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Wie Apple mir half, meine Instagram-Sucht zu bekämpfen

27.10.2021 | 16:30 Uhr |

Es ist ein Teufelskreis: Ich weiß, dass bestimmte Apps meiner mentalen Gesundheit schaden. Gleichzeitig machen mich eben diese Apps wahnsinnig süchtig. Dank Apple und neuer iOS-15-Features habe ich es geschafft, meine Instagram-Sucht zu bekämpfen. Ein Kommentar.

Eigentlich möchte ich unter der Woche um 07:30 Uhr aufstehen. Da ich mich über mein Smartphone wecken lasse, ist ein Blick auf mein iPhone zwangsläufig jeden Morgen das Erste, was ich tue. Im besten Fall habe ich über Nacht keine Mitteilungen von Freunden bekommen, die mich dazu veranlassen könnten, nach dem Ausstellen des Weckers sofort in eine andere App zu wechseln. Die Realität sieht oftmals aber anders aus: In der Regel bekomme ich noch vor dem Frühstück ein halbes Dutzend Mitteilungen von Instagram angezeigt. “Ach, was soll’s”, denke ich mir jedes Mal aufs Neue. “Ich schaue nur mal schnell, was die anderen mir da geschickt haben.” 

Man könnte meinen, dass man aus Fehlern lernt, doch gerade bei Suchtfällen blendet der Kopf gerne mal den Verstand aus. Sobald man erst einmal in der Instagram-Reel-Falle steckt, ist ein Entkommen gar nicht mal so leicht. Das Perfide an den sogenannten Reels von Instagram ist, dass sie kurz sind und der Swipe-Vorgang kein Ende hat. Wenn mir ein solches Kurz-Video nicht gefällt, swipe ich einfach weiter. Und wenn ich ein Reel gefunden habe, das mir gefällt, dauert dieses ja auch nur gerade mal 15 bis 30 Sekunden. Doch die Jagd nach dem nächsten Reel frisst mehr Zeit, als man denkt.

“Was, wenn mir ausgerechnet das nächste Video gefällt? Wenn es noch besser und unterhaltsamer ist, als das davor? Das möchte ich nicht verpassen”, denke ich mir, und swipe daher immer weiter, immer weiter, immer weiter. Auch die von mir selbst eingeredeten Limits (“Nur noch fünf mal swipen, dann machst du aus!” oder “Nur noch fünf Minuten!”) werden gerne übergangen. Ich verliere so leicht das Zeitgefühl. Irgendwann schaue ich dann auf die Uhr. Es ist 08:30 Uhr. Eigentlich wollte ich schon seit einer Stunde auf den Beinen sein, stattdessen liege ich im Bett und schaue Kurzvideos mit sinnlosem Inhalt. Ich fühle mich schlecht, weil ich meine Zeit vergeudet habe und in der vergangenen Stunde nichts Produktives geleistet habe. Mit diesem Gefühl starte ich also in den Tag und weiß genau, dass es am nächsten Morgen wahrscheinlich genau so wieder sein wird. 

Reels, TikToks, Shorts: Gefährlich erfolgreich

Viele Plattformen bieten das aktuell erfolgreiche Kurzvideo-Format an: TikTok hat es vorgemacht, Instagram hat mit den sogenannten Reels nachgezogen und auch auf Youtube kann man seit einiger Zeit die sogenannten Youtube-Shorts anschauen. Alle haben dasselbe Ziel: Die Nutzer mit möglichst kurzem Content möglichst lange auf der eigenen Plattform zu halten. Denn je länger Nutzer Zeit auf der jeweiligen Plattform verbringen, desto mehr Geld kann man damit verdienen. Dass dieses Kurzvideo-Format so erfolgreich ist, weiß auch Facebook: “Zuletzt kamen bereits 60 Prozent der Werbeeinlöse im Videobereich von Clips im Hochformat, die weniger als 15 Sekunden lang waren”, schreibt Die Zeit.  

Dass Eskapismus auch gesundheitsschädlich sein kann, zeigen zwei Facebook-Studien, die Mitte September für ordentlich Wirbel gesorgt haben. In den internen Studien wurden 2019 und 2020 Nutzerinnen und Nutzer zu ihrer Gesundheit befragt und welchen Einfluss Instagram auf ihr Befinden habe. "Wiederholt fanden die Forscher des Unternehmens heraus, dass Instagram für einen beträchtlichen Prozentsatz von jungen Nutzern schädlich ist, insbesondere für Mädchen im Teenageralter”, schreiben die Studienautoren. 

Die Kritik ist zwar nicht neu, wie aber das “Wall Street Journal” (WSJ) aufdeckte , hat der Mutterkonzern Facebook diese Studienergebnisse teils jahrelang unter Verschluss gehalten. Demnach sei in einer Facebook internen Präsentation der Satz gefallen: “ Wir verschlechtern das Körperbild bei einem von drei Mädchen im Teenager-Alter. Und das kann zum Teil lebensbedrohliche Auswirkungen haben. Etwa sechs Prozent der Nutzer in den USA, die sich selbst verletzt haben, konnten das direkt auf Instagram zurückführen. " Facebook hat dagegen trotzdem nichts unternommen.

Die Auswirkungen von Social Media können aber auch krasser sein: “Jedes dritte Mädchen im Teenageralter habe durch Instagram ein schlechteres Körperbild von sich selbst”, zitiert Die Zeit aus dem Artikel des WSJ. “Sechs Prozent der US-Nutzer hätten aufgrund der Plattform sogar schon einmal Suizidgedanken gehegt. Und generell würden viele Nutzerinnen Instagram als Grund nennen, weshalb es ihnen schlecht ginge und sie sich unattraktiv fühlten.”

Facebook ist sich den Konsequenzen seiner Nutzer durchaus bewusst. Laut Tagesschau nutzen allein in den USA 22 Millionen Jugendliche Instagram. Das bedeutet: Allein in den USA haben über 1,3 Millionen Jugendliche wegen Instagram über den Freitod nachgedacht. Doch anstatt die Gesundheit seiner Nutzer/innen ernst zu nehmen, weist Zuckerberg die Berichterstattung als “koordinierten Versuch” ab, Facebook schaden zu wollen. Für eine Social-Media-Plattform schon recht unsozial. Tatsächlich sehen Facebooks Pläne ganz anders aus: Da Facebook immer mehr durch den chinesischen Rivalen TikTok unter Druck gerät, will sich Zuckerberg nun noch stärker auf junge Nutzer ausrichten – auch wenn das bedeutet, dass ältere Zielgruppen dadurch nicht weiter so stark wachsen können wie bisher. 

Ist Smartphone-Sucht das neue Rauchen? 

Es ist kein Zufall, dass diverse Tech-Unternehmen in der jüngsten Vergangenheit vermehrt Digital-Health-Angebote liefern. Apple hat zum Beispiel mit iOS 15 ein neues Feature namens “Fokus” eingeführt, mit dem man einstellen kann, wann und von welcher App oder Kontakten man Benachrichtigungen zugestellt bekommen möchte. Auch schon davor gab es die Möglichkeit über die Bildschirmzeit ein Zeit-Limit für Apps festzulegen. Das Problem an der Sache ist: Bis man erkennt und vor allem sich auch selbst eingesteht, dass man in einer App zu viel Zeit verbringt und dies auch negative Folgen auf die mentale Gesundheit hat, kann es sehr lange dauern. Das wäre so, als wenn man einem Raucher die freie Entscheidung überlässt, ob er sich jetzt noch eine Zigarette genehmigt oder doch lieber freiwillig darauf verzichtet. 

Besagte Zeitlimits in Apps können nämlich kinderleicht umgangen werden. Auch wenn sie ein erster, wichtiger Schritt in Richtung Erkenntnis sind, hindern solche Zeitlimits uns Nutzer nicht konsequent daran, die Apps trotz erreichtem Limit länger nutzen zu können. Habe ich ein Limit erreicht, kann ich auf meinem iPhone anschließend einstellen, dass ich die entsprechende App trotzdem noch für eine oder wahlweise 15 weitere Minuten nutzen darf – alternativ kann ich das Limit für einen Tag auch komplett deaktivieren. 

Gleiche Plattform, unterschiedliche Probleme

In den Facebook internen Studien ging es tatsächlich mehr um die Foto-Funktion von Instagram und die daraus resultierende gestörte Selbstwahrnehmung der Nutzer/innen. Mein Problem ist nochmal ein ganz anderes: Reels sorgen (zumindest in meinem Fall) nicht dafür, dass ich mich wegen meines Körpers schlecht fühle, sondern sie stehlen mir einfach wertvolle Zeit. Was für Instagram gut ist, ist für mich schlecht. Tatsächlich hat Adam Mosseri, der Chef von Instagram, in einem Tweet vom 30. Juni selbst zugegeben, dass die vier wichtigsten Features, auf die sich Instagram in Zukunft konzentrieren möchte, Creators, Video, Shopping und Messaging sind. Das Video-Problem dürfte in Zukunft also noch gewaltiger werden als ohnehin schon.

Aber trotzdem sollte man das Problem nicht kleinreden, denn die Reels wirken sich trotzdem schlecht auf meine mentale Gesundheit aus. Es handelt sich um einen Teufelskreis: Starte ich schlecht gelaunt in den Tag, weil ich morgens zu viel Zeit auf Instagram verbringe, wirkt sich das auf meine Arbeit und  Konzentrationsfähigkeit aus. Was am Ende des Tages wieder dazu führt, dass ich mich von diesem Gefühl ablenken möchte und ich lande wieder bei Instagram. Der einzige Weg, wie man dem entgegenwirken kann, ist sich einzugestehen, dass man ein Problem hat. Und dieses Problem kann man zum Glück leicht bekämpfen. 

Problem “Instagram” bekämpfen: So geht’s

Zuallererst muss wirklich ein Wille vorhanden sein, etwas an seinem Verhalten zu verändern. Und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Smartphone-Hersteller wie Apple bieten mit dem Fokus-Feature und der Bildschirmzeit Funktionen an, die – wenn sie korrekt eingerichtet sind – uns Nutzern ein gutes Werkzeug der Selbstkontrolle sind.

Ich selbst habe mir mit der Bildschirmzeit ein Instagram-Zeitlimit von 35 Minuten pro Tag gesetzt. Dieses Limit muss natürlich jeder für sich selbst festlegen. Zusätzlich hilft mir das Fokus-Feature dabei, mich während der Arbeitszeit nicht doch “mal eben” auf Instagram zu verlieren. Darüber hinaus kann man auch was an persönlichen Gewohnheiten ändern. Anstatt mich mit dem iPhone wecken zu lassen, übernimmt dies nun meine Apple Watch. Das iPhone liegt zudem nicht mehr nachts neben mir auf dem Nachttisch, sondern lädt auf meinem Schreibtisch im Arbeitszimmer. Ich habe versucht, es mir selbst so schwer wie möglich zu machen, schon früh am Morgen in Social-Media-Zeitfallen zu tappen. Und es hat wirklich geholfen. Natürlich gibt es Tage, an denen ich die von mir gesetzten Limits nicht einhalten kann, aber dennoch habe ich es geschafft, mein Nutzungsverhalten stark zum Positiven zu ändern.

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