangsprodukten bestehen.

Auch auf aktuelle Blockbuster wird man in Zeiten der Kinoschließungen nicht verzichten müssen. So hat nun Universal angekündigt , Filme, die an sich noch im Kino laufen, über iTunes, Amazon und anderen Diensten für einen Preis um die 20 US-Dollar zu vermieten. Das betrifft etwa Filme wie "The Invisble Man" oder "Emma" und ist bis dato nur für die USA relevant – das Angebot sollte aber bald weltweit in den digitalen Stores abrufbar sein.

Wer aber in der Zeit nach den Ausgangssperren wieder sein Kino vor Ort besuchen möchte, hat starkes Interesse daran, dass dieses die Schließzeit wirtschaftlich überlebt. Dazu kann man auch von zu Hause aus beitragen, auf der Website hilfdeinemkino.de . Das geht ganz einfach: Kino in der Nähe auswählen und ein paar Minuten Werbung ansehen, die sonst im Kino gelaufen wäre. Somit bekommt man hier auch höhere Qualität der Verbraucherinformationen als etwa im Privatfernsehen.

Museumsbesuch in 360°

Das Lenbachhaus und die Pinakotheken liegen bei uns vor der Tür, und just nach der Bekanntgabe der Schließungen hat man einen unstillbaren Drang, die Münchener Museumsmeile zu besuchen. Bei den großen Museen ist das seit einiger Zeit kein Problem, denn Google hat in Kooperation mit den meisten die Ausstellungen digitalisiert. So findet sich auf einer Unterseite " Google Arts & Culture " eine Übersicht von knapp 500 Museen, die ihre Exponate auch digital anbieten. Von MoMA – The Museum of Modern Art – bis zu den Uffizien in Florenz. Einige große und berühmte Museen wie der Louvre sind leider nicht dabei, doch auch mit der vorhandenen Mediathek der Kunstwerke kann man sich viel freie Zeit vertreiben. Vorteil gegenüber dem tatsächlichen Besuch: Die Gemälde sind in einer guten Auflösung digitalisiert, man kann bis ins kleinste Detail einzoomen, es gibt also keine Bandabsperrungen oder Glasschutz. Just vor einer Woche hat Apple zudem als eine PR-Aktion die Eremitage in Sankt Petersburg verfilmt, mit einem iPhone 11 Pro. Der filmische Besuch in dem Museum dauert dann doch über fünf Stunden, man kann sich den Film jedoch aufteilen.

Weitere Informationen über Kulturveranstaltungen im Web finden Sie unter anderem bei der Süddeutschen Zeitung

Kirchen: Gottesdienst ohne Gemeinde, aber nicht ohne Erbauung

Zwischen Ostern und Pfingsten stehen bundesweit Kommunionen, Firmungen und Konfirmationen auf dem Plan. Diese müssen nun verschoben werden. Besonders das Verbot der Bundesregierung und der Regierungschefs der Bundesländer vom 16. März 2020 von Zusammenkünften in Kirchen, aber auch Moscheen und Synagogen hat weitreichende Folgen, von denen man noch nicht weiß, wie lange sie gelten. Kirchen rechnen bereits mit Verschiebungen auch der Mai-Gottesdienste. Aber die Hoffnung besteht, dass die Krise im Sommer weitgehend überwunden ist oder das Virus zumindest so weit eingedämmt, dass auch die Großeltern gefahrlos in der Kirche und später im Gartenrestaurant oder Restaurant mitfeiern können.

Bis dahin haben die Kirchen aber auch unabhängig von diesen Festveranstaltungen ein Problem. Sogar Rom ist dazu gezwungen, die Osterfeierlichkeiten im Petersdom ohne Gläubige außerhalb der Priesterschaft abzuhalten. Der Papst spricht den Segen "urbi et orbi" alleine auf dem Petersplatz, nur von einem Kamerateam in gebotener Distanz begleitet.

Aber auch die Gemeinden außerhalb des Bischofssitzes von Rom müssen sich umstellen und ihre Predigten und Segen per Stream oder Podcasts an die Gemeinde bringen. Man hat ja oft Apple-Keynotes mit Gottesdiensten verglichen, und wenn es nun wirklich nicht das gleiche ist, fehlt doch viel, wenn keine ”Jünger” bei Apple oder Gläubige in den Kirchen anwesend sind.

Abgesagt sind Andachten in Alten- und Pflegeheimen, hier besteht ja auch Besuchsverbot. Es besteht zu befürchten, dass die Notwendigkeit von Trauerfeiern in den nächsten Tagen und Wochen stark zunimmt. Hier gilt auch die Anweisung, sie unter freien Himmel und nur im kleinsten Kreis abzuhalten.

Der Fernsehgottesdienst ist ja seit Jahrzehnten eine bewährte Einrichtung, die vor  allem Älteren und Kranken die Teilnahme ermöglicht. In der Regel sind das Übertragungen aus großen Kirchen, mit Gläubigen vor Ort. Die nächsten Ausgaben werden ohne Öffentlichkeit stattzufinden haben. Wir gehen aber davon aus, dass sich anders als bei den Geisterspielen der Bundesliga sich hier keine Unvernünftigen zu Tausenden vor der geschlossenen Tür zusammenfinden werden.

Haben Sie weitere digitale Alternativen zur analogen Großveranstaltung ausgemacht? Was sind Ihre Erfahrung mit Arbeit, Vergnügen und Erbauung zu Hause? Dann schreiben Sie uns an redaktion@macwelt.de, wir werden diesen Artikel fortlaufend ergänzen.

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